Der W - Schneller, Höher, Weidner - Cover
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Der W Schneller, Höher, Weidner


  • Label: 3R Entertainment/Tonpool
  • Laufzeit: 55 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Bei Weidner ist 3 mal 3 bestimmt auch nicht 9, seine Selbstsicht lässt sich in der Ignoranz der eigenen Fehler durchaus mit der des „weltbesten“ Karlsson vom Dach vergleichen.

Die Böhsen Onkelz haben sich aufgelöst, ihre Fans nicht. Zu ihrem Abschiedskonzert auf dem Lausitzring pilgerten im Jahr 2005 unglaubliche 120.000 Menschen, um dem Ende eines Mythos beizuwohnen. Ihr ehemaliger Texter, Denker und Bassist Stephan Weidner kämpft nun erstmal allein gegen die bösen medialen Mächte, die ihm seine Vergangenheit trotz häufig geäußerter Läuterungsabsicht einfach nicht verzeihen möchten. Reichlich berechnend ist jedoch sein unablässig formulierter Vorwurf an Medien und Öffentlichkeit, seine Musik werde nicht objektiv betrachtet und stets nur im Zusammenhang mit seiner Vergangenheit am rechten Rand der Gesellschaft bewertet. Denn Weidner selbst blickt in seinen Texten derart häufig und provokativ zurück, dass jedwede Zweifel an seinem Bewusstsein über die kommerziell förderliche Wirkung seines Images unangebracht sind.

Direkt der Opener nimmt deshalb die alten Weggefährten konsequent mit in die Gegenwart und kündigt selbstbeweihräuchernd, martialisch und militärisch zackig „Den W. Zwo Drei“ an, der keinen Zweifel daran lässt, dem Erfolgskonzept der Onkelz treu bleiben zu wollen: „Ich singe vor/ Singt es zurück!“ Streitbar ist er, die ewige Identifikationsfigur der Verlierer eben, der immer noch voller Stolz zu berichten weiß „Mich zu hassen/ Fällt nicht schwer!“ Es folgt der musikalisch eingängige und fesselnde „Geschichtenhasser“, in dem Weidner seinen Status als Erzähler, der direkt in Herz und Seele seiner devoten Hörer schauen kann, noch einmal gänzlich unironisch abfeiert. In „Waffen und Neurosen“ wird die Pistole effekthascherisch und billig geladen und abgefeuert, während sich der W. in Selbstmitleid suhlt: „Da draußen ist nichts, nichts für mich/ Das klingt so schlimm wie es ist/ Nur Wünsche und Makel/ Und Herzen die schlafen.“ Gesellschaftsanalysen aus dem Mund eines Märtyrers, der es unverändert versteht, seine Parolen musikalisch derart mitreißend einzukleiden, dass das Mitgrölen fast unvermeidlich ist.

Handwerklich ist dem W. eh’ nichts vorzuwerfen, seine Stimme trägt die Kompositionen recht gut und wird mit Effekten belegt, wenn dies einmal nicht der Fall ist. Auf vier Songs kommen (live eingespielte!) Streicher zum Einsatz, hier und da wagt er elektronische Spielereien - alles exakt so dezent eingesetzt, dass sich kein Freund der musikalischen Auswürfe der Böhsen Onkelz entsetzt abwenden wird. Lieder wie „Tränenmeer“ und „Stille Tage im Klischee“ wären auf Live-Konzerten der Onkelz keineswegs negativ aufgefallen, etwas weniger mit dem melodischen Holzhammer um die Ecke kommen hingegen „Angst“ und „Schatten“, die ihre Sogkraft subtiler entwickeln und deshalb durchaus das Zeug zu „Langzeitfavoriten“ auf Weidners Werk haben. Auch das wehmütige Gefühl des Abschieds wird mit geschicktem Kalkül bedient, der Abgesang „Asche zu Asche“ blickt in verklärter Trauer auf die Geschichte der Onkelz zurück – von welcher sich zu distanzieren Weidner einmal mehr bewusst verpasst. Vielmehr bekräftigt er nachdrücklich, keine Sekunde dieser gemeinsamen Zeit zu bereuen, was die umstrittenen ersten Jahre ihres Treibens zweifelsfrei und demonstrativ einschließt.

Weshalb es der Medienlandschaft weiterhin so ungemein schwer fällt, einen Umgang mit Weidner und dessen Musik zu finden, ist eigentlich unverständlich. Der falsche Weg ist es sicherlich, den W. und die Onkelz weiterhin einfach zu verteufeln, denn diese Haltung löst letztlich nur den Reiz des Verbotenen aus und macht Weidner wesentlich bedeutsamer, als er es ob seiner zwar durchaus unterhaltsamen, sich jedoch häufig in Größenwahn und Selbstherrlichkeit verlierenden lyrischen Ergüsse eigentlich ist. Für Pubertierende in der Selbstfindungsphase waren die Onkelz eben durch ihre mediale Ausgrenzung erst wirklich interessant, denn auf kindliche Ideale wie Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach und TKKG mussten nach den ersten Rückschlägen des Erwachsenwerdens zwangsläufig Helden folgen, die das in dieser Phase oftmals vorherrschende Gefühl des Verlierens und Ausgeschlossenseins kannten und teilten. Und auch wenn Weidner im Song „Liebesbrief“ beteuert „Ich tauge nicht als Motiv/ Für deine pubertäre Posterwand“ – eben in dieser Zielgruppe platziert er sich durch seine ewige „Dagegen, das ist mein Leben“ – Haltung sehr bewusst, trifft sie doch das Lebensgefühl all derer, die auch gerade rebellieren möchten.

Bei Weidner ist 3 mal 3 bestimmt auch nicht 9, seine Selbstsicht lässt sich in der Ignoranz der eigenen Fehler durchaus mit der des „weltbesten“ Karlsson vom Dach vergleichen. In diesem Kontext gesehen verliert der Herr doch gleich gewaltig an Bedrohlichkeit. Und als Ergebnis der intensiven Selbstreflexion möchte uns ihre W-nigkeit mit „Höher, Schneller, Weidner“ gänzlich unpolitisch ohnehin vor allem eines mitteilen: Weidner hat sowieso den längsten Atem!

Anspieltipps:

  • Geschichtenhasser
  • Tränenmeer
  • Angst

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