Kettcar - Sylt - Cover
Große Ansicht

Kettcar Sylt


  • Label: Grand Hotel Van Cleef/INDIGO
  • Laufzeit: 44 Minuten
Artikel teilen:
10 1 9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Hoffnungslos gestrandet! Auf einem Stück Land inmitten der Nordsee, das ständig der Gefahr ausgesetzt ist auseinander zu brechen. Ein sinnbildlicheres Fleckchen Erde hätten Kettcar für Ihr gleichnamiges drittes Album wirklich nicht ansteuern können. Denn „Sylt“ ist nicht nur Sonne, Strand und Westerland, sondern steht auch für Ignoranz, Egoismus, Übermaß und den allgegenwärtigen, Hummerknackenden und Sektschlürfenden Wolf im gesellschaftlichen Schafspelz. Wir schreiben das Jahr 2008. Der Typ vom Balkon sieht genauso bitter aus wie vor sechs Jahren. Der Rasierer ist wahrscheinlich immer noch kaputt und die Ränder unter den Augen haben sich indes vervielfacht. An seinen 30ten Geburtstag kann er sich mittlerweile erst recht nicht mehr erinnern und es scheint als habe er sich endgültig mit dem tristen Grau seines darwinistischen Alltags abgefunden. Damit, dass er mittlerweile zu alt ist Bierflaschen zu schmeißen, Flugblätter zu verteilen und Häuser zu besetzen. Heute hat er Kinder, eine multifunktionale Einbauküche von Ikea in Burgunderrot und lenkt einmal die Woche seinen geleasten Familien-Kombi durch die Waschanlage. Aber tief drinnen brodelt es noch gewaltig.

Grand Hotel Krisenreporter Marcus Wiebusch betrachtet das Geschehen um sich herum akribisch nüchtern wie immer. Und Kettcar packen die kritischen bis bitterbösen Bestandsaufnahmen ihres Sängers in ein für die Band bisher ungewohnt wütendes und eckiges Soundgewand. Tatkräftige Unterstützung erhielten sie dabei von Aufnahmekapitän Moses Schneider, der bereits anderen deutschsprachigen und musikalischen Hoffnungsträgern wie Kante oder Turbostaat, ihren verborgenen akustischen Ungehorsam beigebracht hat. Auch auf „Sylt“ ist diese neue zornige Vielseitigkeit an allen Ecken hör- und fühlbar. Und im Gegensatz zum tragisch-romantisch verklärten Vorgänger „Von Spatzen, Tauben, Dächern und Händen“ ist der Wurm hier nicht sofort im Ohr und es braucht unter Umständen ein paar Durchläufe mehr bis es Klick macht. Dann aber gewaltig! Wie z.B. auf dem die menschliche, wirtschaftliche und politische Doppelmoral anprangernden und von einer düsteren Elektro-Smog-Atmosphäre vernebelten „Fake For Real“. Aber schon nach kurzer Zeit wächst der bedrückende Song auch „... Auf der bösen falschen Seite vom Flachbildmonitor“ und ist dann nicht mehr aus dem Kopf zu schütteln. Ebenso wenig wie das beinahe schon episch rockende „Würde“, welches sich genauso wie das rastlose „Geringfügig, Befristet, Raus“ am gnadenlosen Scheitern in und an unserer Leistungsgesellschaft reibt.

Auch das kongeniale Duett von Wiebusch und Ex-Nationalgalerist Niels Frevert „Am Tisch“ hinterlässt seine eindringlichen Spuren. Alte Freunde, die zusammen die Gläser erheben, sich aber durch ihre unterschiedlichen Lebenskarrieren hoffnungslos voneinander entfernt haben und aus dieser niederschmetternden Erkenntnis heraus noch einen letzten gemeinsamen „ ...Toast auf das Leben“ anstimmen. Ganz groß! Aber selbst wenn das Album wie auf dem verbittert enttäuschten „Verraten“ seinen gleichermaßen gebrochenen und intimsten Moment offenbart, bläst der Wind auf „Sylt“ doch meist stürmisch durchs Ohr. Ob auf der ersten und zunächst überhaupt nicht (wie von den vorherigen Alben gewohnt) gemütlich klingenden Singleauskoppelung „Graceland“ oder dem zwar musikalisch beschwingten, aber inhaltlich sinnlosen Streben eines „Nullsummenspiel“. Die Gegenwart erscheint düster, unsicher und erdrückend. Und dies spiegelt sich nicht nur in den Texten sondern auch im rauen Ton der Band wieder. Da verzetteln sich die Instrumente, peitschen sich gegenseitig an, klingen hier auch mal schief und verhaken sich dort scheinbar aussichtslos ineinander. „Kein Außen Mehr“ macht seinem Titel alle Ehre, wenn im Refrain die Gitarren wütend ins Leere peitschen und die Songhülle scheinbar in tausend Teile zerspringt.

Aber trotz der äußerst pessimistischen Standortbestimmung, wollen Kettcar ihr und unser aller „Sylt“ dann doch nicht ohne jede Hoffnung untergehen lassen. Auf dem tobend wilden „Wir Werden Nie Enttäuscht Werden“ Punkrocken die Hamburger Jungens dann noch mal alte „But Alive“ Tage zurück ins Gedächtnis. Allen beängstigenden Zukunftsperspektiven zu trotz, lodert ganz am Schluss dann doch noch ein Funken Zuversicht auf. „Sylt“ ist die beklemmend realistische Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft und gleichzeitig Kettcars bemerkenswertestes Album. Wiebusch erklärt uns die Welt. Entlarvend, authentisch und gegenwartsnah. Seine Band musiziert kraftvoller, komplexer und detailverliebter denn je und vertont hiermit eine böse, aber auch ungemein aufrichtige Darstellung des Klagen, Scheitern und Vergessen einer Generation, die trotz Altersvorsorge und Ikea-Einbauküche die Hoffnung auf Veränderung dann schließlich doch noch nicht ganz aufgegeben hat.

Anspieltipps:

  • Am Tisch
  • Kein Außen Mehr
  • Fake For Real
  • Verraten
  • Würde
  • Wir Werden Nie Enttäuscht Werden

Neue Kritiken im Genre „Indie-Pop“
6/10

Absence
  • 2014    
Diskutiere über „Kettcar“
comments powered by Disqus