Nine Inch Nails - Ghosts I-IV - Cover
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Nine Inch Nails Ghosts I-IV


  • Label: The Null Corporation
  • Laufzeit: 110 Minuten
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9.5/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein 36 Titel starkes Instrumentalwerk, in vier Partitionen untergliedert.

Beängstigend. Die Produktivität dieses Mannes, von dem alle in den Neunzigern dachten, das nächste Jahr sei sein letztes. Lagen zwischen den ersten vier Alben jeweils fünf beziehungsweise sechs Jahre, dürfen wir uns seit „With Teeth“, anno 2005, über regelmäßigen Output erfreuen. Trent Reznor hat inzwischen Frieden gemacht mit seinen Dämonen. Nicht das er ein glücklicher Mensch geworden ist, aber er weiß mit ihnen gewinnbringend umzugehen und muss sich nicht mehr jahrelang vor der Welt verstecken. Er weiß, will hier heißen: hat es akzeptiert, dass er gut ist. Wohl auch, dass niemand, in dieser immer schäbigeren Alternative-Hardrock-Industrial-Szene, die Ästhetik des Leids so künstlerisch anspruchsvoll in Musik umzusetzen versteht, wie er. Ist das wirklich passiert, dass Korn und Marilyn Manson zeitweilig für seine Konkurrenz gehalten wurden?

Noch beängstigender, was er nun, nur ein Jahr nach der immer noch schmerzenden Doppelpeitsche „Year Zero“ plus Remixalbum, in die kaltdunkle Welt schleudert. Gerne wird hierfür der Begriff Opus inflationär verwendet: Ein 36 Titel starkes Instrumentalwerk, in vier Partitionen untergliedert – „Ghosts I-IV“. Physisch zwar nach wie vor als altbewährtes Doppelalbum erhältlich, geht Reznor indes konsequentere Veröffentlichungswege. Wie schon mit Freund und geistig verwandtem Stirnrunzler Saul Williams erprobt, für dessen aktuelles Album Reznor über die Hälfte der Songs mitgeschrieben und mitgesungen, respektive – gesprochen hat, erscheint auch „Ghosts I-IV“ als Download-Variante per Eigenvertrieb, da man die verhasste Plattenfirma, seit „Year Zero“, ja gottlob losgeworden ist. Fünf Dollar für das mp3-Format, zehn für die bestellte Doppel-CD, bis zu 300 für irgendeine obskure Special Edition, „Ghosts I“ gar, als kompletten Free-Download. Jeder nach seinem Gusto.

Es kommt noch ambitionierter: Das dazugehörige Bildmaterial dient als künstlerische Vervollständigung, nicht als bloßes Schmuckwerk. Insofern ist die digitale Anschaffung vom Protagonisten erwünscht, denn im kleinen CD-Booklet kann gar nicht funktionieren, was am möglichst großen Computerbildschirm sprachlos macht. Jedem Track ist ein Foto zugeordnet, was in offen direkter, manchmal seltsamer Art und Weise für den Song steht. Man möchte ganze Häuserwende mit diesen Fotos bewerfen, während man einer schlafenden Stadt dieses wahnsinnige Musikkunstwerk injiziert.

Was bleibt resümierend zu sagen über diese 36 Stücke von Trent Reznor? Die vollständige Abstinenz von Lyrics und der mehrheitlich synthetische Sound lassen dieses Werk zu einer Geisterfahrt mutieren. Knapp zwei Stunden wird man sich leider nur selten hintereinander einverleiben können, die wenigen Male, die man es tut, wird man umso weniger bereuen. Dass Steel-Gitarren so lebensmüde verzerrt, dass Xylophone so umbarmherzig erfroren klingen und Mandolinen so faszinierend seltsam in sich auftürmende Synthi-Teppiche verwoben werden können, gewiss niemand hätte es für möglich gehalten und es brauchte die Nine Inch Nails, uns dies zu verdeutlichen.

Herausgepickt ist die 14 ein angenehmer Drogentrip, beklemmend zaghaft die 28, Gänsehaut stellt sich ein bei der 32, die 16 verwirrt durch catchy minimal gebrochene Beats, die 24 erschrickt treibend energetisch, fast schon diskotauglich und die 22 ist einfach nur zeitlos. Aber ach: Entzieht sich Kunst einer eingehenderen Deskription, darf man vor ihr den Hut ziehen. Trent Reznor hat das mit Abstand atemberaubendste Kunstwerk seines Lebens geschaffen. Beängstigend.

Anspieltipps:

  • Track 24
  • Track 32
  • Track 6
  • Track 16

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