Farin Urlaub - Die Wahrheit Übers Lügen - Cover
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Farin Urlaub Die Wahrheit Übers Lügen


  • Label: Völker hört die Tonträger
  • Laufzeit: 50 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.5/10 Leserwertung Stimme ab!

„Die Wahrheit übers Lügen“ spricht durch einen ausgewogeneren Mix zwischen ernsthaften und witzigen Texten wieder eine größere Hörerschaft als das letzte Album an.

Das letzte Werk „Am Ende der Sonne“ ließ die Gemüter ein wenig ratlos zurück. Farin Urlaub hatte den von ihm schon als normal angesehenen Überhang zu amüsanten Texten auf ein Minimum reduziert und ein ernsthaftes, kritisches und nachdenkliches Album geschaffen. Nachdem man sich in die Platte jedoch eingehört hatte, war der Langzeitwert aufgrund des Tiefgangs der Stücke wesentlich höher, als beim Debüt „Endlich Urlaub“. Bei mir findet sich jedenfalls öfter „Am Ende der Sonne“ im Player, als die erste CD. Nur eines war nicht so gelungen: Die Abmischung. Urlaub wollte in der Hinsicht einfach zu viel, jagte sogar einige seiner Schlagzeugspuren durch den Verzerrer. Das gehört heute der Vergangenheit an, denn auf seinem dritten Soloalbum nahm er die Hilfe seiner Band mit in Anspruch. Das sorgt schlussendlich dafür, das sich Farin wieder auf seine Paradedisziplinen Songwriting / Singen / Gitarre spielen konzentrieren und die anderen Instrumente „besseren“ Musikern überlassen konnte. Vor allem beim Schlagzeug merkt man die Umbesetzung deutlich zum Positiven betrachtet an. Auch das nun anstelle von Plugins (für alle, die nicht wissen, was das ist: Plugins sind kleine Computerprogramme, die beispielsweise einen bestimmten Verstärker simulieren) größtenteils wieder richtige Verstärker genommen wurden, tut dem Gitarrensound merklich gut, klingt er doch jetzt wesentlich klarer und griffiger.

Schauen wir doch nun aber endlich mal hinter die Fassade bzw. in das Innere der Hülle. Es gibt eine große und eine kleine CD. Auf der Großen (Arbeitstitel im Übrigen „Büffelherde“) finden sich laut Urlaub elf Rocksongs, auf der kleinen CD (Arbeitstitel: „Ponyhof“) sind vier Off-Beat-Stücke, namentlich zwei mal Reggae, einmal Ska und zu guter Letzt ein, um es gleich vorwegzunehmen, nicht ganz geglückter Ausflugsversuch in das Reich des Dancehalls. Die erste Singleauskopplung „Nichimgriff“ eröffnet auch gleichzeitig das neue Album. Es zählt zu den härtesten Stücken der CD. Im Allgemeinen wurde der Härtegrad zu Gunsten von mehr Abwechslung heruntergeschraubt. Das sich anschließende „Unscharf“ lässt die Tempozügel etwas lockerer und ist eher guter Durchschnitt. Mit „Gobi Todic“ schickt sich nun ein erstes musikalisches Highlight an, das vor Allem durch den Einsatz der Bläser und den mitreißenden Rhythmus besticht. „Seltsam“ kritisiert auf typisch-amüsante Farin Urlaub-Art das Thema Pelzträger. „Krieg“ beginnt, nicht wie man es vielleicht erwartet mit erhobenen Zeigefinger ala „Krieg ist schlimm, beteiligt euch nicht daran“, sondern beschreibt zunächst die kleinen Alltagssituationen, in denen Gewalt entsteht und zieht dann den Rückschluss auf größere Kriege und den Menschen an und für sich. Sehr gelungen, Herr Urlaub!

Nach dem Reiselied „Pakistan“ folgt mit „Niemals“ eines der besten Stücke des Albums in dem eine Situation beschrieben wird, die wohl jeder schon mal erlebt hat: Unglücklich verliebt sein. Und nach der Akustiknummer „Die Leiche“, dem mittelmäßigen „Monster“ und der Ballade „Atem“ endet das große Album mit „Karten“ so hart wie es begann und macht nun Platz für den Ponyhof. Textlich ist CD Nummer zwei weniger erst. Das merkt man gleich bei dem ersten Titel „I.F.D.G“ (Ich find das gut), eine angenehme Reggae-Nummer mit noch angenehmerem („Der Papst sagt: In der Nase bohrn ist noch kein In-sich-Gehen“) Text. Kommen wir aber nun zur „Insel“: Also wenn in Zukunft eine ähnliche Nummer auf dem Programm steht, kann ich nur empfehlen, vielleicht doch bei „Seeed“ in die Lehre zu gehen. Der Refrain ist ganz angenehm, in den Strophen allerdings wirkt Urlaub unfreiwillig komisch, zu wenig will der Dancehall zu dem großen Blonden passen. „Zu heiß“ und „Trotzdem“ sind dafür wieder umso besser und machen das kleine Album zu einem gelungenen Reggae/Ska Ausflug.

Mit „Die Wahrheit übers Lügen“ hat das Farin Urlaub Racing Team ein sehr gutes Stück Musik fabriziert. Natürlich sind einige der Songs schwächer, wie beispielsweise „Unscharf“ oder „Monster“. Auch das schon angesprochene „Insel“ muss auf dem nächsten Album so nicht zwingend wieder dabei sein. Dafür gibt es aber auch mehr als genügend starke Stücke und Urlaubs Reime sind sowieso aus der aktuellen Musikwelt nicht mehr wegzudenken. Das neue Werk klingt auf jeden Fall durch das Mitwirken von seiner Band wesentlich runder. Auch spricht es durch einen ausgewogeneren Mix zwischen ernsthaften und witzigen Texten wieder eine größere Hörerschaft als das letzte Album an. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass vielleicht das „kleine Album“ noch ein wenig wächst!

Anspieltipps:

  • Gobi Todic
  • Niemals
  • I.F.D.G.
  • Zu heiß

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