Tocotronic - Kapitulation: Live - Cover
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Tocotronic Kapitulation: Live


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 70 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

2007 war definitiv ein Tocotronic-Jahr. Schon lange sind die Trainingsjacken abgestreift, die vermeintliche Stilfrage der so genannten Hamburger Schule gebrochen und nun auch die Experimente aus Prog-Rock sowie elektronischen Avancen verarbeitet. Zurückgeblieben ist eine zu viert agierende Truppe, die Rockmusik mit lyrischen Textergüssen und Kampfeslust für den Untergang intelligent auslebt, wobei die verschiedenen Komponenten noch nie so stimmig waren, wie bei den Konzerten des gerade zurückliegenden Jahres. Die nun als Live-CD vorliegende Performance vom Auftritt im Hamburger Kampnagel (ein Kulturzentrum mit Schwerpunkt auf Theatervorführungen) ist eine grandiose Momentaufnahme, die Tocotronic nach 15 Jahren Bandgeschichte voller Spielfreude und Dringlichkeit zeigt. Trotz des Titels dürfen natürlich auch Klassiker wie „Drüben auf dem Hügel“ und „Freiburg“ nicht fehlen, die sich gut in den vorwiegend von „Kapitulation“ stammenden Rest einfügen und soundmäßig überaus rau daherkommen, wobei eine gewisse Dumpfheit im Klang auffällt.

Ein charmantes „Hallo Hamburg, schön wieder hier zu sein“ aus der sogar während der Ansagen elektrifizierenden Kehle Dirk von Lowtzows eröffnet den Abend und gleitet in den Opener „Mein Ruin“. Die Gitarren lärmen, das Schlagzeug lässt einen nicht stillstehen und die Spannung löst sich in ein krachiges Statement auf. „Ich Bin Viel Zu Lange Mit Euch Mitgegangen“ macht nach einem kurzen Feedback-Ausklang dort weiter und unternimmt eine Zeitreise, die so ziemlich jeden Tocotronic-Fan in seligen Erinnerungen schwelgen lässt. Alle hier vertretenen Songs, ob nun aus der Frühzeit, der Zwischenphase um „K.O.O.K.“ oder der dominierenden, auf ganzer Linie überzeugenden Gegenwart, präsentieren sich in bester Verfassung, die eine Live-Band zeigt, welche wohl nie eingespielter war und Gitarrist Rick McPhail spätestens jetzt als unumgängliches, viertes Bandmitglied offenbart. Rockige Dominanz und ruhige Zwischentöne zwischen Verzweiflung und Aufbruch sind die Eckdaten von Tocotronic 2007 und werden hoffentlich noch lange Gitarren-Rock-Freunde jeglicher Couleur strahlen lassen.

Die Spielfreude macht sich auch in den Ansagen bemerkbar, welche bei „Aber Hier Leben, Nein Danke“ mit den Worten „Ein Heimatlied gegen die Heimat. Aber man kann dazu tanzen.“ humorig einen Höhepunkt erreichen und von einer perfekt wütenden, doch stets eingängigen Version des oben genannten Songs eingerahmt werden. Atempausen sind rar gesät, auch wenn das mit „Luft“ passend betitelte Stück kurz ein wenig Ruhe einkehren lässt. Tocotronic haben wieder Spaß am Lärmen, wenn man als Beispiel „Sag Alles Ab“ betrachtet, das schon auf dem Album erquickend alles aus sich herauszuholen schien, doch live noch um einiges dreckiger daherkommt, ohne die von den Hamburgern bekannte Stilsicherheit zu entzweien. Eben dieses Kunststück aus Eleganz und drängelnden Rock-Momenten perfektionierte das Quartett auf dem letztjährigen Longplayer und schafft es nun, dieses auch live bestens arrangiert zu konservieren. Ein starker Beginn für das Musikjahr 2008, der in der Gesamtwertung nur unwesentlich von dem zeitweise etwas gedrungenen Sound getrübt wird.

Anspieltipps:

  • Ich Bin Viel Zu Lange Mit Euch Mitgegangen
  • Aber Hier Leben, Nein Danke
  • Kapitulation
  • Explosion
  • Freiburg

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