Nick Cave - Dig!!! Lazarus Dig!!! - Cover
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Nick Cave Dig!!! Lazarus Dig!!!


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 54 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Blutsturz aus Worten und Ideen.

Mit der Figur des von den Toten auferweckten Lazarus, dem Schutzpatron der Aussätzigen, hat Nick Cave für sein neuestes Werk eine Metapher gefunden, an der er seinen evidenten Hang zur Morbidität einmal mehr ausholend abarbeiten kann. Der „Grinderman“ ist kaum im Kellergewölbe der Manie verschwunden, da schickt Cave vergnügt die nächste Ungestalt auf den Hörer los. „Einen Blutsturz aus Worten und Ideen“ stelle „DIG LAZARUS, DIG!!!“ dar, teilt der Australier gewohnt pathetisch mit, und tatsächlich gestaltet sich der Versuch einer stilistischen Festlegung ähnlich aussichtsreich wie das Unterfangen, einen Marshmallow an die Wand zu nageln.

„I don't know what it is/ But there's definitely something going on upstairs“, eine Textzeile aus dem unverschämt eingängigen Titelsong, darf da durchaus als Selbstauskunft zur Herangehensweise an die Kompositionen verstanden werden. Es ist zumindest zweifelhaft, ob Cave während des Schreibens der Stücke ein klares Bild dessen vor Augen hatte, was letztlich wirklich auf den Hörer einbrechen würde. Während „Dig, Lazarus, Dig“ und „Today’s Lesson“ zu Beginn die (keineswegs unerfreuliche) Vermutung nahe legen, der „Rotz ’n’ Roll“ des Grinderman würde schlicht im etwas expansiver angelegten Format der Bad Seeds fortgesetzt, erinnert „Moonland“ in seiner wabernden Beiläufigkeit eher an die irritierenden Soundexperimente der Royal Trux aus den frühen 90ern. „Night Of The Lotus Eaters“ schleppt sich im Anschluss wie eine träge, klagende Maschine düster durch die vorsätzliche Eintönigkeit seiner Struktur, eine wahrlich deprimierende Ode an die Trostlosigkeit. „Albert Goes West“ ist im Folgenden der opportune Gegenentwurf, die pure Euphorie, eine seltsam zeitgemäße Wiederbelebung des längst dahingeschieden geglaubten Surf Sound.

Spätestens hier hat der Australier den Hörer endgültig gepackt, spielt virtuos mit der gesamten Streuweite seiner Fähigkeiten. Wie selbstverständlich folgt der kreischenden, vulgären Notgeilheit von „Lie Down Here (And Be Me Girl)“ mit „Jesus Of The Moon“ eine streicheruntermalte Liebesgeschichte von fragiler Zärtlichkeit. Diese wirkt, umgeben von den gewohnt wortreichen lyrischen Vorträgen über sexuelle Begierde, Besessenheit und Verdammnis, fast ein wenig verloren. Doch eben diese Widersprüchlichkeit ist es, die als Teil des (wahrlich großen!) Ganzen ein bemerkenswert jugendlich geratenes Alterswerk ausmacht, dessen unbehauener Rock’n’Roll dem Poeten doch wesentlich besser steht, als sein Bart.

Der zum Größenwahn neigende Cave hat einmal festgestellt, der wohl größte lebende Songwriter zu sein. Bescheidenheit klingt anders. Doch wer diese Einschätzung nicht teilt, der sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die Beweislast stets beim Kläger liegt. Und „Dig, Lazarus, Dig!!!“ bringt wenig verwertbare Indizien, um Nick Cave nachzuweisen, dass er mit seiner Feststellung im Unrecht ist.

Anspieltipps:

  • Dig, Lazarus, Dig !!!
  • Albert Goes West
  • Lie Down Here (And Be My Girl)
  • Jesus Of The Moon
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