Niels Frevert - Du Kannst Mich An der Ecke Rauslassen - Cover
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Niels Frevert Du Kannst Mich An der Ecke Rauslassen


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 31 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Neues akustisches Album von Nils Frevert - wieder mal schwer einzuschätzen.“

Er sei halt ein langsamer Mensch, sagt Frevert achselzuckend auf die Frage, weshalb er vier Jahre Zeit brauchte, um nach „Seltsam Öffne Mich“ wieder Musik zu veröffentlichen. Untätig war Frevert in dieser Zeit nicht. „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ klingt nach Lebenserfahrung, nach musikalischer Weiterentwicklung - und nach viel Sorgfalt. „Nach den Aufnahmen zu den ersten Songs habe ich gemerkt, dass es musikalisch gesehen einen Schritt geben wird, in eine völlig neue Richtung geht - dafür musste ich mir Zeit lassen“ schlägt Frevert einen weiteren Grund für die lange Wartezeit vor. Das Ergebnis dieser Entwicklung stimmt ihn merklich zufrieden. „Ich wollte genau diese ruhige Klangfarbe erreichen, ich bin - vielleicht anders als früher - nicht mehr der Meinung, dass man Lärm machen muss, um etwas auszusagen.“ Eine bemerkenswerte Erkenntnis für jemanden, an dessen musikalischer Prägung eine Band wie die „Fehlfarben“ großen Anteil hatte. „Lärmend“ ist jedoch tatsächlich ein Adjektiv, das überhaupt nicht zur Beschreibung seiner Lieder taugen mag. Eher treffen es da die Bezeichnungen „melancholisch“ und – wenn es auch ein wenig abgedroschen klingt – „verträumt“.

Wenn er in der autobiographischen Rückschau „Der Typ, der nie übt“ singt, er sei „Großer Künstler darin zu verdrängen/Die Worte zum Papiercontainer zu bringen“ wirkt das unglaublich gelassen und selbstzufrieden. „Ich bin wirklich gut darin, Dinge zu beenden, wenn es mal nicht voran geht. Und Versatzstücke daraus lassen sich später manchmal in neue Songs einbauen.“ Sein Gedankenrecycling führt ihn zu Texten, die in sorgsam geschliffenen Metaphern vom Sein und Werden, von Freundschaften und Alltagsbeobachtungen berichten. Eingefasst werden diese meist in gefühlvolle Streicherarrangements, für welche mit Werner Becker ein Musiker verantwortlich zeichnet, der bisher vor allem durch seine Auftragsarbeiten für deutsche Schlagergrößen wie Udo Jürgens oder Howard Carpendale bekannt geworden ist. Und weil sein Budget nicht an Jenes der vorgenannten Herren heranreicht, begeisterte er den Altmeister nicht mit monetären Argumenten, sondern indem er ihm seine Lieder einfach vorspielte – mit hörbarem Erfolg. „Becker ist für mich ein musikalisches Genie, er versteht es auf unglaubliche Weise, Stimmungen einzufangen und zu verarbeiten“ sagt Frevert zu dieser Zusammenarbeit, für die er in seinen Kompositionen bewusst viel Raum gelassen hat.

Eher im lässigen Jazz-Lounge Stil covert Frevert den Song „Ich Möchte Mich Gern Von Mir Trennen“, im Original von Hildegard Knef, ohne die Homogenität seines Werkes auch nur im Geringsten zu erschüttern. „Manchmal bleiben nur Bedenken/ Die Welt versteht einen nicht“ führt er die Selbstzweifel der Knef im wortwitzigen „S.O.S“ fort, denn „Sämtliche Vergleiche/ Hinken doch nur hinterher“, wie er im gleichen Titel konstatiert. Beeindruckend ist diese verletzliche Ehrlichkeit zwischen den Zeilen, die nur eine von vielen Puzzleteilen ist, die „Du Kannst Mich An Der Ecke Rauslassen“ zu einer der beachtenswertesten deutschen Veröffentlichungen der letzten Jahre machen. Völlig unverkrampft und elegant gießt er seine Worte in fast kammermusikalisch anmutende Formen, jeder Ton, jedes Wort scheint exakt an die richtige Stelle gesetzt. Fast zu bescheiden wirkt deshalb seine Formulierung auf die Bitte hin, sein Werk in einem einzigen Satz selbst zu beschreiben: „Neues akustisches Album von Nils Frevert - wieder mal schwer einzuschätzen.“

Anspieltipps:

  • Du Kannst Mich An Der Ecke Rauslassen
  • Waschmaschine
  • S.O.S
  • Niendorfer Gehege

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