Get Well Soon - Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon - Cover
Große Ansicht

Get Well Soon Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon


  • Label: City Slang/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 60 Minuten
Artikel teilen:
9/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Schuldig im Sinne der Anklage!

Schuldig? Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich folgendes vor: Sie sehen einen jungen Mann Mitte 20. Um ihn herum stehen und liegen die unterschiedlichsten Instrumente. Stellen Sie sich vor er beginnt zu musizieren. Seine Musik trifft Sie punktgenau ins Herz und macht Ihr Leben von einen auf den nächsten Takt klangvoller. Seine Arrangements klingen schlicht atemberaubend und sind voller Melodien, die so ehrlich, zart und erhaben sind, dass Ihnen kalter Schauer über den Rücken läuft. Stellen Sie sich vor: Dieser junge Mann steht mit seiner Band auf der traditions- und ruhmreichen Bühne von Glastonbury. Sein Songwriting erscheint so unbeschwert, ambitioniert und strahlend, dass Ihnen beim Zuhören seiner Lieder Bands von Sigur Ros über Radiohead bis hin zu Bright Eyes durch den Kopf huschen. Stellen Sie sich vor er vereint verschiedenste Musikstile zu einem opulenten und formvollendeten Werk. Sehen Sie diesen jungen Musiker vor sich? Hören Sie diese Originalität, seine Detailliebe, diese unglaublich berührende Indie-Romantik? Öffnen Sie nun wieder Ihre Augen! Und jetzt... stellen Sie sich vor: Dieser junge Mann ist Oberschwabe.

Zugegeben, die Anlehnung an einen Roman von John Grisham ist aus thematischer Sicht doch äußerst unterschiedlicher Prägung. Aber genau wie die Geschworenen in „Die Jury“ könnte auch Ihnen bei der finalen Auflösung dieser kleinen Geschichte der Kinnladen bis zum Bordstein geklappt sein. Denn das hinter „Get Well Soon“ eigentlich das Ein-Mann-Projekt des 25-jährigen Wahl-Berliners Konstantin Gropper steht, der nur bei Live-Auftritten von einer rockenden Sieben-Mann Kapelle unterstützt wird, hätte man sich beim Jungferndurchlauf von „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon“ wahrlich nicht träumen lassen. Ganze vier Jahre lang hat Gropper an seinem Debüt gebastelt. Das musikalisches Talent wurde ihm scheinbar in die Wiege gelegt. Sein Vater ist Musiklehrer. Mit 5 Jahren bekam Konstantin Cello Unterricht und er erweiterte sein musikalisches Repertoire um das Schlagzeugspiel, sowie das Zupfen der klassischen und elektronischen Gitarre. Mit 14 spielte er in seiner ersten Band.

Die klassische Musik war ein ständiger Wegbegleiter seiner Jugend. So kommt der Aufbau seines Erstlings auch nicht von ungefähr. Das Album leitet mit dem ohrwurmigen Chor des Präludiums ein, fesselt und verzaubert in der Folgezeit, und entlässt erst zur abschließenden „Coda“ wieder aus seinem Bann. „Get Well Soon“ sind das Paradebeispiel dafür, was möglich ist, wenn man sich selbst keine akustischen Ketten anlegt und sich auch um keinen Preis anlegen lassen will. Es ist einfach schön, wenn man sich wie auf „You/Aurora/You/Seaside“ der Mixtur aus Blasmusik, Meeresrauschen und Mexikanischer Hochzeit hingeben darf. Oder sich von Akustik-Klampfe, Banjo und Weihnachtsglocken durch „Christmas in Adventure Parks“ treiben lässt. Es scheint, als platzen Groppers Kompositionen nur so aus seinen audialen Nähten. So interpretiert er Underworlds, durch den Kultfilm Trainspotting berühmt gewordenen Hit „Born Slippy“ dermaßen souverän und elegant, so dass sein „Born Slippy Nux“ durch jene ungemein durchdringende Aura zu bestechen weiß.

Seine musikalischen Vorbilder könnte man irgendwo zwischen Tom Waits („Your Endless Dreams“), Connor Oberst oder auch Leonard Cohen heraushören. „I Sold My Hands To Food Please Feed Me“ ist dermaßen packend, dass er ähnliche sich in den Bombast steigernde Balladen zu nur noch netten Melodien degradiert. Er jongliert mit musikalischen Stilistiken und Mitteln, als wäre es das einfachste auf der Welt. Bei „If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting“ findet man sich einem kleinen Café in Paris wieder, für das Gropper hiermit den hauseigenen Soundtrack komponiert zu haben scheint. Mit Schifferklavier, Trompete und eingestreuten Sprechgesangspassagen wird hier auch dem letzten genreverwurzelten Hörer vor Ohren geführt, dass dieser Mann ein unglaublich feines Gespür für die Musik in sich trägt. Ob zusammen mit seiner Schwester auf dem intimen „Help To Prevent Forest-Fires“ oder dem irrwitzigen „Witches! Witches! Rest Now In The Fire“. Das ist abwechslungsreiche und mit Hingabe inszenierte Popmusik.

„Rest Your Weary Head! You Will Get Well Soon“ besticht durch Kompositionen eines Lehrersohnes aus der Gegend zwischen Ulm und dem Bodensee. Und ebenso wie die zwar weltweit erfolgreichen, aber in ihren musikalisch Mitteln doch sehr beschränkten deutschen Exportschlager wie Rammstein oder auch Scooter, könnte „Get Well Soon“ die nächste große Hausnummer außerhalb deutscher Landen werden. Für uns sind sie es jetzt schon. Dieses Album gehört bereits heute zum heißesten Anwärter auf den Titel „Album des Jahres 2008“. Und würden die Vorwürfe gegen Gropper, Verführung des Hörers durch grandiose Symphonien, fahrlässiges Süchtigmachen durch schwelgerischen Akustikgenuss und leichtfertige Inkaufnahme einer CD-Dauerrotation ein- und derselben Platte lauten. Dann bliebe der gewissenhaften Jury nichts weiter übrig, als ein einstimmiges Urteil zu verkünden: Schuldig im Sinne der Anklage!

Anspieltipps:

  • You /Aurora / You / Seaside
  • If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting
  • I Sold My Hands Fo Food Please Feed Me
  • Born Slippy Nux
  • Witches! Witches! Rest Now In The Fire
  • Ticktack! Goas My Automatic Heart

Neue Kritiken im Genre „Art-Pop“
5.5/10

Slow Healer
  • 2017    
Diskutiere über „Get Well Soon“
comments powered by Disqus