Ayreon - 01011001 - Cover
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Ayreon 01011001


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 102 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

„01011001“ ist, anders als „The Human Equation“, eine Platte zum Fallen- und Treibenlassen.

Arjen Anthony Lucassen soll in den letzten Jahren seinen Geschmacks- und Geruchssinn weitgehend eingebüßt haben. Eine tragische Entwicklung, in der nur unverbesserliche Optimisten den zweifelhaften Vorteil sehen dürften, dass der Verlust der einen zumeist für die Schärfung der anderen Sinne sorgt. Ist nun also davon auszugehen, dass sich Herr Lucassen - bei allem Leid über den Verlust - einer feineren akustischen Wahrnehmung erfreuen darf? Besonders für einen Musiker wäre dies vielleicht zumindest ein winziger Trost. Nicht weniger tragisch ist wohl das Zerbrechen seiner Ehe mit der im vergangenen Jahr folgenden Scheidung. Hemmen all diese Schicksalsschläge oder besitzt Lucassen die Kraft, dieses Leid in positive Energie umzuwandeln und einen Befreiungsschlag zu bewirken? Dann stünde der Entstehung eines neuen Meisterwerkes eigentlich nichts mehr im Wege. Außer vielleicht das eigene Œuvre. In der Geschichte von Ayreon gibt es nicht einen Schwachpunkt zu entdecken. Seine ausgedehnten musikalischen Reisen führten Lucassen und seine namhaften Gefährten durch Zeit, Raum und die unbegreiflichen Dimensionen der menschlichen Psyche. Die dort widerstreitenden Charaktereigenschaften ließen den nach einem Unfall im Koma liegenden Protagonisten des letzten Albums eine Achterbahnfahrt der Gefühle erleben.

„The Human Equation“ bildete im Jahr 2004 nicht nur in musikalischer, sondern auch in thematischer Hinsicht den definitiven Höhepunkt in der Geschichte des Ayreon-Projektes. Durch die kontinuierliche Veröffentlichung erstklassiger Alben und dem damit entstehenden internationalen Renommee ist es inzwischen gewissermaßen zu einer Auszeichnung geworden, an einem Ayreon-Album beteiligt zu sein. Umso unverständlicher scheint es da, dass Alice Cooper dem Ruf nicht folgte und sich stattdessen lieber auf Tobias Sammet's neuem Avantasia-Album die Ehre gab. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen stilistischen Ausrichtung war diese Entscheidung aber wahrscheinlich gar nicht so verkehrt, denn Coopers kratzige Stimme hätte auf „01011001“ wohl eher unpassend gewirkt. Der kryptische Titel stellt übrigens den als Binärcode ausgedrückten Buchstaben Y dar. Y ist der Name eines fremden Planeten, dessen technologisch hochgerüstete Bewohner namens „Forever“ ihre DNA auf einem vorbeifliegenden Kometen platzieren. Der Himmelskörper ist unterwegs in Richtung Erde, wo er das Ende der Dinosaurier besiegeln und den Aufstieg der Menschheit einleiten wird. Zweck des Unterfangens ist die Wiedererlangung des Gefühlslebens, das den „Forever“ im Zuge ihrer wachsenden Abhängigkeit von der Technologie abhanden gekommen ist. Auf der Erde soll durch die Menschen eine Art Neuanfang gewagt werden, doch das geht natürlich schief...

Wir haben es also mit einer etwas konfusen Science-Fiction-Story zu tun, die dezente Kritik am technologischen Fortschritt übt. Entsprechend spacig, nachdenklich und mystisch angehaucht dringen die Töne aus den Speakern. Science-Fiction ist im Ayreon-Universum nichts Neues. Immer wieder nahm Lucassen thematisch Bezug zu der albumübergreifenden Rahmenhandlung, die unter anderem die Herkunft des Namen „Ayreon“ klärt. Eine genauere Beschäftigung mit der Geschichte dieses außergewöhnlichen Projektes lohnt sich also auf jeden Fall. An dieser Stelle soll es jedoch bei der groben thematischen Erläuterung bleiben. Science-Fiction lässt allerdings auch wenig musikalischen Spielraum und die Gefahr, sich zu wiederholen, ist groß. So ganz verhindern kann es Lucassen dann auch nicht, dass einem manche Passage ziemlich vertraut vorkommt, was in erster Linie an dem exzessiven Keyboard-Einsatz liegen dürfte. Dadurch entsteht zwar die typische Atmosphäre eines Sci-Fi-Ayreon-Albums, aber neue Akzente, wie sie auf „The Human Equation“ en masse vorkamen, vermag „01011001“ nicht zu setzen. Angesichts der wie immer kompositorischen Extraklasse ist das jedoch kein Beinbruch, zumal die prominenten Stimmen von Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation), Hansi Kürsch (Blind Guardian), Anneke von Giersbergen (ex-The Gathering), Jorn Lande & Co selbst die schwächsten Lieder auf ein überdurchschnittliches Niveau heben.

„01011001“ ist, anders als „The Human Equation“, eine Platte zum Fallen- und Treibenlassen. Spätestens bei „Beneath the waves“ entkoppelt sich der Hörer von allem Irdischen und schwebt hinfort ins Ayreon-Universum. Der Entdeckerdrang wird nur unzureichend bedient, erschließen muss sich so gut wie gar nichts, Überraschungen sucht man abgesehen von dem äußerst chilligen „Connect the dots“ besser woanders. Dafür darf man sich zurücklehnen, entspannen und mitnehmen lassen auf eine intensive Reise durch die Klangwelten Arjen Anthony Lucassens, der seine Frau und einen Teil seiner Sinne verlor, aber es einmal mehr vollbrachte, seine Fans zu begeistern, wenn auch nicht völlig umzuhauen.

„01011001“ ist neben der Standard-Variante mit 2 CDs auch als „Special Edition“ mit einer zusätzlichen DVD sowie als todschicke „Limited Deluxe Edition“ im DVD-Format mit ausklappbarer Digi-Verpackung zu haben.

Anspieltipps:

  • Liquid eternity
  • Connect the dots
  • Beneath the waves
  • The fifth extinction
  • Unnatural selection
  • The sixth extinction

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