Florentine Joop - Harte Jungs

  • 21.04.2013
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Florentine Joop - Harte Jungs - News
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Der Debütroman von Florentine Joop.

Erwachsenwerden zu einer Zeit, in der junge Männer lange schwarze Ledermäntel oder offene Flanellhemden über Feinripp tragen und als langhaarige Zivis mit Zopf und haufenweise Ringen in den Ohren durch die Gegend laufen, ihr Dosenbier und Dope mit Deutscher Mark bezahlen und Bars so verqualmt sind, dass kein eigener Joint erforderlich ist, um high zu werden. Erwachsenwerden zu einer Zeit, in der die Musik von Kassetten kommt, Polaroid-Sofortbildkameras Verwendung finden und Helmut Kohl deutscher Kanzler ist. Erwachsenwerden zu einer Zeit, als Freiheit im wiedervereinigten Deutschland ein so großes Wort ist, dass man gar nicht weiß, welche der unbegrenzten Möglichkeiten man wählen soll, welche der offenstehenden Türen für einen die Richtige ist. Erwachsenwerden zu der Zeit, als River Phoenix stirbt.

Florentine Joop erzählt in ihrem Debütroman „Harte Jungs“ von einer jungen Frau Anfang zwanzig, in einer Lebensphase, in der Weichen gestellt werden. Die erste eigene Wohnung, Studium- und Berufswahl, erste ernsthafte Beziehungen, die Suche nach dem Sinn des eigenen Daseins - das Leben ist so kompliziert, wie man es sich macht.

Nach dem Heiratsantrag ihres Freundes Frank befällt sie die Panik und sie versucht, für ein paar Monate in den USA vor ihren Gefühlen zu fliehen und dort erste berufliche Kontakte zu knüpfen. Zurück in Hamburg holen sie die Probleme wieder ein. Der alte Freund ist vergessen, zumindest verdrängt, doch was, wenn sie nun keinen Mann mehr abbekommt? Oder schlimmer, sie sich als beziehungsunfähig herausstellt? Mitten in der Selbstfindungsphase, geprägt von schwierigen Entscheidungen und tiefsinnigen Grübeleien, lernt die namenlose Protagonistin, nennen wir sie „Puppe“, von der man nie so genau weiß, wie viel Florentine Joop in ihr steckt, ihre neue Liebe Jan kennen. Mit ihm ist das Leben so herrlich und als er sie ganz selbstverständlich in seinen aus Musikern bestehenden Freundeskreis einführt, fühlt sie sich auf Anhieb wohl und ist sodann eine von ihnen.

Das Leben wäre so einfach, gäbe es da nicht manchmal das Gefühl, das könne doch nicht alles sein. Immer mit den Jungs abhängen und zu Gigs fahren, ist zwar ganz schön, doch was ist eigentlich mit dem eigenen Leben? Die Beziehung zu Jan ist auch echt harmonisch, aber sein Freund, dieser Ryan, ein halb-irischer Herzensbrecher, löst ein Prickeln aus, das nur in Ärger enden kann…!

„Harte Jungs“ ist ein Roman über ein bisschen Sex, ziemlich viel Drugs und noch mehr Rock´n´Roll. Aus dem Leben gegriffen macht er auch jüngeren Leserinnen deutlich, dass bereits frühere Generationen mit denselben Problemen und Fragen des Lebens zu kämpfen hatten, wie sie jetzt - nur dass dabei vermutlich andere Musik im Hintergrund lief. Leserinnen, da es ein typisches „Mädchenbuch“ ist, doch auch interessierte Herren dürfen sich dieser Lektüre gerne annehmen, schließlich geht es um Jungs und auch darum, wie Frauen ticken.

Florentine Joop schreibt in der Ich-Form und verwendet einen entsprechend lockeren Sprachstil, auch wenn sich der Leser dabei - zumindest anfangs - teilweise fragt, ob die Protagonistin nun 21 oder doch erst 16 Jahre alt ist. Der Roman ist flüssig zu lesen und zwischendurch immer mal wieder für einen Lacher oder zumindest ein Schmunzeln zu gebrauchen. Anstrengend jedoch ist die permanente Frage danach, wann es denn endlich los geht und wo die Handlung eigentlich hin will. Welchen Sinn hat das alles und vor allem, welches Ziel? Ab Kapitel 17, nach einer Durststrecke von geschlagenen zehn Kapiteln, während derer man höchstens ein latentes Interesse daran entwickelt, ob Puppe nun mit Ryan in die Kiste steigt, für immer mit Jan zusammen bleibt und jemals endlich ihr Leben in die Hand nehmen wird, nimmt die Handlung wieder etwas an Fahrt auf und es entwickelt sich eine Art Spannungsbogen, der - wie sollte es anders sein - im Finale gipfelt. Zwar lässt sich durchaus eine Parallele zwischen Puppes ziellosem Dasein und dem vor sich hin wabernden Inhalt ziehen, doch hätte man diesen Zusammenhang sicherlich auch in weniger langweiliger Gestaltung darstellen können.

Begleitet wird die Handlung stets von Musik. Egal, ob Grunge, Metal oder Punk Rock, Musik spielt in Puppes Leben eine ebenso wichtige Rolle wie in dem der Autorin. Und so stellte Florentine Joop eine Playlist zusammen, einen Song für jedes der 30 Kapitel. Sozusagen als Soundtrack zum Kopfkino.

Wer hier ein Buch für die leichte Unterhaltung erwartet und sich mit permanent kiffenden und trinkenden jungen Menschen identifizieren oder zumindest anfreunden kann und keinen Nervenzusammenbruch dabei erleidet, einer jungen Frau beim ziellosen In-den-Tag-hinein-Leben zuzusehen, ist mit „Harte Jungs“ auf jeden Fall bestens bedient. Leser, die eine spannende, wenigstens interessante Handlung bevorzugen, dürfen den Roman im Buchladen getrost zurück auf den Grabbeltisch legen oder sich zumindest bei Verlangen die Freiheit nehmen, Kapitel 7 bis 16 zu überspringen, denn versprochen, am Ende wird es noch einmal spannend und man will dann doch wissen, wie es nun ausgeht!

„Harte Jungs“ ist 2013 im Eichborn Verlag erschienen. Das Taschenbuch umfasst 270 Seiten und ist für 14,99 € sowie mit ein wenig Glück als Preis bei unserem aktuellen Gewinnspielerhältlich.

Der Soundtrack:

Kapitel: Titel - Interpret - Album (Erscheinungsjahr)

1: Crowns of Thorns - Mother Love Bone - Apple (1990)
2: This Love - Pantera - Vulgar Display of Power (1992)
3: Sober - Tool - Undertow (1993)
4: No Rain - Blind Melon - Blind Melon (1992)
5: Basket Case - Green Day - Dookie (1994)
6: I Want to Take You Higher - Sly & the Family Stone - Stand! (1969)
7: Closer - Nine Inch Nails - The Downward Spiral (1994)
8: Come As You Are - Nirvana - Nevermind (1991)
9: Don´t Call Me White - NOFX - Punk in Drublic (1994)
10: Miss World - Hole - Live Through This (1994)
11: Wish - Nine Inch Nails - Broken (1992)
12: Disarm - Smashing Pumpkins - Siamese Dream (1993)
13: Die Laughing - Therapy? - Troublegum (1994)
14: Diane - Hüsker Dü (oder Cover-Version von Therapy? (19xx))
15: Interstate Love Song - Stone Temple Pilots - Purple (1994)
16: Desire - U2 - Rattle and Hum (1998)
17: Say Hello to Heaven - Temple of the Dog - Temple Of The Dog (1991)
18: All Apologies - Nirvana - In Utero (1993)
19: Outshined - Soundgarden - Badmotor Anger (1991)
20: Cannonball - The Breeders - Last Splash (1993)
21: Summer Breeze (Seals & Crofts-Cover-Version) - Type 0 Negative - Bloody Kisses (1993)
22: Too Late: Frozen - Type 0 Negative - Bloody Kisses (1993)
23: After Dark - Tito & Tarantula (Single von 1996)
24: Nightclubbing - Iggy Pop - The Idiot (1972)
25: Rooster - Alice In Chains - Dirt (1992)
26: White Wedding - Billy Idol (Single von 1982)
27: Champagne Supernova - Oasis - (What´s The Story) Morning Glory? (1995)
28: Floaty - Foo Fighters - Foo Fighters (1994)
29: Pictures of you - The Cure - Disintegration (1989)
30: Born to die in Berlin - Ramones - Adios Amigos (1995)

Und was bei Puppe sonst noch so läuft… (alphabetisch nach Interpret):

Hells Bells - AC/DC - Back in Black (1980)
Nutshell - Alice In Chains - Jar of Flies (1994)
Television - Bad Religion - Stranger Than Fiction (1994)
The Times They Are a-Changin´ - Bob Dylan - The Times They Are a-Changin´ (1964)
Breakfast at Tiffany´s - Deep Blue Something - Home (1994/95)
Moskau - Dschinghis Khan (Single von 1979)
Always - Erasure - I Say I Say I Say (1994)
More Than Words - Extreme - Pornograffitti (1990)
Jump around - House Of Pain - House of Pain (1992)
I Was Made For Loving You - Kiss - Dynasty (1979)
The Safety Dance - Men Without Hats (Single von 1983)
One - Metallica - …And Justice For All (1989)
Touch Me I´m Sick - Mudhoney (Single von 1988)
Irgendwie, irgendwo, irgendwann - Nena - Feuer und Flamme (1995)
Coming Too Close - No Use For A Name - More Betterness! (1999)
Lori Meyers - NOFX - Punk in Drublic (1994)
I´m Broken - Pantera - Far Beyond Driven (1994)
Better Man - Pearl Jam - Vitalogy (1994)
Blitzkrieg Bop - Ramones - Ramones (1976)
I Can´t Be (What You Want Me To) - Ramones - Ramones - 25th Anniversary Edition (2001)
Summer Breeze - Seals & Crofts - Summer Breeze (1972)
Hunger Strike - Temple of the Dog - Temple Of The Dog (1991)
London Calling - The Clash - London Calling (1979)
Bikini Girls With Machineguns - The Cramps (Single von 1990)
Irish Rover - The Dubliners and The Pogues (Single von 1987)
Streams of Whiskey - The Pogues - Red Roses for Me (1984)
More - The Sisters of Mercy (Single von 1990)
Nowhere - Therapy? - Troublegum (1994)
Diane - Therapy? - Infernal Love (1995)
Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein - Tocotronic - Digital ist besser (1995)
Schism - Tool - Lateralus (2001)
October Rust - Type 0 Negative - Bloody Kisses (1993)

Jessica Eggert für CDstarts.de

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