Overhead - Metaepitome - Cover
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Overhead Metaepitome


  • Label: Musea/Pängg
  • Laufzeit: 59 Minuten
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10/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

In den letzten Jahren wurde dem klassischen Prog-Rock durch den so genannten New-Art-Rock zunehmend der Rang abgelaufen. Selbst etablierte Prog-Größen wie Porcupine Tree haben ihren Sound teilweise derart radikal verändert, dass man ihn kaum noch dem ursprünglichen Prog zuordnen kann. Die Finnen Overhead widersetzen sich diesem Trend. Auf ihrem zweiten Studioalben finden sich zwar auch neuartige Prog-Elemente wieder, aber im Kern spielt die Band einen Stil, der sich irgendwo zwischen Rush und Pink Floyd verorten lässt. Dabei gelingt Overhead das Kunststück, nicht wie eine dreiste Kopie oder ein lauwarmer Aufguss zu klingen, sondern traditionelle Elemente mit Spielfreude und Geist zeitgemäß zu präsentieren. Die wahre Faszination aber entfaltet das Album durch sein intensives Flair, das fast schon New-Age-Charakter hat, den Hörer augenblicklich packt und nicht mehr entkommen lässt.

Bereits der Opener und Titeltrack schöpft aus dem Vollen. Das 20-minütige Epos baut eine subtile Fantasyathmosphäre und wartet ebenso mit traumhaft-elegischen Passagen, wie mit himmlischen Refrains, tollen Melodien und treibendem Gitarrenrock auf. Der Sänger stellt unter Beweis, dass er über ein ausgeprägtes, sehr variables Organ verfügt. Zwischendurch finden sich immer mal wieder eingestreute Zitate von Pink Floyd bis Saga. Einen dermaßen in sich geschlossenen, ausgeglichenen und dynamischen Longtrack hat es seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben. Ein absoluter Suchttitel. Und so geht es weiter. „Warning: ending (without warning)“ wuchtet sich zwischenzeitlich zu einem Bombastrocktrack allererster Kajüte ein, wird aber jäh von sanften Pianoklägen und wundervollem Gesang in nüchternere Bahnen gelenkt, bevor das Ganze wieder von Vorne loslegt. Der krachende Chorus hätte ruhig noch öfter wiederholt werden dürfen.

Spätestens bei „Point of view“ ist klar, vor viel Ideenreichtum und kreativem Potenzial diese Band sprüht. Hat man anfangs noch den Eindruck, einen lupenreinen Retro-Hit vor sich zu haben, folgen alsbald himmlische Gitarrensoli, die von einem an den Vorgängertitel erinnernden Refrain abgelöst werden. So viel Abwechslung in einem nur fünfminütigen Lied zu verarbeiten, das muss man erst mal schaffen. Gestreckt hätte man aus „Point of view“ ein Epos machen können, das dem Titeltrack in Nichts nachstünde. „Butterfly's Cry“ ist jenes Lied, das gekonnt wie nie die Brücke zwischen Retro-Prog und New-Art-Rock schlägt. Moderne Gitarren paaren sich mit altmodischen Keyboardklängen. Stakkatoähnlicher Gesang kulminiert in eingängigen Refrains. Als wären die neuen Porcupine Tree in ihre eigene Vergangenheit gereist und hätten unterwegs Spock's Beard mitgenommen. Schlichtweg grandios.

Das große Finale „Dawn“ zieht zum Schluss noch mal alle Register. 16 Minuten Prog-Rock vom Feinsten. Das Fundament bilden psychedelische Klänge, die entfernt an Pink Floyd erinnern. Der Gesang hat etwas mystisches. Man meint der Zeremonie eines Eingeborenenstammes, das seinen Gott huldigt, beizuwohnen. Und der Refrain ist einmal mehr zum Dahinschmelzen schön. Vielleicht ist der Song zum Ende etwas zu lang geraten, aber besser zu lang als zu kurz, nicht wahr? Ist der letzte Ton verklungen, wird man sich nicht dem Drang entziehen können, die Repeat-Taste zu betätigen. Schon lange gab es kein Album mehr, in das man so tief eintauchen konnte wie in „Metaepitome“. Wem es nach ständigen Innovationen und schwer durchzuschauenden Songstrukturen düstert, der sollte vielleicht Abstand nehmen, wer aber Interesse am traditionellen Prog-Rock im modernen Gewand hat, sich auf eine spirituelle Reise durch faszinierende Klanglandschaften entführen lassen möchte und sein Gehör dabei nicht überanstrengen will, für den dürfte an diesem Album nur schwer ein Vorbeikommen sein. Abseits aller Trends vermögen Overhead die Begeisterung für den klassischen Prog-Rock neu zu entfachen. Ein Meisterwerk!

Anspieltipps:

  • Dawn
  • Metaepitome
  • Point of view

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