Polarkreis 18 - The Color Of Snow - Cover
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Polarkreis 18 The Color Of Snow


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 40 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Welch großes Medienecho! Welch bizarres Interesse an einer Band, die endlich mal den Sprung aus dem Sumpf der auf Deutsch singenden und nach Deutsch klingenden Bands geschafft hat! Polarkreis18 sorgen bereits vor irgendwelchen Veröffentlichungen für Schlagzeilen und können dem damit einhergehenden Erwartungsdruck sogar standhalten? Was für Halbgötter in Weiß hat die deutsche Musiklandschaft da nur wieder erschaffen? Glaubt man der Band, so ist einzig und allein „13“ von Blur dafür verantwortlich, dass Felix Räuber (Gesang, Gitarre, Klavier), Philipp Makolis (Gitarre, Klavier), Ludwig Bauer (Gitarre, Trompete), Uwe Pasora (Bass), Silvester Wenzel (Klavier, Elektronik) und Christian Grochau (Schlagzeug) dem Geschrammel ihrer früheren Band Jack Of All Trades den Rücken gekehrt haben und mit ihrer neuen Formation eine Mischung aus Pop-affinem Post Rock mit starkem Hang zu Melancholie, Kitsch und Pathos geschaffen haben.

Deutsche Musik klingt definitiv anders, soviel ist mal sicher. Aber ist der musikalische Output überhaupt noch als heimisch einzustufen, wenn die Vorbilder bzw. Blaupausen für Polarkreis18 beinahe in jeder Sekunde auszumachen sind und der Sechser also faktisch „nur“ einen Ableger von Radiohead, Sigur Ros und Synthie-Bands der 80er wie z.B. den Pet Shop Boys abgibt? Ein eindeutige Antwort kann es hier nicht geben und egal wie sie für jeden Einzelnen ausfällt, der Band, die auf ihrem zweiten Werk „The color of snow“ als zusätzliche Kür das Babelsberger Filmorchester eingeladen hat, wird es ziemlich egal sein. Schließlich haben Räuber & Co. bislang auch stets das gemacht, was sie wollten und haben damit ausgesprochen gut abgeschnitten. Die von Sven Helbig (Rammstein, Pet Shop Boys) in Szene gesetzte Streicheropulenz und orchestrale Dramatik gehört ebenfalls dazu.

Mit „Tourist“ eröffnen die sechs Dresdner dann das schwierige zweite Album, das aber eigentlich nie einen Gedanken daran verschwendet hat zu scheitern. Dafür hat das selbstbetitelte Debüt einfach zuviel richtig gemacht und eine kapitale Bauchlandung konnte man Goldkehlchen Räubers Mannen auch irgendwie nicht zugestehen. Ein Instant-Klassiker also? Nicht ganz. Zwar stellen die Deutschen mit bereits erwähntem Opener und der ersten Singleauskoppelung „Allein allein“ zwei der stärksten Songs auf „The color of snow“ an den Anfang, doch bereits „Prisoner“ und „Heart of man“ sind gut und kraftvoll, aber nicht von derselben erhabenen Schönheit wie ein Großteil der Stücke auf dem Debüt. Der Titeltrack offenbart sich anschließend als Uptempo-lastiger Popsong, der auch im Radio gut aufgehoben wäre, während „River loves the ocean“ im spärlich instrumentierten Gewand eher einer Opernbühne oder einer verschneiten Theaterkulisse als musikalische Unterstützung dienen sollte.

Mehr dem Rock zugewandt und trotzdem schmeichelnd für die Ohren darf „Name of my ID“ die Gehörgänge bezaubern, bis „Rainhouse“ anfangs mehr der Elektronik anheim fällt, sich aber nach kurzer Eruption die E-Gitarre umschnallt und zur Zielgeraden hechtet. Wie dem Namen nach zu vermuten ist das folgende „Herbstlied“ kein Kind der Fröhlichkeit und breitet als Instrumental von melancholischem Klavier begleitet verheißungsvoll den Teppich für den Albumender „Happy go lucky“ aus, der „The color of snow“ fabelhaft abrundet. Zuerst als träumerischer Pop auszumachen, den selbst Coldplay nicht besser inszenieren könnten, stoppt nach etwa drei Minuten plötzlich die Musik und nur Felix Räubers Kopfstimme erstrahlt hell und glasklar, erwärmt den Raum, die Seele, das Herz. Wenn er am Schluss dann noch zu einer hochemotionalen Repetition des Songtitels ansetzt, möchte man am liebsten weinen und Polarkreis18 zu einer der besten deutschen Platten 2008 gratulieren.

Anspieltipps:

  • Tourist
  • Allein Allein
  • Name On My ID
  • Happy Go Lucky
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