36 Crazyfists - The Tide And It´s Takers - Cover
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36 Crazyfists The Tide And It´s Takers


  • Label: Ferret Music
  • Laufzeit: 43 Minuten
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4.5/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Viele Bands veröffentlichen ein Album, das von Fans und Presse gleichermaßen in den Himmel gelobt wird und sich bis zum Erscheinen des nächsten Longplayers im CD-Abspielgerät halten kann, bis dieser die Erwartungen schlichtweg enttäuscht und das Interesse versiegen lässt. Im Gegenzug dazu verstehen es nur wenige mit aufeinanderfolgenden Outputs immer wieder aus dem Vollem zu schöpfen und den Hörer angesichts der unglaublichen Wucht, die einem aus den Boxen entgegenströmt, sprachlos zu machen. Bis heute waren 36 Crazyfists so eine Band. Mit dem Roadrunner-Debüt „Bitterness the star“ (2002, den Indie-Release „In the skin“ aus 1997 hat der ehrenwerte Rezensent aufgrund einer geringen Auflage und der damit verbundenen horrenden Kosten noch immer nicht zu hören bekommen), dem Nachfolger „A snow capped romance“ (2004) und zuletzt „Rest inside the flames“ (2006) bewiesen Ausnahme-Schreihals Brock Lindow (Gesang), Steve Holt (Gitarre), Mick Whitney (Bass) und Thomas Noonan (Schlagzeug) mehrere Male, dass sie keine Eintagsfliegen sind und mit ihren Songs nicht nur berühren können, sondern auch heftige, brachiale Ausbrüche beherrschen.

Nach dem Abgang von Roadrunner (wahrscheinlich fühlte man sich, was die Promotion in Amerika anbelangt, allein gelassen) zu Ferret Music ließen sie verlautbaren, jetzt erst einmal alles ruhig anzugehen und nichts zu überstürzen. Womöglich war genau das der Fehler, denn „The tide and its takers“ hat beinahe kaum Wiedererkennungswert und lässt sämtliche romantische Melodien, die sich auf den Alben der 36 Crazyfists so wunderbar mit den metallischen Eruptionen gepaart hatten, vermissen. Viel mehr läuft der Vierer mit seiner hakenschlagenden Performance in eine Sackgasse, verwirrt durch einen belanglosen, unschlüssigen Song nach dem anderen und hinterlässt einen verdutzten Hörer, der am Ende gar nicht weiß, was er von der letzten Dreiviertelstunde eigentlich halten soll. Zwar klingen die ersten beiden Stücke „The all night lights“ und „We gave it hell“ deutlich erwachsener und gereifter, diesen Eindruck kann die Band in den darauffolgenden Songs aber nicht bestätigen, da ab „The Back Harlow Road“ hörbar die Luft raus ist.

Zwar schlägt „Clear the coast“ sehr heftig zu Buche, die Gastperformance von Adam Jackson (Twelve Tribes) ist allerdings für einen 36 Crazyfists-Output zu aggressiv ausgefallen und will sich nicht in den bisherigen Kosmos des Alaska-Acts einfügen. Dass sich der Vierer bei den neuen Songs aber durchaus etwas gedacht hat, zeigt „Waiting on a war“, welches mit einem akustisch gehaltenen Gitarren-Intro beginnt, diese stimmige Einleitung mit dem folgenden Ausbruch aber gleich wieder zunichte macht, da er schlicht und ergreifend kein Ziel zu haben scheint. Ähnlich verhält es sich mit „Only a year or so“, das die morbide Schönheit der Vorgänger ansatzweise mit einer elegischen Melodie generieren will, durch den anschließenden Wechsel aus Spoken Word-Strophe und brachialem Refrain allerdings wieder keine Pluspunkte einfahren kann, weil die dichte Atmosphäre früherer Tracks nicht einmal annähernd erreicht wird.

Spätestens jetzt wird einem bewusst, dass Brock Lindow & Co. mit „The tide and its takers“ versucht haben eine ähnliche Stimmung wie auf den vorangegangenen Platten in den Songs heraufzubeschwören, diese aber mit anderen Mitteln erreichen wollen. Dummerweise bedeutet das meistens, dass einfach mehrere Ideen unzusammenhängend in einem Track untergebracht werden, wo früher zwei gereicht haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kollaboration mit Candace Kucsulain. In „Vast and vague“ werden nämlich nicht nur neben den klar gesungenen Vocals der Walls Of Jericho-Frontfrau mehrere Shouts und Breakdowns eingestreut, sondern auch ein ruhiger, eine halbe Minute langer Zwischenpart angesetzt, der dem Song schlussendlich nicht dienlich ist und ihn zerrissen wirken lässt. Dasselbe Spiel bei „When distance is the closest reminder“, wo allerdings Drummer Noonan durch eine hektische Darbietung dem Track jegliche Konsistenz raubt. Wenn dann nach dem erneut ziellosen „Northern November“ der Titeltrack „The tide and ist takers“ durch unerwartet kitschigen Ballast zu einer peinlichen Feuerzeugballade verkommt, stellt sich zurecht die Frage: Was ist nur aus den 36 Crazyfists geworden?

Anspieltipps:

  • The All Night Lights
  • Absent Are The Saints

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