Scarlett Johansson - Anywhere I Lay My Head - Cover
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Scarlett Johansson Anywhere I Lay My Head


  • Label: Rhino/WEA
  • Laufzeit: 44 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Eigentlich konnte die Information, als sie begonnen hatte sich in diversen Internet-Foren auszubreiten, anfangs gar nicht für bare Münze genommen werden. Denn mal ehrlich: „Die mit einem (für eine Frau) durchaus tiefen Organ ausgestattete, begnadete Hollywood-Schauspielerin Scarlett Johansson (Die Insel, Match Point, Scoop, Reine Chefsache, Die Schwester der Königin, Die Tagebücher einer Nanny) soll ein Tom Waits-Coveralbum aufnehmen“ klingt erstmals eher nach einem weiteren Witz, den sich die 23jährige in ihrer Blitzkarriere als nächste Marilyn Monroe anhören muss. Schließlich ist Singer/Songwriter Thomas Alan Waits nicht gerade für seine leichte Kost und fröhlich-aufmunternde Songs bekannt, die von einer hohen Piepsstimme begleitet werden, womit aus dem angeblichen Scherz natürlich noch ein hoher Grad an Sarkasmus zu entnehmen war.

Als sich dann herausstellte, dass an dem Gerücht doch mehr dran war als anfangs angenommen, wurde man hellhörig und hielt die Idee für durchaus akzeptabel und vielversprechend. Auf dem fertigen Werk, das nach dem Song „Anywhere I lay my head“ von Tom Waits 1985er Album „Rain dogs“ betitelt ist, gibt es allerdings nicht nur Scarletts Gesangskünste zu begutachten, sondern auch David Bowie meldete kurzfristig sein Interesse am Projekt an und unterstützt Johansson in zwei Songs („Falling down“, „Fannin Street“), während Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs an der Gitarre aushilft und Produzent David Andrew Sitek seiner Funktion als Multiinstrumentalist nachkommt und durch seine Mitarbeit an TV On The Radio Sänger Tunde Adebimpe als Partner für (und das ist wohl die größte Überraschung) eine Eigenkomposition der Schauspielerin namens „Song for Jo“ ins Boot geholt hat. Zwar ist dieser Song in Kooperation mit Sitek entstanden, aber immerhin.

Wird also letztendlich „Anywhere I lay my head“ in den CD-Player gelegt, erschlägt den Hörer gleich der instrumentale Opener „Fawn“, der sich als Einleitung zu den folgenden zehn Stücken mehr als würdig erweist, da er nicht nur die traumwandlerische Verschrobenheit der kommenden 40 Minuten aus Blues und Folk mit einem Spritzer Art-Rock bestens bebildert, sondern auch den roten Teppich (wie es sich für einen Hollywood-Star eben gehört) standesgemäß auszurollen weiß. Im grandiosen „Town with no cheer“ darf Scarlett nun das erste Mal die Stimme erheben und gibt ihre Performance ganz wie die rauschhaft an einem vorbeiziehenden, schwermütigen Klangflächen als laszive Blues-Sängerin stets nachdenklich, melancholisch und selbstbewusst. Das nachfolgende „Falling down“ bedient sich der selben Formel, obwohl Johansson hier im Duett mit David Bowie nicht nur dem Engländer stimmlich klein bei geben muss, sondern auch den aufbegehrenden Instrumenten mehr Platz einräumt als sie eigentlich sollte, während sie im Titelsong überhaupt in den Hintergrund tritt und aus dem Track so ein Beinahe-Instrumental macht.

„Fannin street“ verhält sich im Anschluss wiederum total konträr und versprüht wie die neue Komposition „Song for Jo“ eine elektrisierende Spannung zwischen Musik und Sängerin, bis „Green grass“ mit seinen schrägen Klängen und „I wish I was in New Orleans“ durch die Kindermelodie-Musicbox an den Nerven und der Geduld des Hörers zerren. Völlig unerwartet reißt einen „I don´t wanna grow up“ mit seinem Uptempo-Gebärden aus dem Halbschlaf und erinnert mit seinen glücklich fiependen Synthie-Sounds an die Szene aus „Lost in translation“, wo Scarlett gemeinsam mit Bill Murray Tokyos Nachtleben unsicher machen und besticht nicht zuletzt wegen der Lyrics durch eine subtile Schwermut. Kurz vor Schluss gibt es mit „No one knows I´m gone“ noch eine gespenstische Darbietung der Schauspielerin, die neben düster anmutender Instrumentierung ihren Text zart ins Mikro hauchen lässt und so eine perfekte Überleitung für den Albumender „Who are you?“ generiert, der nicht nur durch die Kombination von Scarletts Organ mit Siteks tiefen Vocals eine interessante Symbiose ergibt, sondern auch wegen seiner gefühlvoll ausgearbeiteten Atmosphäre einen herrlichen Schlusspunkt setzt.

Wie ist „Anywhere I lay my head“ nun also einzuordnen? Prinzipiell ist bereits nach den ersten Klängen klar, dass die Tom Waits-Coverplatte keineswegs ein leicht zugängliches Werk geworden ist, sondern es durchaus seine Zeit braucht, um sich in den abstrakten Kosmos der jeweiligen Kompositionen einleben zu können. Wer also von der Hollywood-Schönheit durchgestylte Popmusik der Marke Sugababes & Co. erwartet hat, ist definitiv fehl am Platz. Damit das Album aber überhaupt funktioniert, liegt vor allem an der qualitativ hochwertigen Darbietung der beteiligten Musiker, sowie dem zwar gelegentlich überbordenden, aber stets differenzierten Klangbild. Und selbst wenn Johanssons Stimme jetzt nicht über genügend Ausdruck oder nötiges Volumen verfügt, so passt sie sich der Musik doch bemerkenswert gut an und missfällt nur in den wenigsten Momenten. „Ich versuche nicht, irgendetwas zu beweisen. Ich könnte Tom Waits nie selbst verkörpern. Ich liebe ganz einfach nur seine Musik“ erklärt die 23-Jährige und trifft damit den Nagel auf den Kopf. „Anywhere I lay my head“ ist ein Album, das eine Berühmtheit abseits ihrer normalen Pfade zeigt wie sie sich einen mehr oder weniger lang gehegten Wunsch erfüllt ohne sich dabei lächerlich zu machen.

Anspieltipps:

  • Fawn
  • Fannin Street
  • Who Are You?
  • Town With No Cheer

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