Evergrey - Torn - Cover
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Evergrey Torn


  • Label: Steamhammer/SPV
  • Laufzeit: 54 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

„Ilsebill salzte nach.“ Dieser bedeutungsvolle Satz wurde vor einiger Zeit als der schönste Beginn eines Romans ausgezeichnet. Er stammt aus Günter Grass' Buch „Der Butt“, das 1977 unters Volk gebracht wurde. Klar: es gibt schönere Sätze. Aber allein die Tatsache, dass eine solche Auszeichnung vergeben wird, zeigt wieder einmal, wie wichtig ein prägnanter Einstieg ist. „Broken wings“. Diese beiden Begriffe markieren den Beginn des neuesten Evergrey-Albums „Torn“.

„Broken wings“ ist ein Opener aus dem Lehrbuch. Hier wird keine Tröpfcheninfektion vorgenommen und es werden keine kleinen Schlückchen verabreicht. Nein, hier wird die Spritze direkt in den Anus gejagt und die heiße Tasse Kaffee auf Ex ausgetrunken. Wir sind hier schließlich nicht bei der Weltmeisterschaft im Warmduschen! „Broken wings“ ist aber auch das Problem dieses Albums. Denn nach diesem bärenstarken Start und dem kaum weniger einprägsamen „Soaked“ beginnt eine lange Phase der Durchschnittlichkeit, die erst mit „These scars“ (dem besten Song des Albums) endet – und das ist leider schon der Rausschmeißer. Insofern ist der Titel Programm. Zwischen „Broken wings“, „Soaked“ und „These scars“ klafft eine riesengroße Lücke. Wer in den Abgrund horcht, vernimmt im Wesentlichen sieben Mal dasselbe Lied. Dieser Monotonie kann man immerhin noch anrechnen, dass sich Evergrey auf ihre Wurzeln besinnen, da im Gegensatz zum zwiespältig aufgenommenen „Monday Morning Apocalypse“ (2006) wieder pointiertere Songs aus den Boxen donnern.

„Torn“ ist kein angedeuteter linker Haken um dann mit der Rechten einen Bauchtreffer zu landen, sondern ein direkter Schlag in die Fresse (wenn auch mit gut ausgepolsterten Handschuhen). Das Album bietet einen ausgewogenen Mix aus Aggressivität und Melodie, erkauft sich das aber mit viel zu wenig Abwechslung. Obwohl Evergrey mit Progressivität so viel zu tun haben wie Charlotte Roche mit dem Literaturnobelpreis, muss man schon sehr genau hinhören, um zwischen den Songs Unterschiede festzustellen, wobei man sich nie ganz sicher ist, ob sie wirklich da sind oder nur der Einbildung bzw. dem Wunsch entspringen, dass Evergrey endlich aus dem Knick kommen. Denn dass die Schweden es drauf haben, wurde in der Vergangenheit oft genug unter Beweis gestellt. Andererseits möchte man das von einer Band, die bereits sechs Alben herausgebracht hat, auch erwarten. Unglücklicherweise wartet man auf den Ausbruch, auf den großen Moment der Erleuchtung, vergebens.

Das Album ist schnell gehört, es ist kurzweilig und unterhaltsam, aber es ist eben auch nicht genial und sticht auf gar keinen Fall aus der Masse ähnlicher Veröffentlichung heraus. Trotzdem: mit Evergey muss man immer rechnen und Freunde mit Sinn für Musik im Intervall zwischen Power- und Gothic-Metal sollten „Torn“ auf jeden Fall eine Chance geben. Alle anderen sollten jedoch nicht erwarten, dass sie abgesehen von den angesprochenen Ausrufezeichen noch weitere zwingende Highlights vorfinden. Irgendwann ist eben auch der beste Riff ausgelutscht und die schönste Melodie verbraucht, zumal „Torn“ in diesen Disziplinen ohnehin nicht zur ersten Liga gehört.

Anspieltipps:

  • Soaked
  • These scars
  • Broken wings

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