Keane - Perfect Symmetry - Cover
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Perfect Symmetry


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 51 Minuten
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9/10 Unsere Wertung
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Tim Rice-Oxley, Tom Chaplin und Richard Hughes sind echte Arbeitsmaschinen. Wieder haben sie nur zwei Jahre gebraucht, um ein neues Album herauszubringen und bleiben ihrem Zyklus somit treu und das obwohl Tom Chaplin ja mit seinen Alkoholproblemen zu kämpfen hatte. Frisch, regeneriert und rehabilitiert machten sich die drei Engländer besonders in Berlin daran, ein neues Album fertig zu stellen. Der Anspruch ist nicht grade niedrig, denn auch wenn „Under The Iron Sea“ nicht von allen Kritikern euphorisch aufgenommen wurde, ist es doch neben „Hopes & Fears“ unter den zwanzig beliebtesten Alben Britanniens gelandet. Damit war das Gespann neben Oasis, Radiohead und den Beatles die einzige Band, die mit zwei Alben in der Umfrage einen der begehrten Plätze erobern konnten (Umfragen des Magazine „Q“.

Natürlich erwarten die Fans das, was sie immer erwarten. Eine Wiederholung der vergangenen Großtaten. Während die einen sich ein neues „Somewhere Only We Know“ erhoffen, beten andere für eine konsequente Fortsetzung von „Under The Iron Sea“ und damit beide erstmal die Luke zu machen und überlegen, was da auf sie zukommt, brachten Keane im Voraus den Eröffnungstrack „Spiralling“ raus, der mit Achtzigerjahregequietsche und definitiver „Tanzbarkeit“ überrascht. Keane gaben zwar vor kurzem an, dass Prince sie inspiriert hätte, doch diese Tanznummer erinnert an das Bassgeladene „15 Steps“ von Radiohead. Abgekupfert wird hier aber nicht. Das ist Keane, das ist anders und das Wichtigste: Es funktioniert!

Das Keane keine 180-Grad-Drehung vollführen würden war klar und so verwundert es nicht, wenn der provozierende Anfang durch die erste offizielle Single „The Lovers Are Losing“ getilgt wird. Das Lied ist so etwas wie der inoffizielle Nachfolger von „Is It Any Wonder?“. Hier dürfen die Töne wieder ineinander überschwappen und sich zu einem undurchsichtigen Teppich verweben. Das ist natürlich nicht unbedingt das, was man sich jetzt gewünscht hat, doch wenn man ein Lied wieder und wieder (am Stück) hören kann, muss man sich eingestehen, dass es so schlecht nicht sein muss. Den Refrain kann man spätestens beim zweiten Mal mitsingen und man wird es wahrscheinlich auch tun. Mit „Better Than This“ sind wir dann aber endgültig auf „Perfect Symmetry“ angekommen. Hier wird wieder wie in „Spiralling“ geqietscht, nur noch eine Oktave höher und das ganze verwandelt sich in einen Ohrwurmtrack, der mit Banjo und groovigem Bass und nicht weniger gut aufgelegten Gitarre, sowie „Oh-Eh-Ohs“ nur noch Spaß macht. Typisch Keane wird über den Text aber eher nachgedacht als gelacht. Dieser Track zeigt verschiedenste Ebenen, was ihn zu einem der stärksten Popsongs dieses Albums und dieses Jahres macht.

Als wäre der Vielschichtigkeit nicht genug tun es Keane Coldplay gleich und wollen, dass die Songs sich möglichst voneinander abheben. Keane behält nur eine klarere Linie bei und gibt sich nicht so experimentell. Das Gefühl der Achtziger bleibt stets erhalten, so auch beim geheimnisvollen Lied „You Haven’t Told Me Anything“, welches sich an seiner tiefen, fast düsteren Stimmung berauscht und trotzdem dem Prinzip der Vorlieder entspricht, indem es mindestens den Fuß mitwippen lässt. Aber dann kommt er, ja da ist er: Der Titeltrack! Wie soll man diesen Song beschreiben? Dunkler als „Somewhere Only We Know“ und auch nicht mehr so intim und doch zerreißt der Refrain den Hörer und wer keine Gänsehaut bei dieser Stimme und dieser Stimmung bekommt, der sollte sich nicht wundern, wenn ihn andere als gefühllos betiteln. Diesen Track hat Keane noch nicht geschrieben und doch bekommt man das Gefühl, dass er nur von ihnen stammen kann. Pop in Perfektion. Da wirkt die klassische Ballade „You Don’t See Me“ richtig schwach auf der Brust und tatsächlich gehört der Song nicht zur Spitze, ergötzt sich aber an den höchsten Tönen, die Meister Chaplin zu geben vermag.

Man darf gespannt sein, wie der Retrostil der Band beim Publikum ankommt. Sicher ist nur, dass Pophymnen wie „Again & Again“ vor bis zu dreißig Jahren die Pole Position der Charts sicher gehabt hätten. Hier ist sich das Album wieder treu und schmeißt den Hörer auf die Tanzfläche und verlangt dabei noch ruchlos, dass man mitsingt. Der Hörer/Tänzer tut es mit Freuden. „Playing Along“ macht es dann wieder schwieriger, gibt sich als erster Song des Albums schwerer zugänglich und ergießt sich gerade am Ende als Atmosphärenriese, der aber alleine auf verlorenem Posten scheint. Bei weiteren Hörgängen zeigt der Song vereinzelt Stärken, kann aber nicht wie der Rest des Albums überzeugen. Die Rettung folgt aber sogleich durch „Pretend That You’re Alone“. Vom ersten Ton an wird unterhalten auf hohem, abwechslungsreichem Niveau. Der Song baut sich durch stetige Steigung auf und wann hat man schon einen Keanetrack mit Gitarrensolo gehört? In der zweiten Hälfte wird dann an Variabilität noch einmal ordentlich zugelegt um wieder in die Erfolgsspur zu führen.

Wer behauptet, dass Keane sich auch mit diesem Album nicht entwickelt hätten, der soll ein Stück wie „Black Burning Heart“ erklären. Das ist essenziell Keane und doch gab es diesen Song so noch nicht und es sind nicht nur ein paar umgestellte Töne, sondern es ist wieder ein neues Gesamtbild, das anders und doch vertraut scheint. Keane sind sich treu geblieben, haben aber kein Lager aufgeschlagen, sondern sind mutig weiter geschritten. Man darf weiter Tränen vergießen, Gänsehaut bekommen, bewegt mitsingen und das eine oder andere Mal wissend lächeln. So einfach die Texte von den einen genannt werden, so wahr sind sie für andere. Das „grande finale“ „Love Is The End“ wird unter Fans schon als Nachfolger für „Bedshaped“ gehandelt, dass früher meist die Konzerte schloss. Zeilen wie „And when I was drowning in that Holy water / All I could think of was you” lassen Feuerzeug beinahe von alleine anspringen und so endet eines der besten Popalben dieses Jahres. Keane sind wieder mal ganz oben und diesmal ohne große Diskussion.

Anspieltipps:

  • Better Than This
  • Perfect Symmetry
  • Love Is The End

Dieser Artikel ging am um 14:11 Uhr online.
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  • 2014    
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