1984 - Open Jail - Cover
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1984 Open Jail


  • Label: Weekender/INDIGO
  • Laufzeit: 42 Minuten
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6.5/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Kennen Sie Franz Ferdinand? Nein, nicht den Österreicher, sondern die Briten! Ein „Ja“, würde jetzt viel Arbeit ersparen. Franz Ferdinand sind durch schroffen, aber immer perfekt aus – und durchproduzierten Rocksound aufgefallen, der den Ramones nicht gleicht, doch immerhin ähnelt. Jetzt ziehen wir bei Gesang und Musik eine oder auch zwei Stufen Produktion ab und schon sind wir bei der französischen Indie-Rock-Band 1984 angekommen. George Orwell kennt jetzt aber hoffentlich jeder, ja? Etienne Nicolini (Gitarre, Piano und Gesang), Bruno Pelagatti (Bass) und Thomas Figenwald (Schlagzeug) spielen ihren mal psychedelischen, mal schlichten, rauen und straighten unter dem Rebellennamen.

Dieses tun sie auch wirklich so schroff, wie es bei diesem Namen sein muss. Der Gesang bei „Cocooning“ (und selbstverständlich auf dem Rest des Albums genauso) ist Nebensache. Wer die Texte mitsingen will/kann, der soll es gerne tun. Es ist die Stimme von irgendwem. Kein Chris Martin der Rockmusik, keine Stimme, die im Gehör bleibt. Das vergisst man aber ganz schnell, wenn man auf die Musik achtet. Von Beginn an strahlt das Lied eine Faszination aus, doch erst bei 1:33 kommt der Riff, der den Hörer aus dem Sessel haut. So viel Wut, so viel Melodie und doch ist kein Crescendo oder Sonstiges von Nöten gewesen. Der Track sichert sich so einen hohen Stellenwert. Dass der Boss in dieser Band die Gitarre ist, wird auch anhand der folgenden Stücke überdeutlich. Es sind die einprägsamen, starken Riffs Nicolinis, die den Hörer fesseln und für die Stimmung sorgen.

Das einzig Negative daran ist, dass diese Formel das Schema F darstellt. Dieses Muster läuft sich schnell tot, so macht es bei „Cache-Cache“ und „Skandiska“ immer noch jede Menge Spaß, beim französischen „L’Homme Aux Os“ wird es dann doch langsam nervtötend. „Swoon“ stampft zumindest in einem anderen Tempo als die vorigen Songs auf den Hörer zu und fächert somit einen hauch von Abwechslung zu, mit „Desert Dancers“ wird wieder eine Parallele zu Franz Ferdinand hergestellt. Das Piano und der Tanzbeat schaffen zusätzlich zu beinah hymnischen Backgroundvocals ein völlig neues Soundgefühl. Leider nicht einmal für zwei Minuten. Dieses Lied wäre nicht so schnell langweilig geworden. Das schleppende „The Missing Voice“ passt sich nämlich wieder dem bereits bekannten Schema an. Das Positive ist die negative mollbehaftete Klangführung, die dem Lied eine ganz eigene Note gibt.

Das letzte Drittel wird dann mit dem französischen Ohrwurm „Baikal Amour Magistral“ eingeleitet. Volksmusikmelodie trifft auf bewährten Rock. Warum nicht öfter so verspielt? Hatte „Swoon“ nur einen Hauch von Anderssein an sich wird das durch „The Last Men“ wieder gut gemacht. Langsames Lied, ausländische Rhythmen gepaart mit dem Schrammelrock, der das Album dominiert. Es geht doch! Das anschließende „The Wait“ hört sich an, als hätte man es schon gehört, irgendwo. Es mag der ewig ähnliche Sound der Band sein, das ändert jedoch nichts daran, dass der Track durch eine kluge Temposteigerung, die ebenso überraschend wieder verschwindet, Freude bei Amboss und Co. tief im Ohr auslöst. Der Abschlusstrack zeigt noch mal gnadenlos, dass der Gesang nicht die Stärke der Band ist und die Stimmung alles ist. Diese düstere Stimmung, die die Gitarre zu Tage fördert und den Hörer in windiger Nacht verschwinden lässt.

Die drei Mannen aus Straßburg haben keinen Meilenstein geschaffen, wie George Orwell es mit seinem gleichnamigen Buch „1984“ getan hat, doch sie haben ein gewisses Gespür für eine Art von Melodie, die sich so nicht oft auf Platte wieder findet. Wenn das mit dem Gesang geklärt werden kann und es neben der tollen Gitarre besonders das Schlagzeug schafft an Präsenz zu gewinnen, dann könnte diese Band vielleicht ziemlich große Wände zum Wackeln und Einstürzen bringen.

Anspieltipps:

  • Cocooning
  • The Missing Voice
  • The Last Men

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