Fettes Brot - Strom Und Drang - Cover
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Fettes Brot Strom Und Drang


  • Label: Fettes Brot Schallplatten/INDIGO
  • Laufzeit: 39 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Fettes Brot bleiben auch auf „Strom und Drang“ ihrer Bestimmung treu.

„Kirmesmusik!“ sagen ihre Kritiker. „Na und?“ antworten Fettes Brot. Die Jungs aus dem hohen Norden bleiben eben wegen ihrer Veränderungsresistenz relevant in der deutschen Musiklandschaft. Und es gibt sicherlich Verwerflicheres, als intelligente Texte in Melodien zu fassen, die sich beharrlich weigern, aus dem Gedächtnis zu verschwinden. Eine solch fies elektronische Verpackung, wie sie ein Charterfolg wie „Bettina (Zieh Dir Bitte An)“ von den Broten erhält, lässt sich auch durchaus unter „Zielgruppenorientiertheit“ verbuchen. Ihre kluge Warnung vor dem sexuellen Overkill in den Medien kommt nämlich dank seines eingängigen Mitgröhl-Refrains letztlich genau dort an, wo sie benötigt wird: Bei den angesprochenen Jungs und Mädchen in den Tanztempeln des Landes - und auf Dauerrotation bei den (der Mittäterschaft keineswegs unverdächtigen) Musiksendern.

„Strom und Drang“ beschreibt recht gut, was den Hörer hier erwartet, die meist elektrifizierten Kompositionen kommen in der Mehrzahl eben recht dringlich und kraftvoll daher. Nicht viel ist übrig geblieben von der fast ein wenig altersmilde wirkenden Seichtheit des Vorgängers, der tatsächlich reichlich nah „Am Wasser Gebaut“ war. Für das aktuelle Werk lässt sich hingegen die zum Auftakt ausgegebene Losung „Lieber Verbrennen Als Erfrieren“ bedenkenlos unterschreiben. Der „Boom-Boom-Chak“-Beat, zu dem „Das Traurigste Mädchen Der Ganzen Stadt“ (welches von Mias Mieze gegeben wird) sich bewegt, bemüht die brachialsten Synthesizerklänge in der Geschichte der Nordlichter. Kaum weniger gewaltig, der Thematik jedoch durchaus angemessen, dröhnt im Anschluss das von gut gebauten Mädchen verursachte „Erdbeben“. Humorvoll und mit viel Wortwitz bewaffnet ziehen die Jungs gegen den Schlankheitswahn in die Schlacht: „Die leichten Mädchen aus den Hügeln ärgern sich über die letzte Diät/ Denn auch sie woll’n Popo wackeln doch jetzt ist es zu spät/ Anstatt runder dicker Backen hört man nur die Knochen knacken/ Eure Mama muss für euch mal Kuchen backen!“ Frühlingsgefühle verursacht das fröhlich vom Schlagzeug vor sich her getriebene „Allererste Mal“ der Brote, zu dessen ungewöhnlich rockigem Gelingen Bernadette La Hengst als Gastsängerin ihren Teil beiträgt.

Dass es manchmal nicht mehr als eine einzige Zeile braucht, um den bedrückenden Zustand des deutschen Rap umfassend zu beschreiben, beweisen Fettes Brot mit der grammatikalischen Bruchlandung „Der Beste Rapper Deutschlands Ist Offensichtlich Ich“. Deutlich ernsthafter befasst sich der Song „Automatikpistole“ mit dem gewissenlosen Erfolgskalkül der Möchtegerngangster Bushido, Fler & Konsorten: „Keine Frage ihr seid hohl so wie RTL2/ Da mach ich mir nichts mehr vor, da bin ich ehrlich/ Doch wärt ihr nur dumm - Pech für euch, weiter wär‘ nichts dabei/ Aber obendrein seid ihr auch noch gefährlich/ Was seid ihr für Menschen? Was für Götter? Was für Statussymbole?/ Dicke Autos, ´n paar Nutten, Automatikpistole/ Um euch herum schart ihr ´n Haufen blinder Soldaten/ Und mit denen bringt ihr den Krieg in jeden Kindergarten.“ Klare Ansage ans geistige Nichts und für den Moment auch mal wirklich Schluss mit Lustig. Steht den Jungs nicht schlecht diese Ernsthaftigkeit, welche in „Ich Lass Dich Nicht Los“ gar noch eine Steigerung erfährt. Aus einem vermeintlich harmlosen Liebeslied entwickelt sich eine todbringende Tragödie, die Geschichte wird geschildert aus dem überzeugend verstörten Selbstverständnis eines Stalkers. Für die Dramaturgie ist der ausdrucksstarke Gesang Finkenauers dienlich, welcher auf dem Vorgänger bereits virtuos den Titel „An Tagen Wie Diesen“ verdüsterte.

Sehr erwachsen gerät auch der Abschluss des strömenden Drangs der Fetten Brote: „Hörst Du Mich“ stellt stilsicher die Relationen zwischen wirklich ewigen Helden (Marvin Gaye, Sophie Scholl und der Obdachlose Herbert werden stellvertretend genannt) und den medial konstruierten Idolen der Gegenwart klar. „Und ich weiß noch genau/ Es lief nur Scheiss im TV“ ist alles, was die Hamburger für die Teilzeithelden der Gegenwart übrig haben, während die Leistungen der wahren Größen in rührenden Worten Würdigung erfahren. Dieser Titel lässt sich tatsächlich schwerlich mit der Vorstellung einer fröhlichen Fahrt im Autoscooter vereinbaren, grundsätzlich bleiben Fettes Brot jedoch auch auf „Strom und Drang“ ihrer Bestimmung treu und lassen geschmackssicher die Spaßgesellschaft freundlich lächelnd ins offene Messer der klug versteckten Wahrheiten laufen. Demnächst auch auf eurer Dorfkirmes!

Anspieltipps:

  • Lieber Verbrennen Als Erfrieren
  • Bettina (Zieh Dir Bitte Etwas An)
  • Ich Lass Dich Nicht Los
  • Automatikpistole
  • Hörst Du Mich

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