Mary Gauthier - Between Daylight And Dark - Cover
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Mary Gauthier Between Daylight And Dark


  • Label: Lost Highway/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Als Kind schwänzte sie die Schule, haute regelmäßig von Zuhause ab und wohnte bei so genannten Freunden. Rastlos irrte Mary Gauthier (44) durch das Leben, immer auf der Suche nach irgendetwas, vielleicht auch nach sich selbst. Sie verfiel Drogen und Alkohol, landete in Entzugskliniken und im Knast – da war sie gerade 18 Jahre alt. Es dauerte lange, bis sie die Kurve bekam und ihr Leben ordnete.

Der Alkohol begleitete Mary auch die nächsten zehn Jahre ihres Lebens. Doch wenigstens lief es beruflich besser. Sie eröffnete ihr eigenes Restaurant, nachdem sich professionell zu kochen lernte. Und sie verarbeitete ihre Erfahrungen, indem sie begann Songs zu schreiben. Als sie genug Material zusammen hatte, verkaufte sie ihr gutgehendes Restaurant in Boston und startete eine Karriere als Musikerin in Nashville. Das war im Jahr 1997. Seitdem hat Mary Gauthier vier Alben aufgenommen, die sie als tiefsinnige Country- und Folk-Songwriterin zeigen, die mit persönlichen Geschichten und einer vom Alkohol und anderen gesundheitszerstörenden Substanzen geprägten Stimme zu fesseln weiß.

Im Laufe der Jahre hat sich Mary Gauthiers musikalischer Stil von uramerikanischer Country-Musik mehr und mehr in Richtung Folk und Singer/Songwriter verschoben. Sie verwendet zwar auch weiterhin country-typische Instrumente (Mandoline, Fiddel, Pedal Steel), doch die Tiefe und die latente Düsterkeit ihrer Songs geht weit über das normale Songwriting in der Country-Musik hinaus. Vergleiche mit Kollegin Lucinda Williams sind dabei nicht von der Hand zu weisen, zumal Mary Gauthier nun auch ein eindringliches Meisterwerk vorlegt, wie Lucinda es einst mit „Car Wheels On A Gravel Road“ (1998) getan hat.

„Between Daylight And Dark“ heißt es – und der Titel ist erwartungsgemäß Programm. In nur fünf Tagen live in Pasadena aufgenommen, legt die Songwriterin zehn Songs vor, die dem Hörer ob ihrer Eindringlichkeit heiße und kalte Schauer über den Rücken jagen. Bestimmt von den drei großen Ts (Trauer, Trost und Trennung) schweben die zerbrechlichen Stücke in ebenso schmaler wie beindruckender Instrumentierung durch den Raum. Hier ist keine Note zu viel, kein Ton am falschen Platz. Die Studiomusiker verrichten einen hervorragenden Job, der an die letzten Großtaten eines Johnny Cash gemahnt. Es ist das erste Highlight des noch jungen Jahres (wobei das Album außerhalb Deutschlands bereits im vergangenen Jahr erschien), das man sich dringend für die Jahres-Polls notieren sollte! Und es ist die Art von Platte, nach deren Hörgenuss man sofort losstürmt, um sich den gesamten Backkatalog des Künstlers zu besorgen.

Mary Gauthier singt zu Tränen anrührende Stücke („Thanksgiving“), sie begeistert mit dem absolut grandiosen „Can’t find the way”, bei dem sie von keinem Geringeren als dem großen Van Dyke Parks am Piano begleitet wird, und sie zaubert mit „Same road“ eine unvergleichliche Atmosphäre in den Raum. So düster und doch so schön – was für die Texte und die Musik gleichermaßen gilt. Und obwohl die Besprechung von „Between Daylight And Dark“ schon lange geschrieben ist, möchte sich der Rezensent nicht von dieser Platte lösen. Einer Platte, wie es sie viel zu selten gibt. Aber vielleicht ist das auch gut so. Denn auch an der Seltenheit erkennt man die wahre Pracht eines Albums.

Anspieltipps:

  • Please
  • Same road
  • I ain’t leaving
  • Before you leave
  • Can’t find the way
  • Between the daylight and the dark

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