Götz Widmann - Böäöäöäöäöä  - Cover
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Götz Widmann Böäöäöäöäöä


  • Label: Ahuga/ALIVE
  • Laufzeit: 62 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Frech, rotzig, vulgär, hart, lustig, nachdenklich, laut, leise, langsam und schnell.

Das eingerostete Liedermacher-Genre, welches jahrelang Reinhard Mey als Aushängeschild hatte, schien zu Beginn der 90er keine Zukunft mehr zu haben. Niemand interessierte sich noch für Akustikgitarren und Songs, in denen zumeist kein Schlagzeug zu hören war. In Zeiten vieler gesellschaftlicher Probleme wirkten die ganzen Schön-Wetter-Themen geradezu heuchlerisch. Doch gerade als das Genre in Vergessenheit geraten wollte, revolutionierten 2 Bonner Freunde unter dem Namen „Joint Venture“ eine komplette Musikrichtung. Getauft wurde die Revolution „Liedermaching“, gesungen wurde nun mit viel Humor und Satire über alltägliche Dinge, wie Drogen, Sexualität, Politik und Alkohol. Wer die Gelegenheit hatte, einmal Martin „Kleinti“ Simon und Götz Widmann in Aktion zu erleben, darf sich glücklich schätzen. Denn vor allem live waren die Beiden einfach göttlich. Kein Auge blieb trocken, kein Lachmuskel unbenutzt, kein Bier voll. Im Jahr 2000 starb Kleinti mit 33 Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt. Götz entschied sich zum Glück dafür, allein weiter Musik zu machen. 2001 brachte er sein Solodebüt „Götz Widmann“ heraus, welches nahtlos an den früheren Humor anknüpfte. Nachdem die letzte CD „Habt euch lieb“ mit Gastmusikern aufgenommen wurde und kein Liedermacheralbum im klassischen Sinn war hört man auf dem neusten Werk wieder nur Götz und seine Gitarre. „Böäöäöäöäöä“ wurde wie das 2003er Album „Drogen“ live aufgenommen, enthält aber zum Unterschied des Letztgenannten nur neues Material.

Nachdem auf der letzten Scheibe die sonst gewohnte Rauheit vermisst wurde, kehrt Widmann auf dem neusten Werk zurück zu provokanten, witzigen Texten. Gleich beim Hören des Openers wird die wiederentdeckte härtere Gangart deutlich: Getreu dem Motto „alles was ich hasse“ brüllt sich Götz die Seele aus dem Leib wie schon lange nicht mehr. „Die dritte Hand“ ist eine Art Sprechgesang mit sanften Gitarrenklängen. Bemerkungen wie „Und wenn man sich mal eine bricht, wen stört das, mich nicht“ werden so beiläufig eingeworfen, dass man sich vor Lachen nicht mehr Halten kann! Grinser sind auch im darauffolgenden Lied „Das kleine Bühnenmikrofon“, das sich mit ungereinigten Klubmikros auseinandersetzt, garantiert. Legendär auch die davor zu hörende Ansage. Der absolute Höhepunkt der CD ist allerdings das letzte Stück „Umweltkatastrophe“. Obwohl nur ein Gedicht, nimmt der Titel mit einer derart sarkastischen Art und Weise das Problem der Erderwärmung auf die Schippe, dass man vor Lachen vom Stuhl rutscht!

Bei Joint Venture war Götz hauptsächlich für die Texte und Kleinti für die Melodien zuständig. Wenn man die anderen Alben von den beiden und von Götz kennt, wird man viele Parallelen in den Melodieläufen entdecken. Sicherlich ist es als ein Musiker, der nur mit Akustikgitarre spielt, nicht immer leicht, Songs abwechslungsreich zu gestalten und es geht beim Liedermaching auch nicht vordergründig um die Musik, sondern um die Texte. Allerdings kann man schon erwarten, dass nicht komplette Akkordwechsel von früheren Liedern 1 zu 1 übernommen werden. „Simon de Beauvoir“ beispielsweise weist mehr als nur starke Parallelen zu „Das Recht auf Arbeitslosigkeit“ von seinem ersten Soloalbum auf. Auch vermisst man die auf den letzen Alben immer wieder eingesetzten Mundharmonika-Läufe, die sich an vielen Stellen angeboten hätten. Die Texte sind hier und da nicht die größte Dichterkunst und könnten in die Rhythmen durchaus besser eingegliedert werden.

Davon mal abgesehen bekommt man auf dem neuesten Werk Widmann in seiner Urform. Frech, rotzig, vulgär, hart, lustig, nachdenklich, laut, leise, langsam und schnell. Für jede Gefühlslage ist etwas dabei! Dabei schafft er es immer wieder den Nerv der Zuhörer zu treffen und kann so ziemlich jeder alltäglichen Situation etwas Komisches abgewinnen. Götz, bitte mach noch viele Jahre genau so weiter!

Anspieltipps:

  • Die dritte Hand
  • Podolski
  • Unfreiwillig nackt im Web
  • Umweltkatastrophe

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