Tomte - Heureka - Cover
Große Ansicht

Tomte Heureka


  • Label: Grand Hotel van Cleef
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer sich das neue Werk von Tomte kauft, der bekommt einen Aufnäher mit dem Schriftzug der Band dazu! Was für eine feine, nostalgische Idee. Die eigene Optik aufschönern und gleichzeitig endlich wieder Teil einer – zugegeben etwas in die Jahre gekommenen – Jugendbewegung sein. Das ging zuletzt vor ewigen Jahren, als Tocotronic noch ohne Elektronik nölten und Die Sterne unkryptisch nach den Ursachen des persönlichen Ruins suchten. Etwa zu dieser Zeit gründeten sich auch Tomte, von der Urbesetzung ist jedoch anno 2008 lediglich Thees Uhlmann übrig.

Die Veränderungen in der Besetzung machen sich auch im Klang bemerkbar, ihr neues Werk sperrt sich erst einmal jeglicher anbiedernder Zugänglichkeit, die den Hymnen der jüngeren Vergangenheit noch so häufig eigen war. Unverkennbar bleiben Tomte allein durch die Stimme und den Gesangsstil ihres Vorturners. Der dehnt einmal mehr die Silben, wie kein Zweiter – und rechtfertigt dies mit dem Ausspruch: „Die deutsche Sprache muss geknechtet werden.“ Solches darf nur sagen, wer gleichzeitig in der Lage ist, deutsche Wörter zu derart klugen und merkbaren Sätzen zu verarbeiten, wie sie Uhlmann auch im vorliegenden Werk wieder gelingen. „Wie wundervoll und einfach ist man gestrickt/ Man vermisst das, was einen jeden Tag umgibt“ stellt direkt der Eingangssong so simpel wie zutreffend fest. Und die Veränderungen im Klangbild äußern sich bereits hier sehr deutlich, denn anstelle der Gitarren übernimmt eine Orgel die Melodieführung. Während „Wie Ein Planet“ im Anschluss fröhlich irgendwo zwischen Iggy Pop und „Sweet Home Alabama“ dahinplätschert, bleibt „Der Letzte Große Wal“ dem Originalrezept einer klassischen Tomte-Komposition mit seinem ausbrechenden Refrain am ehesten treu.

Der folgende Blick zurück nach Hamburg scheint Uhlmann dann tatsächlich zu berühren, mit bemerkenswert sanfter Stimme singt er seine Durchhalteparolen für die Zurückgelassenen – und verdeutlicht, dass Streicher, auf dem Vorgänger „Buchstaben über der Stadt“ noch allgegenwärtig, auf dem aktuellen Werk nicht benötigt werden, um gefühlige Momente zu stützen. Den lyrischen Alltagsbeobachtungen Uhlmanns liegt genug Melancholie inne, um tief zu berühren: „Du nennst das Pathos/ Und ich nenn es Leben“ heißt es passend im wundervoll vielschichtigen „Küss Mich Wach, Gloria.“ Weil der Grat zwischen Anrührung und Seichtigkeit naturgemäß ein sehr schmaler ist, fällt das etwas kitschig geratene „Es Ist So, Dass Du Fehlst“ in die Rubrik „verzeihlich.“ Vor allem, weil wenig später mit dem großartigen „Das Orchester Spielt Einen Walzer“ eines dieser seltenen Lieder folgt, die Leben retten können. Gegen klagende Gitarren und ein träge das Tempo verschleppendes Schlagzeug singt sich Uhlmann in ein einen Rausch, welcher erst in der chorbegleiteten, euphorischen Feststellung „Mein Gott, ist das Leben schön“ ein Ende findet. Ähnlich vorsichtig baut sich „Nichts Ist So Schön Auf Der Welt, Wie Betrunken Traurige Musik Zu Hören“ auf, um zum guten Schluss noch von einer Flut aus Gitarrenlärm überspült zu werden.

Was bleibt, sind die ein wenig anmaßenden Worte „Alles was du brauchst, findest du bei mir“. Und denen ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, weshalb dem letzten Titel „Dein Herz Sei Wild“ vorzuwerfen ist, dass er an der falschen Stelle dieses formidablen Werkes seinen Platz findet. Wo der Tomte-Aufnäher seinen Platz finden wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Jeansjacken sollen ja nicht mehr so angesagt sein, aber dies galt bis vor kurzem schließlich auch noch für fast in Vergessenheit geratene Worte. Und die sind – Zack! – plötzlich auch wieder voll in Mode! Heureka!

Anspieltipps:

  • Der Letzte Große Wal
  • Wie Siehts Aus In Hamburg
  • Küss Mich Wach, Gloria
  • Das Orchester spielt einen Walzer
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