Mercury Rev - Snowflake Midnight - Cover
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Mercury Rev Snowflake Midnight


  • Label: Cooperative/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 42 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Qualität auf dem siebten Album der amerikanischen Traumwandler stimmt, sofern man sich die Zeit dafür nimmt.

Die bisher veröffentlichten sechs Studioalben der amerikanischen Mercury Rev waren stets vergleichbar mit gutem Wein. Anfänglich etwas zäh und behäbig im Abgang, entfalteten sie mit jedem weiteren Schluck eine Faszination, die vielfältig, verspielt und vor allem mit einer undefinierbaren bewusstseinserweiternden Note versehen war, die erst reifen musste. Mit ihr auch meistens der Hörer selbst. In den letzten Jahren sind Jonathan Donahue (Gesang, Gitarre), Sean Mackowiak (Gitarre), Dave Fridmann (Bass) und Jeff Mercer (Schlagzeug, Keyboard) besonders aktiv gewesen und haben nach „The secret migration“ (01/2005) einen Soundtrack zum Film „Bye bye blackbird“ verfasst, die Best Of-Zusammenstellung „The essential Mercury Rev: Stillness breathes 1991-2006“ (10/2006) auf den Markt geworfen und haben an der Electro Compilation-Serie „Back to mine“ teilgenommen.

Danach begannen die Vorbereitungen für den Doppelschlag „Snowflake midnight“ und „Strange attractor“. Ersteres soll über den normalen Handel erhältlich sein, während der Bruder am Veröffentlichungstag der „Mitternachtsschneeflocke“ auf der Bandhomepage als Gratisdownload verfügbar sein wird. Mercury Rev gehen also mit der Zeit und bieten den Fans zwei Alben zum Preis von einem an oder überlassen ihnen die Wahl erst einmal in „Strange attractor“ hineinzuhören um sie damit möglicherweise zu einem Kauf von „Snowflake midnight“ zu überreden. Ob das jetzt eine Entwertung der eigenen Musik ist, wie es schon bei Prince („Planet earth“ gab es als Gratisbeilage zur englischen Wochenzeitung „The Mail on Sunday“), Radiohead („In rainbows“ stand als Download auf der bandeigenen Homepage und jeder durfte wählen, wie viel er dafür bezahlen will), Lambchop („Oh (Ohio)“ gibt es gegen einen kleinen Unkostenzuschuss als Beilage zur Oktober-Ausgabe des Rolling Stone) und ähnlichen Konsorten zur Debatte stand, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Die Qualität auf dem siebten Album der amerikanischen Traumwandler stimmt jedenfalls, sofern man sich die Zeit dafür nimmt, denn mit ein, zwei Mal für ein paar Minuten in die Songs reinhören ist es hier nicht getan um die Trageweite und Komplexität des gesamten Werkes zu erschließen. „Snowflake midnight“ braucht seine Ruhe. Gelassenheit. Geduld. Raum, sich zu entfalten. Erst dann ist ein Umfeld geschaffen, in dem sich die Platte wohl fühlt und atmen kann. Bereits die ersten Töne, zu denen sich neben flirrenden, sphärischen Klängen auch Sänger Jonathan mit seiner warmherzigen Stimme dazugesellt, malen ein vertrautes Bild. Im späteren Verlauf wird ein rockiger Unterbau installiert, der zwar gut mit dem gesampelten Beiwerk harmoniert, aber richtig warm werden Mercury Rev erst mit „Butterfly´s wing“, das einfach einen wunderschönen Melodiebogen bietet und nach kurzem Stillstand den Track durch elektronische Unterstützung lautstark ausklingen lässt.

Im nachfolgenden „Senses on fire“ stehen Synthies und Keyboard an der Tagesordnung, die mit einem rockigen Ausbruch gegen die Wand gefahren werden, wodurch der Song angesichts einer Laufzeit von 3½ Minuten etwas fragmentarisch und unausgegoren wirkt. Eine intensive Erfahrung erschaffen die Amerikaner in „People are so unpredictable“, in dem sich der Song bis zur Hälfte ruhig und andächtig ausbreitet und plötzlich eine unerwartete Eruption aus den Boxen bricht, die anschließend wieder abschwillt und in nebulosen Klangcollagen mündet. Ohne diesen Anhang wäre der Track wesentlich stimmiger und kompakter geworden. Dafür liefert „October sunshine“ eine unglaubliche Atmosphäre, bei dem der Sonnenaufgang vor nebligen Dunstwolken zum Greifen nah scheint und eine hypnotische Wirkung entstehen lässt.

Leider kann „Runaway raindrop“ diese Stimmung nicht aufrecht erhalten und wirkt durch Tribal-Drumming, analogen Sounds, unterschiedlichsten Samples, Glöckchenmelodie, sowie ständigen Unterbrechungen und Ausbrüchen zerrissen und unschlüssig. Trotz kurzem Einsatz von unangebrachten, technoiden Samples, entfacht das sukzessive „Dream of a young girl as a flower“ einen wahren transzendentalen Sog, den das Stück trotz seiner beachtlichen Länge von acht Minuten aufrecht erhalten kann. „It´s two or three different songs all in one. Where you´d expect a part of the song to come back to you in a traditional way, it morphs into something else, maybe something you didn't expect, but it´s exactly what the song needed to be” erklärt Jeff Mercer, während „Faraway from cars“ mit elegant in Szene gesetzten Handclaps seine Beachtung fordert und den Hörer ein weiteres Mal in eine fabelhafte Traumwelt entführen lässt, in der er auch während des Abschlusses “A squirrel and I” gefangen bleibt, obwohl der Track unterm Strich etwas zu geradlinig ausfällt.

Macht im Gesamten betrachtet ein Album mit vielen positiven, aber auch einigen negativen Seiten. Zwar ist es keineswegs verwerflich, wenn ein Stück eine unerwartete Wendung nimmt, die komplett aus dem Rahmen fällt oder progressive Gedanken ins Auge fasst, aber an der einen oder anderen Stelle hätten sich Mercury Rev vielleicht doch etwas zurücknehmen können um das Hörerlebnis dichter und straffer erscheinen zu lassen. Dafür liefern die vier Amerikaner mit „Snowflake midnight“ für Geduldige ein psychedelisches Traum- und Klangerlebnis, das in dieser intensiven Form heutzutage nur mehr wenige Bands kreieren.

Anspieltipps:

  • Butterfly´s Wing
  • October Sunshine
  • Faraway From Cars
  • Dream Of A Young Girl As A Flower
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