Till Brönner - Rio - Cover
Große Ansicht

Till Brönner Rio


  • Label: Verve/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 64 Minuten
Artikel teilen:
6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Unglaublich sachte und auch irgendwie schön, aber wenn das so 64 Minuten lang geht?

Hat Till Brönner aus den „Fehlern“ der Vergangenheit gelernt? Sein letztes richtiges Album „Oceana“ war künstlerisch und von Qualität her sicher wieder Ausnahmeware, doch über eine Spieldauer von 70 Minuten kam schon einmal Langeweile auf. An der Länge hat der Jazztrompeter nichts geändert, oder zumindest nur gering. Natürlich hat sich Brönner auch wieder für so ziemlich jeden Track einen Gastmusiker bestellt, die immer wieder gerne mit ihm arbeiten. Darunter auch diesmal wieder klangvolle Namen wie der brasilianische Star Vanessa Da Mata und die ewig gute Aimee Mann und natürlich viele weitere. Die Lieder werden auch diesmal wieder einen klassischen Lounge-Nebel über den Hörer legen und umgarnen, nur wird es wieder so sacht und gemütlich sein, dass man sich zufrieden auf die Seite legt und einschläft. Zufriedenheit hin oder her, der Musiker hätte es bestimmt gerne, wenn man das Album ganz und am besten noch am Stück hört.

Und da geht es doch schon los. Die Songs sind im Durchschnitt an die fünf Minuten lang und abgesehen von den feinen Bossa-Nova-Einschüben, hat Till Brönner nicht viel verändert. Gleich der erste Track „Mistérios“ ist ein sehr stimmungsvoller, aber wohl noch ruhiger Song. Vanessa Da Mata ist sowieso nicht dafür bekannt, dass ihre Lieder wirklich schnell sind, dafür aber lebhafter. Dieses Potenzial wird leider durch den Lounge-Geist erstickt und auch wen „O Que Será?“ schon eine Stufe lebendiger ist, weckt das niemanden auf. Tatsächlich lässt sich ja so etwas wie eine Steigerung feststellen. Auch im Folgenden „Só Danço Samba”, welches ganz ohne Gastsänger funktioniert. Hier steht die Trompete im Vordergrund und gut ist und auch wenn die Bremse durch „Once I Loved“ ausgebremst wird, macht es wie immer Spaß Aimee Mann zuzuhören (und natürlich der Trompete).

Dann fängt es aber auch schon mit der Endlosschleife an. „Evening“ ist superdicht von der Atmosphäre her, aber im Vergleich zu den vorigen Stücken nicht wirklich etwas Neues. Die Abwechslung fehlt und die Musik wird zu Pianomusik in einer Lounge, wo man sich letzten Endes aber doch mehr auf das Getränk in oder den Partner zur Hand konzentriert und die Töne „nur“ wohlwollend im Hintergrund wahrnimmt. Den stilistischen Tiefpunkt bildet „Ela É Carioca“, welches sich teilweise nach südlandischer Fahrstuhlmusik anhört. Zwar in höchster und bester Qualität, aber dennoch bloß irgendwie im Hintergrund schwirrend. „High Night“ funktioniert auch nur deshalb, weil die Sängerinnen sich mit ihren markanten Stimmen etwas abzuheben versuchen und sich nicht wie ihre männlichen Gegenparts perfekt einreihen. Melody Gardot bringt hier zwar keine Meisterleistung, ist aber immer noch ansprechend. Besonders Till Brönner selbst macht darauf im anschließenden „Café Com Pao“ aufmerksam. Denn seine Stimme schmiegt sich so an die Musik an, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Das ist zwar unglaublich sachte und auch irgendwie schön, aber wenn das so 64 Minuten lang geht?

Es tut einem einfach Lied, denn Stücke wie „Lígia“ sind einfach klasse, zünden nach so vielen Stücken nur nich mehr im Ohr. Da kann das Zusammenspiel noch so perfekt sein. Es geht dann doch wieder so weit, dass auch „A Ra“ den Hörer wieder zurück in den Fahrstuhl versetzt. Allein „Aquelas Coisas Todas“ vermag sich diesem Urteil knapp zu entziehen und macht dann sogar noch richtig Spaß. Die Fesseln, die sich Brönner mit dem Wunsch nach Loungemusik allerdings setzt bremsen den Spaß für den Hörer und es ist dann doch einfach eine Spur zu viel Gelassenheit über das Album verteilt. Nichtsdestotrotz erkennen wir Brönner seine Bewandertheit an und seinen Willen, sich nicht allzu sehr zu kommerzialisieren.

Anspieltipps:

  • Aquelas Coisas Todas
  • Once I Loved (Amor Em Paz)
  • High Night (Alta Noite)
Neue Kritiken im Genre „Jazz“
Diskutiere über „Till Brönner“
comments powered by Disqus