Babyshambles - Oh! What A Lovely Tour - Cover
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Babyshambles Oh! What A Lovely Tour


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 77 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Recht ruhig, fast ungläubig jubelt das Publikum den Protagonisten auf der Bühne zu. Gespannt auf das, was kommen mag von den vier Herren vor ihnen, bei denen es Zeiten gab, in denen keine kurzfristige Konzertabsage nahezu an ein Wunder grenzte. Doch an diesem Dezemberabend 2007, fällt das Publikum im restlos ausverkauften S.E.C.C in Glasgow keiner Fata Morgana zum Opfer. Nein, es ist wahr: die Babyshambles, sind vollzählig und stimmen so gleich die ersten Töne zu „Carry On Up The Morning“ an.

Wie bereits auf „Shotter’s Nation“ bewiesen, präsentiert sich dieser Song als gelungener Einstieg, was wohl auch am perfekten Aufbau liegt, denn nach einem ruhigen Intro folgen mitgrölbare Melodien, bevor es wieder – typisch für die Band - ungekünstelt nach Garagen-Gig klingt. Überraschend früh kommt direkt im Anschluss, das an The Kinks erinnernde „Delivery“.

Der eher wortkarge Pete Doherty nutzt die erste, kurze Verschnaufpause, in dem er sich an die Zuschauer wendet und ihnen aufzeigt, dass auch er offensichtlich nicht glauben kann, dass er sich in diesem Moment an diesem Ort befindet. („I never thought we’d make it, you know, but here we are anyway. It’s good to be home.”) Diesen Worten folgt das, von Insidern heiß geliebte, „Beg Steal Or Borrow“, ein Song aus der kleinen, aber unbedingt hörenswerten „Blinding EP“. Schon der Einstieg lässt die Masse jubeln und im Takt klatschen, spätestens an dieser Stelle zeigt sich die Faszination der Band.

Während Klatschblätter und Boulevardmagazine monatelang nach dem aktuellsten Drogenskandal von Doherty suchten, wandten sich die Freunde der Musik, dem eigentlichen Tun des Künstlers zu und suchten akribisch nach sämtlichen Demos, B-Seiten und Rar-Aufnahmen, die sich im Netz finden ließen. Nur so ist es zu erklären, dass bei anderen Bands lediglich die bekannten Single-Auskopplungen solche Reaktionen und Gesangschöre auslösen, wie das eher unbekannte „Beg Steal Or Borrow“.

Zu dem ist festzuhalten, dass die Begeisterung des Publikums nicht auf der Tatsache beruht, dass vor ihnen eine durchgestylte Combo eine ausgefeilte Bühnenshow präsentiert, die besonders durch ihre perfekt arrangierten Instrumente besticht. Hier lautet das Stichwort: „Back To The Roots“. Es ist deutlich zu erkennen, dass hier Herzblutmusiker am Werke sind. Adam Ficek am Schlagzeug hält taktsicher, mit grader Sitzposition seine Mitspieler zusammen, Drew McConnell muss das ein oder andere Mal seine Greifhand ausschütteln, bevor er weiter am Basslauf entlang wandern kann. Und Mik Whitnall, der Gitarrist mittleren Alters, überzeugt nicht mit großen Posen, sondern mit gekonntem Spiel und schottischer Trockenheit. Die Bühne ist schlicht gehalten, keine große Lichtshow, lediglich ein paar Shirts und Flaggen, die von den Zuschauern auf die Bühne geworfen wurden, setzen bunte Akzente. Arrangiert wird die Dekoration von Mr. Doherty persönlich, der die Stoffe entweder an seinen Mikrofonständer bindet oder sich umhängt um damit einen Song lang zu posieren.

Wenn er das nicht tut, dann greift auch er zur Gitarre oder tänzelt und hüpft im Rhythmus der Lieder. Seine Bewegungen erinnern mehr an ein Torkeln, sein Gesang ist – auch durch seinen schwer verständlichen Akzent bedingt - häufig eine Mischung aus leiern und nuscheln, beim spielen sitzt nicht jeder Ton, aber das empfindet niemand als störend. Ganz im Gegenteil. Die Geschichten, die Pete vorträgt, kommen nicht von einer fixen Idee, der er flott zusammengeschrieben hat, sondern er lebt seine Musik. Jeder Sprung von Dur zu Moll, jedes „Ohjeah“ und „Dadada“ – und dafür gebe ich gern fünf Euro ins Phrasenschwein - kommen von Herzen. Die Verletzlichkeit, Unsicherheit und Poesie, die er in sich trägt, kann er nicht verbergen und scheinbar will er das auch gar nicht.

Nach einer recht großen Folge an neuen Songs (hervorzuheben das großartige „Baddie’s Boogie“ und „Side Of The Road“) spielen die Herren mit „The Blinding“ erneut einen Song aus der bereits erwähnten EP und das war nicht der letzte. „Sedative“ wird genau so bedacht, wie „I Wish“ Die Stücke aus „Shotter’s Nation“ gehen Hand in Hand mit den – verhältnismäßig rar gesäten – „Down In Albion“-Songs ineinander über und die Band testet das Publikum somit auf Herzen und Nieren bezüglich Textsicherheit. Doch die können sich beweisen, besonders überzeugend präsentieren sie sich beim wundervoll vorgetragenen „Albion“ und dem ruppigen „Pipedown“.

Mit einem picke-packe-vollgestopften Paket an Babyshambles Songs (sowohl als CD fürs Auto oder DVD zum immer wieder live erleben), sowie einem großem Bonus-Anteil (Musikvideos und Backstage-Eindrücke), ist „Oh What A Lovely Tour“ nicht nur eine gute Investition in punkto Preis-/Leistungsverhältnis, sondern vor allem deshalb lohnenswert, weil es dem Neueinsteiger einen Rundumschlag des bisherigen Schaffens der Shambles präsentiert und dem langjährigen Fan, bei der harmonischen Zusammenstellung sämtlicher Lieblingslieder, das Herz höher schlagen dürfte.

Anspieltipps:

  • Beg Steal Or Borrow
  • Baddie’s Boogie
  • Albion
  • Pipedown

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