Paulsrekorder - Hier Und Oben - Cover
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Paulsrekorder Hier Und Oben


  • Label: Ferryhouse/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass nach der Jahrtausendwende wieder Musik gespielt wird, wie man sie nur noch aus viel zu langen Werbespots mit komischen Frisuren und vielen Keyboard-Synthie-Klängen kennt, dann hätte ich denjenigen einweisen lassen (wie jung ich damals war und wie es mit meinem Wissen um die Neue Deutsche Welle stand, lassen wir mal außen vor). Doch dann kam ganz unverhofft und überraschend Nena. Ja, die Nena, die vor zwanzig Jahren mit ihren 99 Luftballons in ungefähr genauso vielen gefühlten Ländern auf der #1 war! Tja, Pech gehabt und mitten in die Gesichtsetage. Tatsächlich nimmt man plötzlich wahr wie viele Bands, seien sie deutsch oder britisch (manchmal gar amerikanisch) noch auf die alten Elektrosounds setzen. Jene Töne, die die Musikindustrie nach Queens Niedergang verboten hatte und dabei war dieses Instrument nie wirklich weg. Leichtigkeit, gepaart mit ebenso leichten Klängen und letztendlich zählt, ob man sich zu der Musik bewegen kann.

Keine fünf Jahre nach Nenas Öffentlichkeits-Revival spielt bei Stafen Raab im Rahmen der Qualifikation für den „Bundesvision Song Contest“ (die Zeiten ändern sich) tritt eine Band für den Stadtstaat Bremen an, die den merkwürdigen Namen „Paulsrekorder“ trägt, aus David Jürgens (Gesang), Frederik Gerrit Deluweit (Bass, Synth), Michael Hass (Gitarre), Kai von Salzen (Gitarre) und Sebastian Deufel (Schlagzeug) besteht und voller Frohsinn die Elemente dieser vergangenen Zeit mal anschneiden, teilweise ganz und gar zelebrieren. Im Fernsehen hat ihre Musik und der dazugehörige Song „Anna“ dafür gesorgt, dass jetzt die erste Platte entstehen konnte.

Von den ersten Köängen der Eröffnung „Hol Mich Hier Raus“ verwundert es niemanden, dass Michael Tibes (Nena) und Christian Neander (Pohlmann) die Produzentenrolle übernommen haben. Die Symbiose aus alt und neu zeigt sich hier ganz klar, hört sich aber großteils wirklich gut an. Das Lied kommt ohne viele Kompromisse aus, sondern hört sich aus, wie sich ein aufgeputzter 80er-Jahre-Deutschrock-Sound anhören muss, zumindest wenn wir uns an Nena orientieren, auch wenn das Pop ist. Vom Pop befreit ist diese Musik als Anlehnung an die NDW sowieso nicht und daher ist das schon in Ordnung so. Wenn man sich bei „Hol Mich Hier Raus“ noch in der Findungsphase befindet, kann man bei „Discomädchen“ befreit staunen. Ja, der Text ist ungefähr so platt wie es der Titel erraten lässt, doch wenigstens bemüht sich David Jügens um Wortspiele, die ganz nett sind. Das eigentliche Augen, pardon, Ohrenmerk liegt auf den Instrumenten. Das Riff erinnert an starke Songs wie „Helicopter“ von Bloc Party und das ist mehr als nur ein Lob. Im Refrain muss man natürlich der Disco Tribut zollen und Davids Gesang ist immer ein Kleinod an die NDW, aber dieses Lied ist ein ganz starkes Stück Musik.

Wahrscheinlich ist es bloß der Text von „Verschwende Meine Zeit“, der eben dieses Lied zur Vorab-Single gemacht hat und auch wenn es nicht schlecht ist, kommt es an die Tanzbarkeit und den Elan von „Discomädchen“ nicht heran. „An, Mach Mich Aus“ geht da schon wieder den Weg der Offenbarung. Dankeschön! Es stellt sich schnell heraus, dass Paulsrekorder Musik machen sollte, die auf Tempo und Riffs basieren und wenn die NDW-Refrains dann auch noch reinpassen ist das doch super. In „An, Mach Mich Aus“ kommt der Melodiebogen einem dort zwar sehr bekannt vor, aber der Spaß steht im Vordergrund. In den folgenden Stücken zeigt sich dann auch, wo die Schwächen der Band zu finden sind. „Jetzt“ erstickt sich selbst unter den Einflüssen von Vorbildern aus den 80ern und besonders unter den elektronischen Einflüssen. Paulsrekorder sollten sich als Rockband verstehen und da muss man irgendwann eine Grenze ziehen oder man muss sie als klares Instrument und nicht nur als eingeschobenes Element benutzen. „Begraben“ hat zwar nicht diese Schwächen, aber die Rockballade baut kein wirkliches Gefühl auf und wird damit belanglos. Um über solche Themen zu singen, muss man vielleicht noch ein wenig mehr leben oder die „richtigen“ Erfahrungen gemacht haben. Der Funke will einfach nicht überspringen. Für „Anna“ gilt dann dasselbe wie für „Jetzt“, nur dass hier der Text der traurige Tiefpunkt ist.

Dass es so viel besser gehen kann zeigen sie eindrucksvoll mit dem leichten „Lauf“ und dem Klischee betuchten, doch genau richtigen Titeltrack „Hier Und Oben“. Auch bei „Kühl“ gibt es keine Einwände gegen die Elektronik, denn hier ist sie nicht bloß ein Element, sondern die Quelle selbst. Das ist ein Song, der früher in den Clubs hätte laufen können (und heute natürlich auch). „Einlaufen“ ist dann noch mal ein feiner Rocker, bevor die zweite nichts sagende Ballade „Captain Future“ noch mal den guten Eindruck der zweiten Hälfte trübt. Der „Rhythmus Videoclip“ bringt dann wieder ein paar Riffs, die im Ohr kleben bleiben und ist so was wie die inoffizielle Fortsetzung vom Discomädchen, die es wohl in den Videoclip geschafft hat.

Die Texte von Paulsrekorder sind ganz klar Nebensache. An so was sollte man sich nicht aufhalten, sondern viel mehr staunen, was die Hansestädter da auf den Silberling gezaubert haben. Es wird hier von keiner musikalischen Offenbarung geredet, sondern schlicht von richtig feiner Rockmusik hergestellt im schönen Lande Deutschland. Die Schwächen sind bekannt, die Stärken aber auch und die gilt es zu genießen, während man auf das zweite Album wartet und sieht, was aus der Gruppe wird.

Anspieltipps:

  • Discomädchen
  • Einlaufen
  • Hier Und Oben
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