Nicola Conte - Rituals - Cover
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Nicola Conte Rituals


  • Label: Emarcy/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 69 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Der deutsche Vorzeigejazzer Till Brönner versuchte mit „Rio“ vor knapp einem Monat den Jazz in Deutschland wiederzubeleben und brachte eine solide Scheibe heraus. Es fehlte das gewisse Etwas, welches die Platte zu etwas Besonderem hätte machen können. Jetzt unterstützt man gerne deutsche Künstler, doch wenn dann Nicola Conte ein neues Album auf den Markt wirft, ist man als Jazzfan in der Bredouille. Der Meister-DJ aus Bella Italia ist bekannt für seine gekonnten Symbiosen aus Acid Jazz und Bossa Nova und auch wenn das Acid hier ganz schön gestreckt wird, trifft dieses Profil noch immer auf den Südeuropäer zu.

Easy Listening trifft Filmmusik, trifft Bossa Nova und Jazz. Gleich das gemütliche „Karma Flower“ unterstreicht das Können Contes und die beschwingte Upbeat-Nummer „The Nubian Queens“ beweist, dass es in dieser guten Stunde keinesfalls langatmig zugehen soll. „Like Leaves In The Wind“ wird sogar noch eine Spur lockerer. Der Bossa Nova darf das Ruder übernehmen und doch geht das Gefühl nicht abhanden, dass im Hintergrund ein 60er-Jahre Streifen laufen könnte.

Wie es bei beim Bossa Nova und beim Jazz üblich ist, geht es nicht darum, dass die Musik Haken schlägt, sondern dass ein Gefühl durch die Musik geweckt wird und dieses Gefühl erhalten bleibt ohne zu lange weilen. Das gelingt bei den ersten vier Liedern allein aufgrund des Tempos. Dass Nicola Conte dazu noch alle Register des Jazz richtig zu ziehen weiß, spricht für ihn. Der Bossa-Nova als weiteres, belebendes Element und Bläser und Klavier mit Soloeinsätzen zu den richtigen Zeitpunkten. Wirklich sehr schön!

Erst mit „Awakening“ wird die erste Bremse gezogen, doch dies ist nun mal die typische Ballade, die ein jedes Album, egal welcher Gattung, besitzt. Noch dazu reden wir hin von Jazz. Wir reden von Musik, die manchmal erst spät in der Nacht begonnen hat. Improvisiert, voller Rhythmus, voller Herzblut und auch völlig entspannt. Der Bossa-Nova darf hier aussetzen, um den Drosseleffekt besser zur Geltung zu bringen. Klassischer Jazz zum Träumen. „Paper Clouds“ ruft den südamerikanischen Part wieder auf die Bühne zurück, auch wenn es hier bedächtig zugeht, statt beschwingt. Das Album hat einen kleinen Ruhepunkt gefunden. Kein Acid mehr. Als wäre das eine Aufforderung, scheint „I See All Shades Of You“ eine Fortführung des Vorliedes, nur dass das Tempo drastisch erhöht wird und die Glieder kaum still halten mögen.

Um das Facettenreichtum zu erweitern besticht das Instrumentalstück „Macedonia“ mit einer Mischung aus Broadway, Südland und Osteuropa. Ein Jazzkracher, der sofort zum Tanz lädt und wer nicht gerne tanzt, der muss mit dem Fuß (oder gleich dem ganzen Körper) mitgehen. Warum braucht die Jugend wummernde Beats, wenn ein guter Jazzsong genau das Gleiche hervorrufen kann? „Song Of The Seasons“ passt sich wieder der Filmmusik an, was nicht zuletzt an den Flöten im Hintergrund liegt. Die umschmeichelnden Stimmen der Gastsänger sind sehr passend gewählt und machen alle einen großartigen Job.

Das DJ-Dasein verleugnet Conte bei all der Klassik aber nicht, denn spätestens „Black Is The Graceful Veil“ ist „4 to the floor“ zum Anfassen. Und auch das beinahe psychedelische „Caravan“ überzeugt mit Tanzparkettqualitäten. Der Abschluss wird selbstverständlich konservativ von einer puren Jazznummer im traditionellen Sinne abgeschlossen. Ein wenig überraschend, sind doch gerade gegen Ende des Albums einige mutigere Tracks dabei. Das soll nicht heißen, dass der Abschluss nicht gelungen ist, nein im Gegenteil: Er reiht sich nahtlos in die wunderbaren Kompositionen Contes ein. Wer für die immer kälteren, ständig dunkler werdenden Abende ein wenig entspannenden Jazz sucht, ist bei „Rituals“ genau richtig.

Anspieltipps:

  • The Nubian Queens
  • Macedonia
  • Caravan

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