TV On The Radio - Dear Science - Cover
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TV On The Radio Dear Science


  • Label: 4AD/Beggars
  • Laufzeit: 50 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Den Puls der Zeit aufzunehmen, ihn zu fühlen und in der Lage sein, ihn wiedergeben zu können.

TV On The Radio... Und dann lange nichts. Wirklich: jeder, der diese Band kennt und um ihre Inkommensurabilität weiß, brauch an dieser Stelle nicht weiter lesen. Einfach hören. Genau und mit viel Zeit hören. Für alle anderen sei erwähnt, dass das dritte Album (ihr selbst vertriebenes Debüt nicht mitgerechnet) auf den Namen Dear Science hört und die unendlich hohen Erwartungen nach Return To Cookie Mountain in einer unverschämt spielerischen Leichtigkeit obsolet werden lässt.

Wie rezensiert man eigentlich ein nahezu perfektes Stück Popmusik? Das magisch anmutende musikalische Können dieser Brooklyner zu vermitteln – in Worten erscheint es ungenügend. Zunächst einmal sollte konstatiert werden, dass Tunde Adebimpe, Kyp Malone, David Andrew Sitek und ihre Mitstreiter den Kosmos des Zitatpop, der großen, überall vorbei schauenden Stilcollage nicht mehr verlassen werden. Wer dem nichts abgewinnen kann, wird an TVOTR auch nichts grandios finden.

Weiter besticht vor allem die sorglose Leichtigkeit mit der sie es verstehen, ihre Songideen in bedingte Ewigkeit zu verpacken. Jeder beherrscht das Instrument des anderen, Immobilität scheint ihnen unbekannt. Der fast schon gemeine Vorteil an ihrer Ausgangslage: unerschöpflich gebärdet sich ihr musikalisches Feld. Tiefschwarzer Soul, Gospel, Roots-Funk, auf einem Album mit Industrial-Rhythmen, Noise-Gitarren, Krautfeeling und Artrock; und dann das Ganze auch noch zu einer sinngebenden und –vollen Einheit wachsen zu lassen, nebenbei noch Trip Hop an den Erzengel Gabriel verkaufen und Drum’n’Bass zärtlich streicheln, wie eine Blume; offener könnte die Kinnlade nicht sein.

Entbehrlich der Versuch zu beschreiben was sie sind. TVOTR entfalten eine ihnen ureigene, unglaublich schwer zu beschreibende Magie. Man braucht Zeit für sie. Alles andere wird ihnen nicht gerecht. Was geht nur in diesem Brooklyner Studio vor sich, in dem sie zusammen mit den Yeah Yeah Yeahs, den Liars und anderen unglaubliches leisten?

Auch nur annährend geglaubt zu haben, die Kredenz des tanzbaren Indie-Hits „Wolf Like Me“ würde wiederholt werden, käme einer Verhöhnung des Adebimpe-Malone-Sitek-Kollektivs gleich. Stattdessen stellen drei Songs – „Crying“, „Golden Age“ und „Red Dress“ die Falle, man hätte sich auf den Schwerpunkt Funkgitarre geeinigt, nur um beständig, dramaturgisch gewollt, eines besseren belehrt und zum Schluss fassungslos unorientiert in diese unsere kalte und doch eigentlich so schöne Welt entlassen zu werden. Spät erklingt der faszinierende Höhepunkt von Dear Science: „DLZ“. Verstörend, bedrückend, mit sanften, nah am Trip-Hop befindlichen, Hip-Hop-Beat, Backgroundchören und lyrischen Weisheiten. À propos: der frühe Gipfel „Crying“ legt eine Ummodulation nahe: „Gold. Is Another Word For Culure“, singt Adebimpe bariton. TVOTR is another word for musical art, möchte man daraus machen. Mit „Lover’s Day“ erhebt sich am Ende sogar ein kleines Orchester und trägt sie hinfort, in uns unzugängliches Terrain. Zuvor haben wir gefunkt, mancher auch vor trauriger Schönheit geweint („Family Tree“), zur Indie-Gitarre und Adebimpes Raps in „Dancing Choose“ gezappelt, andächtiges Kopfkino abgespult („Stork And Owl“) und Freundschaft geschlossen mit „Shout Me Out“. TV On The Radio. Und dann lange nichts.

Den Puls der Zeit aufzunehmen, ihn zu fühlen und in der Lage sein, ihn wiedergeben zu können; ein neues künstlerisches Credo ist dies freilich nicht. Seit dem wir urban Leben aber, erscheint eine adäquate, gänzliche Erfassung unseres Lebens, das wir die Welt nennen, unendlich unerreichbar. Montage und Collage waren der Malerei und Literatur schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Mittel Gegenwart (vor allem städtische) zu bewältigen. TVOTR wissen das. Und noch so viel mehr.

Anspieltipps:

  • Dancing Choose
  • Golden Age
  • Red Dress
  • Shout Me Out
  • Lover’s Day

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