Deichkind - Arbeit Nervt! - Cover
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Deichkind Arbeit Nervt!


  • Label: Vertigo/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 46 Minuten
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7.5/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine explosive Elektronik-Mischung aus gepflegtem Verlierermärtyrertum, maßlosen Hemmungslosigkeiten und lyrischer Tiefgründigkeitsabstinenz.

Angela Merkel als Covergirl des Playboys. Ottfried Fischer wirbt für Slim Fast. Jogi Löw macht Hansi Flick bei Beckmann einen Heiratsantrag und Florian Silbereisen moderiert die Tagesthemen. Bushido schreibt den Feuilleton für die ZEIT, Papa Ratzinger konvertiert zum Buddhismus und 1+1=3. Alles möglich im Schlaraffenland! Und nach dem Aufstand ist vor dem Aufstand. Deichkind beamen sich und ihre Audienz erneut in ein Sinn- und Sorgenfreies Paralleluniversum in dem der sympathische Wahnsinn regiert.

Ihre explosive Elektronik-Mischung aus gepflegtem Verlierermärtyrertum, maßlosen Hemmungslosigkeiten und lyrischer Tiefgründigkeitsabstinenz dominiert auch wieder auf „Arbeit Nervt“, dem inzwischen vierten Studio- und zweiten vollwertigen „Tanz-und-derbe-dazu-abgeh-Album“ der schrillen Dinkel- und Kapitalokoalition. Zwölf nagelneue Tech-Rap-Stücke irgendwo zwischen Ironie, Sarkasmus, Verweigerungsattitüde und malträtierenden Trommellfellvibrierbeats und nun auch mit Ferris MC als zusätzliches und mittlerweile festes Mitglied der Electric Super Dance Band.

Wie schon auf dem Vorgänger („Ich Betäube Mich“, „Prost“) appellieren die Kinder vom Deich auch diesmal wieder an eine globale Trinkersolidarität. „Hört Ihr die Signale“ ist eine geradezu Herzzerreissende Ode an den gepflegten Alkoholkonsum. Und den Wunsch „Kein Gott, kein Staat, lieber was zum saufen“ hat wahrscheinlich jeder schon gehegt, der auf Partys von den Hans-Uwes und Bärbels dieser Erde zu einer mitternächtlich-elementaren Diskussion über den Sinn des Lebens oder die bevorstehende Wahlen in Bulgarien aufgefordert wurde. Auch die äußerst billige Anmache, eines sich mit der Zeit nicht mehr zu artikulieren im Stande befindlichen Vollassis auf „Komm Rüber“ ist dermassen schmierig, versoffen und Niveaufrei, dass dieser Song an kranker Coolness kaum noch zu überbieten ist. Es ist sind die kleinen und einfachen Geschichten des Lebens, die Deichkind so anhörlich präsentieren und die egal ob mit tieferem Sinn beseelt oder nicht, jeder Party den Putz von den Wänden rockt.

Höchst romantisch wird es auch. Auf dem von Nostalgie triefenden, in vernebelte Auto-Skooter Tage zurück versetzende Neue Deutsche Welle Gedächtnisschmachter „Luftbahn“, sowie dem unumstrittenen Pop-Heroen des Albums „Urlaub Vom Urlaub“ offenbaren die Kiezspinner schliesslich ihre melancholisches Innenleben. Und die ergreifend-schmerzfreie Liebesgeschichte von gestressten Brummifahrern und ihren liebsten Wegbegleitern auf Reisen („Travelpussy“) hat Substanz, bewegt und regt zum Nachdenken an. Oder etwa nicht? Der Titeltrack durchbricht im Remmidemmitempo die Tür der gesellschaftlichen Korrektheit und spricht aus was so viele denken. Und dem treibenden „Yeah yeah yeah“ im Refrain ist einfach nichts entgegenzusetzen und verspricht auf jeden Fall schweisstreibende Live-Erlebnisse mit der Familienband Nummer Eins. Selbst vor Kinderliedern wird kein Halt gemacht. „Alle Vögel Sind Schon Da“ wird in ein dunkles und mystisch-okkultes Gewand gezwängt und mutiert auf „23 Dohlen“ zu einer astreinen psychedelischen Wummernummer.

Deichkind haben sich festgebissen. Das hier ist kein tiefgründiger Hip Hop , keine Musik zum entspannten Seele baumeln lassen. Da müssen die Boxen im tiefer gelegten Proll-Schlitten bis zum Maximum ausgereizt werden und die Feiergesellschaft muss die Nachbarwohnungen so lange erbeben lassen bis Staatsbedienstete vor der Tür stehen. Kirmes-Techno trifft Kraftwerk-Gedenk-Beats trifft Mackergehabe trifft Kiez-Genöle trifft Reime an der mentalen Stabilitätsgrenze. Ob sie damit nun polarisieren (und das werden sie) wird ihnen relativ Banane sein. Manch einer wird mit einer Packung diätfreiem Kaninchenfutter mehr anfangen können als mit „Arbeit Nervt“. Aber der Rest wird mit Markus einer Meinung sein. Denn der brachte es damals schon auf den Punkt: „Wir woll’n Spaß, wollen Spaß, wir geb’n Gas, geben’ Gas“.

Anspieltipps:

  • Hört Ihr Die Signale
  • Arbeit Nervt
  • 23 Dohlen
  • Gut Dabei
  • Komm Rüber

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