Rammstein - Mutter - Cover
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Rammstein Mutter


  • Label: Universal
  • Laufzeit: 45 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Mutter der so betitelten „Neuen Deutschen Härte“ bringt ihr/es/sein drittes Album heraus mit eben diesem bedeutungsschwangeren Namen „Mutter“. Vier Jahre Abstinenz und Brutzeit seit des Vorgängers „Sehnsucht“ sind ins Land gezogen, und wo die „Sehnsucht“ nach neuen Weiten suchte und sich teilweise in den elektronischen Spielereien verlor, soll „Mutter“ mit aller Macht und Epik auf den Hörer einschlagen. Till Lindemanns Texte sind dabei wieder irgendwo zwischen psychologisch anmutend und absolut sinnentleert, wobei die eindeutig zweideutigen Texte diesmal seltener, diesmal aber auch wieder sehr leicht gestrickt sind. Und doch werden die einen es wieder als philosophisch tiefgründig und als unorthodoxe Aufklärung von Tabuthemen sehen, wohingegen andere verzweifelt den Kopf schütteln. Aber neben den umstrittenen Texten wäre da ja noch der instrumentelle Teil.

Von Beginn an wollen die Berliner den Hörer in ihre Welt entführen, was mit „Mein Herz Brennt“ auch durchaus gelingt, und was sich schon beim Vorgänger angekündigt hatte, wird nun Wahrheit: Rammstein wird radiotauglich! Natürlich sind die Lieder immer noch auf einem gewissen Härtelevel, aber der Großteil der Songs lässt sich bedenkenlos als Chartstürmer an die deutsche Konsumgesellschaft verkaufen. Das politische Statement „Links 2 3 4“ ist da wohl eine Ausnahme. Nicht aufgrund der politischen Botschaft (welche im Lindemannschen Deutsch wieder sehr merkwürdig herüberkommt), sondern weil der Song nicht mehr als das Statement ist. Musikalisch recht einfallslos, Marschieren kann man auch anders darstellen.

Doch bis zur Hälfte des Albums wird jeder Hörer, der sich auf die Musikrichtungen, die Rammstein einschlägt, einlassen kann wird mit überdurchschnittliche starken Stücken beglückt. „Sonne“ ist das vielleicht beste Lied Rammsteins (auch wenn im Endeffekt ja doch nie bis Zehn(!) gezählt wird), da es ein Ohrwurm für die Massen ist und auch „Ich Will“ ist einzig und allein für die Massen geschrieben. Wenn die computergenerierte Masse „Wir hören dich“, „Wir sehen dich“ und „Wir fühlen dich“ ruft, weiß man, wie es auf Konzerten klingen soll. „Feuer Frei!“ ist das erste Lied, das wirklich hart klingt, ohne seine Melodie zu verlieren und leitet den Titeltrack „Mutter“ ein, der, wie könnte es anders sein, eine Rockballade ist. Die Melodie ist ähnlich wie im Opener, aber gut durchdacht und auch textlich ist das Lied sehr stabil und erzählt eine schaurig traurige Geschichte, bei der nur wenige Zeilen im Nirvana der Unverständlichkeit umherschwirren.

Die zweite Hälfte der LP weist daraufhin, wie viel Zeit seit dem letzten Album vergangen ist. „Spieluhr“ ist gleich die nächste Ballade, die so gut sein soll wie „Seemann“, aber am Ende doch nur ein ausgehauchtes „Engel“ ist, das in seinen knapp fünf Minuten sich nicht durchzusetzen weiß. „Zwitter“ kann da musikalisch wieder mit der Härte durchgreifen, die sich als solides Stilmittel für Rammstein offenbart hat. Hier gibt es endlich, für alle die es vermisst haben auch endlich sexistische Texte. Was die großartige Aussage dieses Stücks sein soll ist zweifelhaft, aber Hauptsache der Fan kann zur Musik abfeiern. Über „Rein Raus“ darf und sollte kein Wort verloren werden. Stumpfsinnigkeit kennt schließlich auch Grenzen. Ein Trashlied für die Fans, die sich wirklich alles anhören. Wirklich schade, wo das Album einen guten Eindruck bis hier machte.

Glücklicherweise ist dieser Song nur ein Aussetzer und Adios kann nach dem Prinzip eines „Zwitter“ auftrumpfen und das sogar ohne irgendwelche unnötigen sexuell angehauchten Themen innerhalb des Textes. „Nebel“ oder „Leben“ rückwärts ist sehr interessant durchstrukturiert, da hier keine Mitsingrefrains angelegt sind, sondern bis zum letztendlichen Refrain nur Strophen erklingen. Nachdenklich gibt sich der Ausklang einer teils sehr wechselhaften Dreiviertelstunde und wieder stellt sich die Frage, wie ernstzunehmend die ruhigen Stücke einer Gruppierung wie Rammstein sind. Natürlich sieht man vor dem geistigen Auge die Massen, die in Einklang und Harmonie Texte singen, die wahrscheinlich nur Lindemann selbst irgendwie versteht, aber ist es nicht am Ende die Kraft und die Härte, die das Bild und letztendlich den Geist dieser Band im Bezug auf die Öffentlichkeit beschreiben?

Anspieltipps:

  • Mein Herz Brennt
  • Sonne
  • Mutter

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