Bernd Begemann Und Die Befreiung - Glanz - Cover
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Bernd Begemann Und Die Befreiung Glanz


  • Label: Begafon/INDIGO
  • Laufzeit: 60 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Begemann hat seine Lieder von Grund auf überholt und auf den neuesten Stand gebracht.

Eigentlich macht Bernd Begemann immer alles irgendwie richtig. Seien es seine Platten, wo er sogar schlechte Songs noch gut verkauft, seien es seine Konzerte, die nach dreieinhalb Stunden glückliche Zuschauer zurücklässt, obwohl Bernd meist dieselbe Melodie auf der Gitarre spielt oder seine Schauspielversuche in „Schröders wunderbare Welt“, die so niedlich sind, wie die Filmbesprechungen in seinem Podcast „Ohrensessel“. Aber mit der Vermarktungsstrategie zu seiner Best-Of-CD „Glanz“ ist irgendwas gehörig schief gegangen. Keine Reviews auffindbar, probehören überhaupt nicht möglich, die Internetseite bezweifelt die Existenz nicht, aber verrät nicht einmal wann das Werk erscheint und führende Internetkaufhäuser liefern nur sehr mürrisch und zeitverzögert – der Postbote war nett. Eigentlich ist das Album immer noch eine Legende, obwohl es neben mir liegt und darauf wartet, besprochen zu werden.

Ein Jahr lang wurde es verschoben, hinausgezögert und nun zum 20ten Bühnenjubiläum der Ikone (darf man hier wohl mal ironiefrei schreiben) aus Bad Salzufen ist das Best-Of-Album nun endlich erschienen und es ist nicht einfach nur eine Zusammenfassung seiner 15 Alben, so wie es mittlerweile in dem zweifelhaften Greatest-Hits-Compilation-Geschäft gang und gebe ist, sondern es sind alles Neuaufnahmen seiner größten Hits, die er seit 2003 mit seiner Band „Die Befreiung“ auf Konzerten und Festivals spielt. „Glanz“ ist somit das zweite Album dieser Konstellation, nach „Unsere Liebe ist ein Aufstand“, das beim Hamburger Label Grand Hotel van Cleef erschien. Danach erschien seine Solo-Platte „Ich werde sie finden“ (2007) auf seinem eigenen Label Begafon, auf dem die Band teilweise vertreten ist.

Natürlich ist es schwierig bei dem gewaltigen Songmaterial die richtigen Songs auszusuchen und von daher steht nicht die Frage nach den besten Liedern im Vordergrund, sondern welche seiner Solo-Lieder sich mit „Der Befreiung“ verändert haben. Deshalb findet man kein Lied der letzten beiden Alben und man findet auch nur Lieder, die sich beim Publikum durchgesetzt haben. Den Anfang macht „Gefangen in einem Samstag Nachmittag“, was wunderbar funktioniert und dicht gefolgt von „Eigentlich wollt ich nicht nach Hannover“ wird, das seinen ganzen Charme an ein Uptempo-Musikkleid verliert. Man möge lieber das Live-Album aus 2001 zurate ziehen, um dieses hübsche Lied zu hören. Es bleibt der einzige Ausrutscher auf dem Album. Der Rest der Songs ist eine Bereicherung. Man merkt bei den Songs, dass sich die Band nicht einfach nur im Studio getroffen hat, um die Lieder runterzurotzen, sondern ein wirklich gutes Album abliefern wollte, mit vielen neuen Ideen. Sei es die tiefbeeindruckende Melancholie am Ende von „Was macht Miss Juni im Dezember“, die tiefbrummende Bassline am Anfang von „Fernsehen mit deiner Schwester“ oder die dynamische Gebundenheit der Band in „Bleib zuhause im Sommer“, man merkt zu jedem Zeitpunkt, dass die Band musikalisch und emotional auf die Lieder einsteigt. Man steht selbst plötzlich mitten in den Liedern, schaut ihnen zu, wie sie erzählt werden und man will selbst auch „Deutschland verstehen“ oder was von Miss Juni erzählt bekommen.

Es bleiben natürlich Lieder, bei denen man sich fragt, wieso sie auf der CD gelandet sind. „EgoShooter“ ist zum Beispiel viel zu schnell, „Deutsche Hymne ohne Refrain“ auch leicht überflüssig und „Ich kann dich nicht kriegen, Kathrin“ bis auf die klangliche Qualität wie auf seinem Album „Endlich“ (2003). Zudem fragen Hardcore-Fans, was sie mit „Unten am Hafen“, „Bist du dabei“ und „Selten“ sollen, waren die Lieder doch schon auf der limitierten Editon des „Unsere Liebe ist ein Aufstand“-Albums. Und daran sieht man auch, das Album ist nicht für die Hardcore-Fans, die sowieso alle Lieder in diesen Versionen von dem „Freitag der Befreiung“ im Hamburger Knust kennt, sondern für die Gelegenheitsbesucher, die kein Album haben, aber gern zu einem Konzert gehen und nun die Hits mit nach hause nehmen können.

Den besonderen Charme haben die Lieder, wenn „Die Befreiung“ aus dem Hintergrund die Background-Vocals übernehmen, es sich alles beinahe musical-artig ineinander verdreht und doch das richtige Timing triumphiert („Unten am Hafen“). Wer sich davon nicht überzeugen lässt, der bekomme die Coverversion von dem Time Twister-Song „Was weiß Yvonne“ auf die Ohren, der lyrisch und musikalisch den begemannschem Stil in nichts nachsteht und vielleicht sogar heimlich verrät, wo der selbstbewusste Songwriter seine Idole versteckt.

Über Bernd Begemann muss man nicht viel mehr sagen. Schlagwörter wie „Erfinder der Hamburger Schule“ und „großes Idol für Bands wie Tocotronic und Tomte“ sind abgedroschen und die Vielzahl kleiner Prominente wie Michy Reincke oder Jasmin Wagner sagt mehr über seine eigentliche Bescheidenheit als über den Stand, den der elektrische Liedermacher hat. Und es ist ihm gelungen eines der besten Greatest-Hits-Alben der letzten Jahre zu produzieren, indem er seine Lieder von Grund auf überholt und auf den neuesten Stand bringt. „Es geht um Schönheit, die fehlt. Glanz, der uns verwehrt blieb.“

Anspieltipps:

  • Gefangen an einem Samstag Nachmittag
  • Was macht Miss Juni im Dezember
  • Unten am Hafen
  • Fernsehen mit deiner Schwester
  • Der brennende Junge
  • Gut im Bett (Nirgendwo Sonst)
  • Was weiß Yvonne
  • Romantischer Narr

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