Jewel - Perfectly Clear - Cover
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Jewel Perfectly Clear


  • Label: Valory Music Company
  • Laufzeit: 41 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Der Weg auf Sicherheitsschienen, der auf „Perfectly Clear“ eingeschlagen wird, kann auf jeden Fall keine Dauerlösung sein.

„Junge, dein Geschmack wird sich auch noch verändern.“, tönt es mir erst vor kurzem wieder entgegen. Immer wenn man denkt, dass man aus dem Alter der Belehrung vielleicht heraus sei, wird man von jemandem, der sich in der Welt doch ein wenig besser und länger auskennt, von neuem belehrt. Denkt man zurück an die Kindertage und schaut auf die Verbrechen, welchen man in seinem Plattenregal Asyl gewährt hat, erhält dieser Ausspruch immer wieder neue Wertung. Und wie sich der Geschmack eines Hörers verändern kann, so kann auch der musikalische Künstler von seinen Wurzeln abweichen. Auf Jewel trifft dies allemal zu. Spätestens seit ihrem Album „0304“ hat sie sich der Popmusik ergeben. Das ruckelte anfangs zwar noch, wie die Grafik älterer Spielekonsolen, aber neben Sony und Microsoft hat dann auch die junge Songwriterin gelernt, sich in dieses Milieu einzuleben. Auch wenn Folk und Country noch wahrnehmbar sind, ist die Zeit der feinen gefühlvollen Balladen vorbei und meist kraftvolle, poporientierte Stücke übernehmen das Ruder.

„Goodbye Alice In Wonderland“, ihr letztes Output, besann sich wieder auf alte Tugenden, aber auch dort war der Pop immer noch klar vorherrschend. Es sollte vielmehr an die glorreichen Erfolge eines „This Way“ angeschlossen werden. Jetzt heißt es aber nicht zu sehr in die Spur geraten und auf dem Erfolgsrezept ausruhen, sondern weiter anspruchsvolle Kunst schaffen. Und da macht „Stronger Woman“ dem Hörer gleich Angst. Denn wenn es ein Rezept für einen Country-Pop-Radio-Song gibt, dann wurde es hier angewandt. Ein Song ohne Höhen und Tiefen, aber alle klassischen Elemente des Country. Geigen, welche die Töne so lang ziehen, wie es auch Jewel Kilcher – dem Genre entsprechend – tut. Die Akustikgitarre gibt sich treibend, während das elektronische Double sich um Unterstützung der Streicher oder auch als Ersatz anbietet. Auch der zweite Track „I Do“ will sich nicht von dieser Rezeptur abheben. Die Streicher sind fast schon zu chartgesteuert und dass ein Lied mit Fade-Out endet, ist auch nicht gerade ein Zeichen von Klasse. Ein „Love Is A Garden“ ist da eine Beinahe-Erlösung, wenn ein Song endlich intim wird, oder es zumindest versucht. Zwar verliert sich die Produktion wieder und wieder im gleichen Stil, aber der variable Einsatz von Jewels Stimme macht schon etwas mehr Spaß, als das Einheitsgetue davor.

Quo Vadis, angepriesenes Talent? Immer wenn ein Song sich gut präsentieren will („Anyone But You“, „Everything Reminds Me Of You“) wird er zu kitsachig oder die Radioformel drängt sich ohne Erbarmen wie ein Schlagbohrer beim Obermieter um Viertel nach Sechs in die Gehörgänge. Die Lieder auf diesem Album sind allesamt nicht schlecht, aber anstatt dass sich Juwelen finden lassen, ist es wie mit den schön geformten Kieselsteinen am Strand. Schön, aber es gibt so unglaublich viele von ihnen, die beinahe gleich Aussehen. Es gibt jetzt garantiert auch Metaphern, die die hier vorgegebene außer Kraft setzen, aber der Leser versteht schon. So schön zum Ausklang ein „Loved By You (Cowboy Waltz)“ und „Perfectly Clear“ auch klingen mögen, ist der Kompromiss aus Pop und Country in Passagen so stark, dass man selbst nicht sagen will: „Stark!“ Vielleicht sucht sich die junge Sängerin auch einfach noch, versucht sich neu zu erfinden. Wenn man auf zeitnahe Outputs schaut, kann sie es also wie Neil Diamond oder halt doch wie Coldplay gestalten. Der Weg auf Sicherheitsschienen, der auf „Perfectly Clear“ eingeschlagen wird, kann auf jeden Fall keine Dauerlösung sein.

Anspieltipps:

  • Love Is A Garden
  • Anyone But You
  • Perfectly Clear
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