Sven Regener - Magical Mystery

  • 04.11.2013
Artikel teilen:
Sven Regener - Magical Mystery - News
Klicken für Großansicht

Ein unter Verrückten lebender Verrückter nimmt Reißaus, um mit Verrückten auf Tour zu gehen.

„… die Bücher vom Regener sind genial! Also musst du das neue Werk besprechen! Fertig. Ende. Aus.“ - So und nicht anders lautete die Arbeitsanweisung. Nicht wie sonst: „Willste???“ Nein, dieses Mal gab es keine Wahl, es sei denn, ich wollte mich mit meinem Chef anlegen (Wo ist das Problem? Das läuft doch immer so ab... – die Redaktion).

Na gut, dann erstmal die Kurzbeschreibung lesen: „Magical Mystery… Karl Schmidt… Opfer eines Nervenzusammenbruchs am Tag der Maueröffnung… Bewohner einer drogentherapeutischen Einrichtung… mit ihrem Plattenlabel auf Tour gehen… den Rave der 90er Jahre mit dem Hippiegeist der 60er versöhnen… Drogen-WG… eine Handvoll Techno-Freaks, betreut von einem psychisch labilen Ex-Künstler… - 512 Seiten…“ und während ich die ganze Zeit nur eines denken kann und mich dabei ertappe, wie ich ungläubig den Kopf schüttele, kommt auch noch die Info, die dem Ganzen endgültig die Krone aufsetzt: „Sven Regener ist der, der auch ‚Herr Lehmann´ geschrieben hat!“ - Und meine Gedanken werden zu Worten: „Ach du Scheiße!“

Nichts gegen Sven Regener und auch nichts gegen seine Werke, aber die Beschreibung von „Magical Mystery“ vereint wirklich so ziemlich alle Reizworte, die ich mir für ein zu lesendes Buch nur vorstellen kann und „Herr Lehmann“ weckt Erinnerungen an geradezu traumatische Stunden: Was war eigentlich schlimmer, der Kinofilm oder das Date, zu dem ich ihn sah? - Oh, es war nicht einfach nur ein Date, es war auch noch doppelt und blind - und so ziemlich der langweiligste Abend meines Lebens, den ich nur deshalb halbwegs unbeschadet überstanden habe, weil meine allerbeste Freundin an meiner Seite war und mit mir litt. - Beste Freunde eben… so wie Herr Lehmann und Karl Schmidt!

Und nun, mehr als 500 Seiten später, kann ich selbst kaum glauben, was ich mir eingestehen muss: Ich vermisse ihn! Ja, ich vermisse ihn, denn es geht nicht anders, man muss ihn einfach lieb haben, diesen verrückten Charlie Schmidt - und damit auch „Magical Mystery“. Wer sich bisher durch Schlagworte wie Drogen und Techno von der Lektüre dieses Buches hat abhalten lassen, sollte sich das lieber noch einmal gut überlegen, denn er verpasst eine mitreißende Geschichte voller Spannung, Witz und Dramatik, in der es nur oberflächlich um besagte Themengebiete geht, sondern vielmehr um den mit einem Augenzwinkern beschriebenen Weg eines Menschen, der sich nach einem Totalzusammenbruch in dieser verrückten Welt zu behaupten versucht. Doch halt! Fühlt sich die lediglich an leichter Unterhaltung interessierte Leserschaft nun abgeschreckt? Großer Fehler, denn auch für diejenigen, die das Unbeschwerte, Verrückte lieben, ist „Magical Mystery“ der perfekte Lesestoff. Sven Regener gelingt es nämlich in meisterlicher Weise, amüsante und dramatische Momente in einem ausgewogenen Verhältnis miteinander zu verbinden, was diesen Roman für wirklich alle Leserschichten interessant machen dürfte. Also steigen Sie ein, klappen Sie die Sitze zurück, nehmen Sie eine entspannte Haltung ein und lassen Sie sich mitnehmen von Sven Regener und Charlie Schmidt auf eine spannende Reise - die Magical Mystery-Tour!

Zum Inhalt:

Karl „Charlie“ Schmidt ist Anfang dreißig und hat sich nach einem Totalabsturz mithilfe von Drogen- und Psychotherapie mühsam zurückgekämpft. Zurück aus der Therapie, zurück auf die Bildfläche, zurück ins Leben - oder zumindest in das, was man so Leben nennt, wenn man in einer betreuten Wohngruppe für und mit Ex-Junkies untergebracht ist und ständig unter Kontrolle steht. Doch Charlie Schmidt ist mit diesem Leben durchaus zufrieden, geht einer Arbeit nach, schätzt den geregelten Tagesablauf und die vertrauten kleinen Eigenheiten seiner mittlerweile liebgewonnenen Mitmenschen. Eines Tages jedoch trifft er unerwartet auf alte Freunde aus seinem früheren Leben. Leute aus der Techno-Branche, die ihn dazu ermutigen, aus seinem gegenwärtigen Leben auszubrechen und sie als Fahrer auf eine Tournee zu begleiten. Und dabei wird ziemlich schnell klar, dass dies nicht, wie man vielleicht meinen würde, der Anfang vom Ende ist, sondern eine Rettung, die zu keinem Zeitpunkt hätte günstiger kommen können.

So bricht er also auf nach Berlin, alte und neue Freunde zu treffen, um mit ihnen gemeinsam - in Anlehnung an den gefloppten Beatles-Film aus den 60er-Jahren - das Experiment „Magical Mystery“ zu wagen und in eine neue alte Welt einzutauchen - ein Deutschland ohne Mauer, eine Drogenszene als Abstinenzler, eine Musikwelt, in der Techno plötzlich einschlägt wie eine Bombe, eine Welt mit CDs anstatt Platten aus Vinyl und mit Handys, die noch echte Knochen sind.

Zugegeben, wer einen Knoten im Gehirn vermeiden möchte, sollte den in der Kurzbeschreibung aufgeführten Hinweis „Ein Buch wie ein Rausch: Man braucht 48 Stunden, die Droge heißt Sven Regener.“ lieber getrost ignorieren und „Magical Mystery“ nicht an einem Stück durchlesen, denn verquere Gedanken, wie sie jeder von uns denkt, aber wohl kaum jemand aussprechen oder aufschreiben würde, und damit verbundene ellenlange Sätze, gegen die dieser ein Witz ist, sind keine Seltenheit (Wer dennoch in diesem oder einem anderen Buch einen findet, der den ab Seite 163 toppt, möge sich bitte bei der Verfasserin dieses Textes melden.) und wurden vom Autor gezielt als witziges Stilmittel eingesetzt, um die skurrilen Gedankengänge vor allem des Protagonisten abzubilden.

Sven Regener, mittlerweile gleichermaßen bekannt und erfolgreich als Autor wie auch als Sänger der Band Element Of Crime, hat mit diesem verrückten Roman einen weiteren Bestseller auf den Markt gebracht, der mehr Menschen gefallen könnte, als sich vielleicht vorher davon angesprochen fühlen (die Rezensentin eingeschlossen). Mit Charlie, Ferdi und Co. hat er liebenswerte Figuren geschaffen, die man trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer oft verqueren Art einfach liebhaben muss. Es berührt die zwischenmenschliche Wärme, die sie allesamt ausstrahlen, Freunde, die einander so nehmen und mögen, wie sie nun einmal sind, mit all ihren Macken, kleinen Lastern und Problemchen. Trotz der Sinnesbenebelung durch diverse Drogen und den Erfolgsdruck in der Musikbranche zu einer für den Techno nicht ganz einfachen Zeit, stehen menschliche Werte so selbstverständlich im Vordergrund, wie es doch häufiger im Leben sehr wünschenswert wäre.

So fiebert man sich zusammen mit Charlie durch die Tournee und darf ihn auf dem Weg zurück in das richtige, unbehütete Leben begleiten, durchlebt Momente der Unsicherheit (z.B. beim gemeinsamen Gang unter dem Regenschirm: „… in den letzten fünf Jahren war ich keiner Frau so nahe gekommen, nicht einmal Dr. Selge, wenn sie mir eine Spritze gab.“), der Partys („Ich drehte mich um und wackelte mit meinem fetten Riesenarsch Richtung Publikum, das war es ja wohl, weswegen ich hier war, faceless Techno, mein Gesicht kriegst du nicht, aber meinen Arsch kannst du haben.“) und dann wieder der Depression („… das kommt davon, wenn man sich dauernd erinnert, das kommt davon, wenn man, bloß weil man immer noch im selben Körper steckt, alles, was dieser Körper irgendwann erlebt hat, mit allem anderen sonst noch Erlebten zusammenrührt…!“). Besonders letztere bindet Sven Regener auf eine Weise ein, die - bei aller Blödelei in der Geschichte - seine Größe und Ernsthaftigkeit unter Beweis stellt. Unglaublich feinfühlig und real, aber der Trübsal des Lesers stets rechtzeitig von der Schippe springend, lässt er Charlie heikle Momente durchleben, wie sie Depressive so oft in ihrem Alltag bekämpfen müssen.

Magical Mystery sei daher ausdrücklich auch all jenen ans Herz gelegt, die keine Affinität zu Verrückten, Drogen, der Techno-Szene, den frühen Neunzigern oder Depressionen verspüren, denn Sven Regener hat es hervorragend verstanden, die einzelnen Charaktere, so verquer sie einem vermeintlichen „Normalo“ auch anfangs erscheinen mögen, in ein liebenswertes Licht zu rücken und damit zu Freunden des Lesers zu machen - und diesem letztlich auch einen Spiegel vorzuhalten, der zeigt, dass doch eigentlich jeder von uns auf seine eigene Weise ein bisschen verrückt ist.

Der Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Sven Regener erschien am 10. September 2013 im Verlag Galiani Berlin und ist als gebundene Ausgabe, als Hörbuch sowie mit etwas Glück als Preis bei unserem aktuellen Gewinnspiel erhältlich.

Jessica Eggert für CDstarts.de

comments powered by Disqus
Weitere Artikel
  • Tourempfehlungen: