Peter Fox - Stadtaffe - Cover
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Peter Fox Stadtaffe


  • Label: Downbeat/WEA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Drei volle Jahre ist es jetzt schon her seitdem „Next!“ (10/2005) mit der famosen Hitsingle „Ding“ die Charts unsicher machte. Angesichts des steigenden Erfolges, die das elfköpfige Reggae/Dancehall-Geschwader Seeed verbuchen konnte, war für das Musikerkollektiv die logische Schlussfolgerung jedoch nicht emsig an einem Nachfolger zu arbeiten, sondern sich erst einmal um die eigenen Familien zu kümmern und den Ruhm etwas hinten anzustellen. Für Demba Nabé alias Ear bedeutete diese kreative Pause sich um sein Soloprojekt Boundzound zu kümmern, das den Release eines Longplayers unter eben diesem Namen im April 2007 zur Folge hatte. Allerdings kam er an die vielfältigen Ideen, den messerscharfen Groove und den subtilen Humor, der seine Stammband ausmacht, zu keiner Sekunde heran und enttäuschte mit einer durchwachsenen Scheibe, die seine Solo-Ambitionen in kein positives Licht rückte.

Pierre Baigorry alias Enuff alias Peter Fox bzw. einer von den drei Sängern bei Seeed will als Solokünstler natürlich ebenfalls brillieren, obwohl er anfangs seine Person gar nicht in den Vordergrund stellen wollte. „Ich sehe mich in erster Linie als Produzent. Ich singe eigentlich nur aus der Not heraus, weil damals kein anderer singen wollte. Kennt man ja. Frauen wollen immer singen und ans Mikrophon. Männer wollen immer Schlagzeug, Gitarre oder Bass spielen. Zumindest bei uns war das so. Später merkte ich, dass Singen bei den Bräuten sehr gut ankommt und dann fand ich’s natürlich auch geil“ berichtet der Mann mit der markanten Stimme über seinen Werdegang als treibende Kraft hinter dem Mikrophon. Für „Stadtaffe“ war anfänglich nämlich Cee-Lo Green im Gespräch, der bei den Dreharbeiten zu „Aufstehn“ (die erste Single von „Next“), wo er ein Gastfeature hatte, Peter Fox zusicherte bei seinem Projekt den Gesang zu übernehmen. Dummerweise kollaborierte er noch kurz vorher mit Danger Mouse als Gnarls Barkley und sorgte mit „Crazy“ für einen Chartbreaker sondergleichen, wodurch jegliche Nebenaktivitäten gestrichen wurden.

So machte Herr Baigorry aus der Not erneut eine Tugend, beteiligte sich am Songwriting und der Produktion und schwang nebenher noch das Mikro. Wer die erste Single „Alles neu“ mit seinen apokalyptischen Streichersätzen, Tribal-Drumming und der eindringlichen Performance von Fox aufgeschnappt hat, darf sich sicher sein, dass die Entscheidung genau goldrichtig war. Dabei ist der besungene Umsturz der deutschen Musikszene auf „Stadtaffe“ bereits der treibende Höhepunkt. Das restliche Material verbindet zwar ebenfalls ungewohnte Klangbilder, die vor allem durch die musikalische Untermalung des Babelsberger Filmorchesters ihre Prägnanz und Tiefe bekommen, aber an das mitreißende Beat-Inferno der ersten Single kommt es nicht heran. Ungeachtet dessen sind die Texte großteils nachdenklich und düster gehalten, was dem einen oder anderen Seeed-Fan vielleicht verschrecken dürfte, drehten sich die lyrischen Auswüchse des Elfers schließlich meist um Frauen, Partys, der Freude am Leben und diverse Bewusstseinszustände. Das ist aber auch gut so, denn musikalisch erinnert Fox ohnehin stark an seine Stammkombo wie z.B. in „Der letzte Tag“, „Lok auf 2 Beinen“ oder „Schüttel deinen Speck“, wodurch die minimal abgesteckten Grenzen zu Seeed vollends durchbrochen werden.

Thematisch interessiert sich Baigorry vor allem für Berlin und widmet der deutschen Hauptstadt einige Textzeilen, wobei „Schwarz zu blau“, „Stadtaffe“ und mit einigen Abstrichen auch „Fieber“ als Hommage gewertet werden dürfen, selbst wenn diese mit schonungsloser Offenheit präsentiert wird („Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben / Jeder hat ´n Hund aber keinen zum Reden / Ich atme ständig durch den Mund, das ist Teil meines Lebens / Ich fühl mich ungesund, brauch was Reines dagegen“). Die Einbindung des Filmorchesters ist sicherlich bei „Das zweite Gesicht“ mit seiner dramatischen Film Noir-Stimmung am besten gelungen, doch auch der Gastauftritt von Vanessa Mason in „Zucker“ ist ein umwerfender Track, der sofort in die Beine übergeht. Im Gegensatz dazu hat „Ich Steine, du Steine“ eine ganze Ladung symphonischen Pathos abbekommen, der selbst nach mehreren Durchgängen nicht so recht zünden will. Ist aber eigentlich egal, denn der restliche „Stadtaffe“ wächst mit jeder Minute und birgt durch frischen Sound und hochwertige Texte genügend Material um sich mit eben diesen auseinander zu setzen oder den Beats die Kontrolle über seinen Körper zu überlassen. Hoffen wir nur, dass Seeed auf ähnlichem Niveau seine Rückkehr einfordert.

Anspieltipps:

  • Zucker
  • Stadtaffe
  • Alles neu
  • Das zweite Gesicht

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