Karmakanic - Who´s The Boss In The Factory - Cover
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Karmakanic Who´s The Boss In The Factory


  • Label: Inside Out/SPV
  • Laufzeit: 56 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Was ist eigentlich genau Prog-Rock? Wer einer Einführung bedarf, der ist bei dem diesem Karmakanic genau richtig aufgehoben. Es gibt feinsten progressive Musik in allen Variationen – ein Querschnitt durch das Genre der vergangenen 20 Jahre. Und 20 ist gleich eine gute Zahl, so lange dauert der Eröffnungstrack, der mit Keyboards der frühen Marillion beginnt und dem Bombast von Spock’s Beard endet. Dazwischen gibt es tolle Arrangements, die herrlich miteinander verknüpft sind und das eigentlich Thema nie aus dem Blick verlieren. Fast nie, denn zweimal geht es dann doch mit den Instrumentalisten durch. Das erinnert dann mehr an eine verkürzte Jazz-Session. Doch die Ausbrüche sind nur von kurzer Dauer, bevor es mit Tomas Bodin an den Keyboards ganz durchgeht, wird er eingefangen und besinnt sich auf das eigentliche Thema.

Klingt dieser Beginn für das sonst häufig düstere Prog-Genre schon erstaunlich gut gelaunt, setzt „Let In Hollywood“ noch eine Schippe – ach was einen ganzen Lastwagen – Spaß drauf. Wenn die Jungs aus Schweden bei dieser Aufnahme keinen Spaß gehabt hatten, so haben sie ihn zumindest hervorragend vorgetäuscht. Ganz ohne schmunzeln kommt der Hörer dabei nicht aus bei manchen Gesangseinlagen, die an 80er-Jahre Pop à la Duran Duran erinnern.

Düster und bedrohlich wird es dann (endlich?) bei beim Titel Track. Leadsänger Göran Edman, vielleicht der einzige kleine Schwachpunkt in der Band, versucht zumindest seiner Stimme im wahrsten Sinne des Wortes etwas Tiefe zu geben. Insgesamt ist seine Stimme aber nicht ausdrucksstark genug, um dem Niveau, das die Band um den Kopf Jonas Reingold vorgibt, standzuhalten. Doch das ist Kritik auf ganz hohem Niveau, andere Bands, etwa die Kollegen von Spock’s Beard, würden Edmann wohl mit Kusshand nehmen. Mit dem kleinen Minuspunkt des Gesangs kann auch dieser zweite Longtrack fast vollends überzeugen und spätestens beim fast zehn minütigen „Two Blocks From The Edge“ fragt man sich: Wann kommt mal eine qualitative Verschnaufpause? Diesmal schafft es Arrangeur Reingold, hauptberuflich eigentlich Bassist bei den Flower Kings, sogar Theo Travis mit seinem Saxophon in ein Prog-Stück einzubauen. Ein Vorhaben an dem Marillion schon einmal ganz kläglich gescheitert ist, was hier mit einer unfassbaren Leichtigkeit gelingt und sich wunderbar in das treibende Rockstück einfügt.

Und es geht doch traurig. Das in zwei Songs geteilte Eternally hat Reingold seinen bei einem Autounfall gestorbenen Eltern gewidmet. Angesichts dieser Umstände darf man ohne Kitsch sagen, dass Reingold viel Herz in die Stücke gesteckt hat und es nicht an Bombast fehlen lässt. Nach einem spartanisch, klassischen ersten Teil, setzt Reingold im zweiten Teil den schwülstigen Streicher allerdings ein etwas gewöhnungsbedürftiges Akkordeon entgegen.

Mut hat der Mann, aber auch unheimlich viel Talent und ein gutes Gespür für gelungene Arrangements. Zusammen mit einer erstklassigen Band ist ein Album herausgekommen, das zu den besten Prog-Alben des Jahres zählt.

Anspieltipps:

  • Let In Hollywood
  • Who's The Boss In The Factory?
  • Two Blocks From the Edge
  • Eternally Part II

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