Rufus Wainwright - Rufus Does Judy At Carnegie Hall - Cover
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Rufus Wainwright Rufus Does Judy At Carnegie Hall


  • Label: Geffen/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 95 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Rufus Wainwright hat viele Stärken, Bescheidenheit gehört nicht dazu.

Wer als sechsjähriger Bub des Nachts von der eigenen Mutter aus dem Bett geholt wird, um die volltrunkenen Gäste der elterlichen Party mit einer unausgeschlafenen Version von „Over The Rainbow“ zu begeistern, der gehört eigentlich ins Kinderheim, um im Sinne einer gesunden geistigen Entwicklung vor solcherlei Übergriffen geschützt zu werden. In diesem Falle jedoch ist das pädagogisch äußerst fragwürdige Verhalten der Mutter zu entschuldigen, die Frau wusste einfach, dass ihr Sohn auf die Bühne gehört.

Auf einer der bedeutendsten Bühnen dieser Welt steht der nun nicht mehr kleine Rufus viele Jahre später tatsächlich, in der ruhmreichen Carnegie Hall von New York. Und intoniert, am Klavier begleitet von der stolzen Mama Kate McGarrigle, vor einem freudetrunkenen Publikum „Over The Rainbow“! Dies ist der wohl emotionalste Moment seiner Hommage an die große Judy Garland, deren 1961 gegebenes legendäres Konzert er auf "Rufus Does Judy At Carnegie Hall" gemeinsam mit einem 36-köpfigen Orchester Song für Song nachempfindet. Ein Ereignis, welches der selbsternannte „Gay-Messiah“ später als den „schwulsten Moment“ seines Lebens bezeichnet, denn Judy Garland gilt (obwohl selbst fünf Mal verheiratet) bis heute als Ikone der amerikanischen Gay Culture.

Stilecht leiht sich Wainwright für die temporäre Wiedergeburt einer Legende auch das geschichtsträchtige Artwork für seine Veranstaltung, mitsamt der gewagten Zuschreibung „World’s Greatest Entertainer“! Rufus Wainwright hat viele Stärken, Bescheidenheit gehört nicht dazu. Gut so, denn sein leichter Hang zum Größenwahn lässt ihn in der Carnegie Hall so authentisch wirken, dass es wirklich eine uneingeschränkte Freude ist, sich an eine der größten Sensationen der Musikgeschichte erinnern zu lassen. Mit viel Charme und beachtlicher Einfühlungsgabe interpretiert er das großartige Songmaterial längst vergangener Tage, gelegentliche stimmliche Aussetzer und verpasste Einsätze überspielt er mit unaufgesetztem Humor. Einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasst er auch jenen Kritikern, die ihn ob seiner bisher vornehmlich balladesken Veröffentlichungen bereits zum ewigen Trauerkloß degradieren wollten, denn Rufus Wainwright überzeugt mit viel Ausdrucksstärke und Elan vor allem in den schnelleren Stücken der Setlist, als Beispiel sei das unwiderstehlich swingende „Puttin On The Ritz“ genannt.

Gelungen auch die Wahl der Gäste, seine Schwester Martha bereichert den Abend mit ihrem inbrünstigen Gesangsbeitrag zu „Stormy Weather“ und Lorna Luft, Tochter der im Jahre 1969 verstorbenen Garland, schlägt auf ergreifende Art und Weise die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. „I believe in doing what I can/ In crying when I must/ In laughing when I choose” trägt er im bewegenden „If Love Were All” vor und niemand mag ihm diese Worte nach einer solchen Show nicht mehr abnehmen.

„Rufus Does Judy At Carnegie Hall“ gerät ebenso ehrlich wie musikalisch virtuos und ist deshalb eine würdige Hommage an eine einzigartige Künstlerin. Bleibt nur zu hoffen, dass die in dieser Rezension enthaltenen Informationen demnächst nicht irgendwelche unschuldigen Kinder um ihren wohlverdienten Schlaf bringen!

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