Coldplay - Viva La Vida Or Death And All His Friends - Cover
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Coldplay Viva La Vida Or Death And All His Friends


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 42 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
7.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Lieder auf „Viva La Vida“ gehen mitunter befremdende Wege, lassen seltener erkennbare Muster zu und wirken dennoch in sich abgeschlossen.

Lebe das Leben! Ein Ausruf, fröhlich, kraftvoll und eben lebensbejahend – Assoziationen welche sich eher nicht mit der Musik verbinden lassen, welche die Jungs von Coldplay in den vergangenen zehn Jahren zu einer der bedeutendsten Bands der Gegenwart wachsen ließen. Deren musikalisches Fundament war nämlich bisher stets die klagende Melancholie, Lieder zwischen Traurigkeit, Sinnsuche und Kapitulation. Gern übrigens auch zentralisiert unter der so unkonkreten wie abschätzigen Definition „Mädchenmusik“. Und nun verleugnen diese fünf noch immer erstaunlich jungen Männer aus London ihre eigene musikalische Biographie und benennen ihr viertes Album „Viva La Vida“! Die zu erwartende musikalische Revolution verbildlicht zudem das Cover, welches das Gemälde „Die Freiheit“ des französischen Romantikers Eugene Delacroix zeigt. Bleibt zu klären, ob der einschränkende Titelzusatz „…Or Death And All His Friends“ eine gewisse Unentschlossenheit impliziert oder sich als selbstbewusste Beschreibung eines universellen Werkes versteht.

Der Einstieg gerät tatsächlich direkt zum ersten aggressiven Steinwurf in Richtung Vergangenheit, denn das Instrumentalstück „Life in Technicolor“ überrascht, weil es optimistischer klingt, als sämtliche bisherigen Songentwürfe der Engländer dies bisher vermochten. Auch der egozentrische, zerschlagende Einfluss ihres (mutig gewählten) Produzenten Brian Eno (Roxy Music, U2) lässt sich bereits nach den ersten Klängen nicht verleugnen und schlägt sich in der Folge auf die Grundstruktur fast aller Titel von „Viva La Vida“ nieder. Ein Song wie „Cementeries Of London“ hätte sich so oder ähnlich auch ohne Homogenitätsverlust in eines der Vorgängeralben eingepasst, der Rest jedoch distanziert sich mehr oder weniger deutlich von der prägenden elegischen Melancholie der vergangenen Werke.

Das bedeutet nicht, dass Coldplay sich neu erfinden, doch „Viva La Vida“ wirkt wesentlich verspielter, experimenteller und unbefangener als alles, was Buckland, Champion, Berryman und Martin zuvor veröffentlicht haben und bezieht seinen Wiedererkennungswert vordergründig aus der stimmlichen Einzigartigkeit ihres Frontmanns. Sich von den bewährten Formeln zu lösen, dürfte in Anbetracht ihres Erfolges eine schwierige Aufgabe gewesen sein, doch letztlich gab es nach der erschöpfenden Perfektionierung ihres ureigenen Sounds auf „X & Y“ wenig Alternativen zur totalen Offenheit gegenüber neuen Einflüssen und Instrumenten, welche neben Brian Eno auch Markus Dravs (Arcade Fire) einbringen durfte. Mit Erfolg, denn die Vorhersehbarkeit, an der „X&Y“ ein wenig krankte und mit der selbst der zärtlichste Titel (man höre noch einmal bei „Fix You“ nach) am Ende explosiv vor die Synthesizerwand gefahren wurde, ist verschwunden.

Die Lieder auf „Viva La Vida“ gehen mitunter befremdende Wege, lassen seltener erkennbare Muster zu und wirken dennoch in sich abgeschlossen. So findet sich die Gegensätzlichkeit von Leben und Tod in „42“ innerhalb eines Songs kunstvoll vertont, wenn dort tiefste Depressionen mit einem wuchtigen Gitarrenriff zur Seite geschoben und die Wiederauferstehung gefeiert wird. „Death And All His Friends“ entwickelt sich ähnlich unkalkulierbar und liefert zudem den Beweis, dass Coldplay bei aller Vielschichtigkeit nicht ihren untrüglichen Sinn für eingängige Melodien verloren haben, die letztlich trotz aller Veränderungen und Zusätze wieder die Basis für solch einprägsame Hymnen wie „Viva La Vida“, „Violet Hill“ oder „Lost“ bilden, wie sie derzeit eben nur Coldplay zu schreiben vermögen.

„Wir ließen allen Wildwuchs zu, der einen Garten erst zu einem Organismus macht“ sagt Chris Martin über „Viva La Vida“. Nehmen wir dieses Bild, war „Parachutes“ möglicherweise der schönere Garten, „A Rush Of Blood To The Head“ größer und gepflegter und kam „X&Y“ dem Allgemeinbild des perfekten Gartens am nächsten. „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ jedoch ist sicherlich der geheimnisvollste und aufregendste Garten, den Coldplay je gestaltet haben. Ein wahrlich großartiger Ort zum Entdecken und Verweilen!

Anspieltipps:

  • Lost!
  • 42
  • Viva La Vida
  • Death And All His Friends

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