Tricky - Knowle West Boy - Cover
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Tricky Knowle West Boy


  • Label: Domino Records
  • Laufzeit: 43 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

„Knowle West Boy“ ist ein wunderschönes Biest und Tricky’s bestes Album.

Im Sinne des direkten Einstiegs von „Knowle West Boy“: Tricky, alias Adrian Thaws, ist sein bestes Album gelungen. Mit einer bewundernswert verspielten Experimentierfreude und Leichtigkeit, wie man sie bei Thaws noch nie erlebt hat. Wenn es etwas an seinem schwer zugänglichen, aber wertvollen Experimentalpop, der mit Trip Hop schnell nur ungenügend kategorisiert werden konnte, auszusetzen gab, dann seine ab und an durchschimmernde Verkrampft- und Verbissenheit – an der oft monierten Ambitionsüberdosis talentierter Künstler, die verspüren wichtiges sagen zu müssen, darbte auch der mit Massive Attack bekannt gewordene. Hier aber spielen die verschiedenen Stücke eine Dramaturgie staunenden Ausmaßes. Zum ersten Mal bekommt man das Gefühl, ein Tricky-Album ist nicht nur gut, sondern macht auch Spaß – gleichwohl, und das ist die Kunst, ohne lapidar zu werden.

„Knowle West Boy“ ist die späte Herkunftsverarbeitung Thaws’ – er ist schließlich schon 40 – und im gewissen Sinne auch eine Hommage an Bristols Armenhaus, das immerhin Menschen wie ihn hervorspuckte. Freilich eine Darstellung schonungsloser und abgründiger Dimension, wie nicht anders zu erwarten bei Mr. Unbequem. In erstaunlich Tom Waits’scher Bar-Blues-Manier poltert „Knowle West Boy“ mit „Puppy Toy“ los, das Erfolgsrezept von „Vulnerable“ beibehaltend: gebrummtes bis geflüstertes Spoken-Word-Geseusel des Tiefbassigen, vermischt mit gegensätzlichen bis erotisierten Frauengesang anmutigster Art. „Veronika“ ist der nächste unumschiffbare Augen- und Ohrenaufreißer, der in Gänze mit Veronika Coassolos Stimme auskommt – ein HipHop-Stomper, gefährlich schön und prägnant minimalistisch. Von überschwänglichem Pop-Rock („C’mon Baby“) der Tricky von seiner seltenen eingängigen Seite zeigt, bis zu nahöstlich verzierten Rap-Texturen („Coalition“) diffundiert das Album wellenartig in die tausendundein Zustände des Adrian Thaws.

Isobel Campbell und Mark Lanegan winken aus rauen Gewässern beim formidablen Schöne-und-das-Biest-Schemata „Cross To Bear“, bevor eine nie erwartete und erst recht nie zugetraute, hervorragende Coverversion von Kylie Minogue’s „Slow“ endgültig sprachlos macht und schließlich die schwerverdauliche, autobiografische Geschichte einer abgebrochenen Teenager-Schwangerschaft uns gewohnt irritiert und verstört aus dem Tricky-Kosmos entlässt.

Wenn ein verarmter, kriminalisierter und gemiedener Stadtteil wie Knowle West auf die Weise besungen wird, lehrt uns Adrian Thaws, wird es Zeit, die reflexartigen Schutzmechanismen vor allem hässlichen auf dieser Welt infrage zustellen. „Knowle West Boy“ ist ein wunderschönes Biest und Tricky’s bestes Album.

Anspieltipps:

  • Puppy Toy
  • Veronika
  • C’mon Baby
  • Coalition
  • Cross To Bear
  • Slow
  • School Gates
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