R.E.M. - Accelerate - Cover
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R.E.M. Accelerate


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 34 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

„Accelerate“ ist eine dieser Platten, die genauso sein mussten, wie sie am Ende klingen.

Der R.E.M.-Fan ist gutmütig und verzeiht nach den popmusikalischen Meilensteinen „Out Of Time“ (1991) und „Automatic For The People“ (1992) auch schwächere Alben seiner Heroen. So war es nicht verwunderlich, dass das im Nachhinein als etwas steril empfundene und scheinbar ohne große Freude eingespielte letzte Studiowerk „Around The Sun“ (2004) fast überall mit guten Noten wegkam. Na klar, es gab ja auch ein paar sehr schöne Songs wie „Leaving New York“ oder „The ascent of man“, doch eine durchgehende Gänsehautatmosphäre konnte die Platte nicht erzeugen. Aber umgibt nicht sämtliche R.E.M.-Alben nach „Monster“ (1994) diesen unausgesprochenen Fluch der Unzufriedenheit?

„Monster“ war ein Befreiungsschlag, denn in Sachen Popmusik hatten R.E.M. alles gesagt und erreicht. Und sie wussten, dass sie es kaum noch besser machen konnten. Da war ein wütendes, lautes Album genau das richtige, um mit den freundlichen Melodien der Vergangenheit schlusszumachen. Die Band aus Athens, Georgia lärmte mit Wonne im Grunge-Sound und setzte ein letztes Ausrufezeichen, gegen das die nachfolgenden Werke nicht gewachsen waren.

Jetzt scheint es beinahe so, als würde sich die Geschichte wiederholen. Denn mit dem 14. Studioalbum „Accelerate“, das zusammen mit Produzent Jacknife Lee (U2, Bloc Party, Snow Patrol) im letzten Frühjahr in Vancouver, Dublin und Athens entstand, legen R.E.M. einen mit „Monster“ vergleichbaren Sound an den Tag, der mit schroffen Tönen und nur wenigen großen Melodien an den Grundfesten der Erwartungen an diese Band rüttelt. Elf Songs in 34 Minuten – das ist Quasi-Punkrock, der weder Balladen noch sphärische Klangmalereien verträgt (mit „Until the day is done“ und „Mr. Richards“ gibt es nur zwei Songs dieser Kategorie). Im Hause R.E.M. anno 2008 wird gerockt! Und dafür müssen ein paar liebgewonnene Dinge geopfert werden. Wir haben verstanden.

Gleich fünf Songs unter drei Minuten Spielzeit machen deutlich, dass diesmal so gut wie kein Raum für großartige Arrangements und schwelgerische Melodien da ist. Raue Riffs und mitunter aggressiver Gesang dominieren temporeiche Songs wie „Living well is the best revenge“, „Accelerate“, „Horse to water“ oder „Supernatural superserious”. Nur selten schleichen sich hymnische Momente ein („Man-sized wreath”, „Hollow man“) und ein im Ansatz vielversprechendes Stück wie „Houston“ ist nach zwei Minuten vorbei ohne dass etwas Nennenswertes passiert ist. Mysteriös oder einfach nur doof?

„Accelerate“ ist eine dieser Platten, die genauso sein mussten, wie sie am Ende klingen. Kein Entwurf am Reißbrett, kein Marketingplan – einfach nur Rock’n’Roll und großer Spaß, damit die Musiker noch spüren, dass sie noch am Leben und nicht zu Marionetten verkommen sind. Dass solche Ergüsse von der Öffentlichkeit zu Recht zwiespältig aufgenommen werden können, beweisen Platten wie „St. Anger“ (Metallica) und „The Best Damn Thing“ (Avril Lavigne). Sie retten eine Band bevor sie implodiert (Metallica) oder sie machen bei den Aufnahmen so viel Spaß, dass der Hörer davon Zahnschmerzen bekommt (Avril Lavigne). Hauptsache den Künstler hat’s gefreut. Ganz so drastisch ist es bei R.E.M. natürlich nicht, aber man spürt schon recht deutlich, dass „Accelerate“ keine verkopfte Michael-Stipe-Platte geworden ist. Die Band wollte endlich mal wieder amtlich abrocken und Fünfe grade sein lassen. Anders sind Spaßlieder wie „I’m gonna DJ“ mit „oohs“ und „aahs“ und einem fetten „yeah!“ am Ende nicht zu erklären. Uneingeschränkt gut finden muss man dies aber gerade deshalb nicht.

Anspieltipps:

  • Hollow man
  • Mr. Richards
  • Horse to water
  • Until the day is done
  • Supernatural superserious
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