The Kills - Midnight Boom - Cover
Große Ansicht

The Kills Midnight Boom


  • Label: Domino/INDIGO
  • Laufzeit: 31 Minuten
Artikel teilen:
10/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Mit vollster Überzeugung. Wie damals fühlt es sich an, als die Strokes und die White Stripes sich 2001 aufmachten, was vom Rock übrig war zu retten und Limp Bizkit und Korn obsolet werden zu lassen. Lässig dahin geworfen; schlampig unbekümmert; reduziert aufs nackte, melodiöse Songgewand; und doch immer inszeniert und mit doppelbödigen Authentizismus – das dritte Studioalbum der famosen Kills ist der in Worten ungenügend beschreibbare Hammer, das erstaunliche, perfekte kleine Stück Rockmusik.

Doch bedarf es dieser Diagnose an einigem Mut. Denn die Kills machen es dem intellektuell, analysierend Blick schwer. Ich unterstelle: gewollt. Sympathischen Authentizitätsbonus holen sie sich allenthalben ab in der Rockwelt. Etwa wenn Alison Mosshart, der Inbegriff der Göre, bevor „Cheap And Cheerful“ einsetzt, ein Raucherhusten verlautbaren lässt, der den Kaffeesatz des letzten Morgens und all die Kippen zu zu früher Stund auszuspeien droht. The Kills are keepin’ it real. Der Dreckshuster wird nicht rausgeschnitten. Aber dann das Video dazu! Als gäben sie mit Absicht der Musik bewertenden Fachschaft Nahrung zum Meckern, stellt sich Miss Mosshart hin und wiederholt ihren eigenen, auf Einmaligkeit beruhenden, situativen Authentizitätsbonus visual. Exemplarisch verdeutlicht diese Episode die Kills’sche Paradoxie: dreckiger, punkiger Underground – ausgefeilt und ausgedacht.

Machen wir es kurz, vor dem selben Problem, in anderer Manier, standen wir bei den reichen Internatskindern, die „Is This It“ in die Welt fragten ja auch schon und hatten uns doch entschieden, Attitüde Attitüde sein zu lassen und am Ende nur die Musik zu betrachten. Weil sie letztlich unendlich aussagekräftiger erscheint, als alle Musikvideos, Plattencover und Interviews zusammen. Und, ob ausgedacht hin oder her, am grundsätzlichen Vorhaben, Rock aller falscher Manierismen berauben zu wollen und ihn dadurch minimalistisch zu intensivieren will ich nichts Falsches finden. Das darf von mir aus Slash, denn die Kills’sche Diskographie liest sich wie ein Feldzug gegen Schwanzrock, musikalischen Plattitüden und ausgewachsener Gitarrensoligeilheit.

Und so unterliegt auch „Midnight Boom“ der Do-It-Yourself-Attitüde der Vorgänger. Bloß nicht zu kompliziert, bloß nicht zu falscher Rock-Authentizismus, dann lieber zu viel des gegenteiligen Gehabes. Und reingelegt sind alle Kritiker die sich daran stören, denn es ist den Kills wichtiger dekonstruierbares zu dekonstruieren als Neues zu schaffen. Deshalb erwächst das Album aus dem lumpigen Sound eines End-Achtziger Akai-MPC-60-Drum-Sequencers, der da holtert und poltert und mit dem 21. Jahrhundert nur bedingt vereinbar erscheint. Deshalb ist es auch abschließend egal, ob Frau Mosshart spontan hustet oder ausgedacht. Richtig angegangen ist Dekonstruktion auch eine Kunst.

Den wirklichen Unterschied zu den Vorgängeralben aber erwirkt die Einbeziehung eines Fremdeinflusses. Produziert wurde „Midnight Boom“ von Spank Rocker Alex Epton. Und der bringt weniger einen Hip Hop-Einfluss in den dreckigen Minimalismus der Kills, als vielmehr Perkussivität. Überall trommelt, scheppert, klatscht und schlägt etwas auf diesem Album. „Midnight Boom“ ist ein Rhythmusmonster. Eine Beat-Maschine. Eine Paradoxie: uneingängig catchy.

Jamie Hince und Alison Mosshart haben die Simplizität perfektioniert. Die Rhythmuslastigkeit zieht sich durch bis zum Gesang, besser den Stimmen. Reduzierend wird hier mit dem Call-And-Response-Schema hantiert – einer spricht, der andere antwortet. Ständig. Hince und Mosshart – Rock und Roll.
„Tape Song“ und „Last Day Of Magic” befremdeln schaurig schön, „U.R.A. Fever”, „Getting Down” und „Sour Cherry” sind die coolen Säue des Albums. „M.E.X.I.C.O.” und „Alphabet Pony” die alten Kills. Und „Black Balloon“ und „Good Night Bad Morning“ die notwendigen sentimentalen, aber erhabenen Verschnaufer in dieser Offenbarung. Auf gefährlicheres Terrain kann man sich bei Kritiken nicht wagen, aber: Dieses Album wird bleiben.

Anspieltipps:

  • U.R.A. Fever
  • Cheap And Cheerful
  • Tape Song
  • Getting Down

Neue Kritiken im Genre „Indie-Rock“
Diskutiere über „The Kills“
comments powered by Disqus