Bajofondo - Mar Dulce - Cover
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Bajofondo Mar Dulce


  • Label: Emarcy/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 72 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Tango trifft auf Electro- und Dancemusik. Klingt beim ersten Mal wie Erdnussbutter und Schokocreme oder Pizza Hawaii – Irritierend, aber gleichzeitig ist da das Versprechen auf ganz neue Sphären des bisher Gekannten. Dies ist die Richtung, die der Bajofondo Tango Club beschreitet und es sei gleich vorweg genommen, dass nicht wie bei den kulinarischen Gleichsetzungen nicht jeder Mann (und Frau) Geschmack an der Sache finden kann. Ob es nun an der Dauerbeschallung und Gewöhnung an eingängige Beats oder die Jahrhunderte lange Liebe zu Klavier und Geigen ist, findet man natürlich erst heraus, wenn man die Tiefen der Süßen See (Bedeutung des Titels „Mar Dulce“) erforscht.

Für den Normalsterblichen/Radiohörer weitestgehend unbekannt haben sich Gustavo Santaolalla und Juan Campodónico schon vor Jahren mit ihrem Erstling in die Herzen vieler DJs und Clubgänger gespielt. Unter dem Namen Bajofondo Tango Club geben sich die beiden Produzenten und Musiker das Ziel den klassischen Tango mit der gesamten Palette der heutigen Clubmusik aufzupeppen. Von House über Chill bis hin zu Trip Hop und nun mal den Genre benennenden Richtungen Dance und Electronica. Der Lohn bestand außer dem vielen Lob der Insider aus einem Latin Grammy und einem argentnischen Musikpreis 2003 für das argentinisch-uruguayische Doppel.

Die Stimmungsgeber der folgenden 72 Minuten sind klar die Klassiker Klavier, Geige und Akkordeon. Waschechter Tango wird auf und ab gespielt. Mal Uptempo mal etwas gemächlicher. Am besten setzt man diese Musik, daher auch die vorherrschende Stellung in Clubs, mit belebter Loungemusik gleich. Es handelt sich nicht um Beatmonster, die die Massen bis zur Besinnungslosigkeit hüpfen lassen, viel mehr bietet es sich an wirklich zu tanzen. Geschmeidig, modern und doch einer klassischen Struktur unterstellt. Gleich der Auftakt „Grand Guignol“ macht deutlich, warum es Preise für den Erstling gab. Behutsam, aber mit genug Tempo wird ein Klangteppich erschaffen, der durch die gerade genannte Kombination einfach nur erfrischend klingt. Aber das Genre allein rettet die Südamerikaner nicht, sondern der gekonnte Einsatz bestechender Tangorhythmen (Seien es die Geigen, das Klavier oder das brillante Akkordeon) in Symbiose mit einladenden Beats, die mal nur die Schlagzahl erhalten, öfters aber auch durch klare, aber nie ruppige Wechsel auffallen.

Damit „Mar Dulce“ aber auch im Eigenheim für Freude sorgen kann, haben die Bajofondo-Boys auch dieses Mal viele Interpreten um sich gescharrt. Der Europäer staunt bestimmt nicht schlecht, wenn er die Namen Elvis Costello und Nely Furtado (!) auf der Gästeliste erblickt. Für Letztere wird die beatlastige Musik schon längst zum Hauptgewerbe und so darf der Fan sich auf einen soliden Auftritt freuen. Genau wie Elvis Costello Auftritt sind dies die eher langsamen Stücke, die einem eine Pause gönnen. Der Geheimtipp unter den Zusammenarbeiten mit Interpreten auf diesem Album ist das frühe „Ya No Duele“, in welchem Santullo kein Problem hat, das recht hohe Tempo zu halten. Womit die langsamen Stücke dieses Albums, rein instrumental oder nicht, keinesfalls abgewertet werden sollen.

Manchmal wird es einen Tick zu poppig, wie bei Costello und manchmal zu einseitig, wie bei La Mala Rodriguez, aber letztlich überwiegen nicht die soliden Eindrücke, sondern die guten. Man muss dankbar festhalten, dass ein Unternehmen wie der Bajofondo Tango Club die Vielfalt in meist stumpf vor sich hin stampfenden Clubs und Diskotheken das Angebot um eine hinreißend interessante Richtung erweitert. Wer einen Tango-Bombast wie „Infiltrado“ und atmosphärische Perlen wie „Borges Y Paraguay“ gehört hat wird bestimmt verstehen, dass Tango keine aussterbende Musikklasse sein muss.

Anspieltipps:

  • Grand Guignol
  • Ya No Duele
  • Infiltrado
  • Borges Y Paraguay

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