PeterLicht - Melancholie Und Gesellschaft - Cover
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PeterLicht Melancholie Und Gesellschaft


  • Label: Motor/EDEL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8.5/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein Werk, wie das Leben, mit vielen Gesichtern. Und da ist es tatsächlich vollkommen belanglos, welches dieser Gesichter letztlich dem Künstler gehört!

PeterLicht pflegt sorgfältig seine Seltsamkeiten. Als seine Musikkarriere vor acht Jahren mit dem textlich sinnfreien Sommerhit „Sonnendeck“ begann, lies er sich im dazugehörigen Video von einem Bürostuhl vertreten. Öffentliche Auftritte verknüpfte er, auch nach folgenden Erfolgen als Buchautor, mit der Bedingung, „gesichtslos“ bleiben zu können, was sowohl in der Harald Schmidt Show als auch bei einer Lesung für die Ingeborg-Bachmann-Stifung für so ungewöhnliche wie Aufsehen erregende Bilder sorgte und eine Umkehr bedeutete. Diese ursprünglich der Überzeugung geschuldete Verweigerungshaltung, dass nur die Kunst und nicht der Künstler zähle, entwickelte sich (vermeintlich) ungewollt zur erfolgreichen Marketingstrategie. So sehr, dass sich selbst die stets stolz auf den Boulevard herunterblickende FAZ herabließ, dass Gesicht des Künstlers einer Jagdtrophäe gleich in ihrem Feuilleton zu veröffentlichen.

Aus dem Schatten dieser Entwicklung zum Medienphänomen herauszutreten, bedarf einer gewaltigen musikalischen Leistung – und diese, so viel sei vorweggenommen, hat der Kölner mit „Melancholie und Gesellschaft“ erbracht. Bereits der Auftakt gelingt mit „Räume Räumen“ vortrefflich und lenkt die Konzentration um auf die - verglichen mit den von Störgeräuschen und elektronischen Spielereien überfüllten Frühwerke des Künstlers - erstaunlich harmonischen und klassischen Klänge, zu denen PeterLicht gewohnt beiläufig und zurückgenommen singt. Textlich wirkt der Opener fast schon ein wenig altersmilde, schließt Kompromisse und wandelt sich innerhalb von nicht einmal fünf Minuten vom traurig-trotzigen „Nein, nein, nein“ zum vorsichtig optimistischen „Ja, ja, ja“. Zum Leben an sich, oder zu was auch immer. So sicher ist sich der Künstler selbst nicht mit den Aussagen, die seine Texte wirklich treffen sollen, auch wenn er in der Folge dann doch auch sehr klare Anliegen formuliert.

Wie die direkte „Stilberatung“ für Marketingstrategen und Medienschaffende: „Bitte nie mehr Sexualität zeigen / Bitte nie mehr und Nirgendwo / Im Zusammenhang mit euren Produkten/ Bitte nie mehr Haut / Und nie mehr Po“ Der rote Faden des PeterLicht sind die sezierenden Betrachtungen unserer Gesellschaft, die sich nicht in plumpen Verurteilungen verlieren, sondern durchaus ernst gemeint feststellen, dass eben alles zwei Seiten hat. Prägnant umgesetzt vor allem im kirchentagstauglichen Mitklatscher „Beipflichten“, in welchem die „Ja-Sager“ zwar mit kritischen Worten bedacht werden, ihnen das Recht auf die Liebe und ein glückliches Leben in dieser „schönen Welt“ deshalb aber nicht abgesprochen wird. In „Marketing“ lässt PeterLicht „vor dem Schlafengehen etwas Holocaust“ wie selbstverständlich einfließen in den Wahnsinn des Alltags, schlägt neunzehn Synonyme für die totale Vernichtung von A-Z vor und konterkariert diese Inhalte mit einer geradezu lieblichen Melodie und Chorgesang. Trotz der deutlichen Worte, die der Künstler für die unbestreitbar krankhaften Auswüchse findet, die unsere Gesellschaft zunehmend als Normalität zu akzeptieren vermag, ist der Grundton dieses Werkes aber erstaunlich versöhnlich und vorsichtig optimistisch. „Dein Tag“, das „Heimkehrerlied“ und das abschließende „Landlied“ sind eng verwandt miteinander und können durchaus als Auswegsbeschreibungen verstanden werden. Rückzug auf die Individualität und Neubeginn an anderen, vertrauten Orten sind immer noch möglich in dieser eigentlich doch so schönen Welt.

PeterLicht liefert den entsprechenden Soundtrack, indem er jedem seiner Lieder liebevoll einen melodischen Rahmen zimmert, der sich in jedes Haus, in jeden Wohnzimmerschrank stellen lässt, ohne irgendwo beliebig zu wirken. „Melancholie und Gesellschaft“ ist ein bescheidenes, leises Kunstwerk der deutschen Sprache geworden, das den Hörer nachdenklich, glücklich und traurig zugleich zurücklassen kann. Ein Werk, wie das Leben, mit vielen Gesichtern. Und da ist es tatsächlich vollkommen belanglos, welches dieser Gesichter letztlich dem Künstler gehört!

Anspieltipps:

  • Räume Räumen
  • Alles Was Du Siehst Gehört Dir
  • Beipflichten
  • An Meine Freunde Vom Leidenden Leben

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