Holger Wobker (Boytronic)

  • 17.11.2006
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Holger Wobker (Boytronic) - News
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Anlässlich der Veröffentlichung des neuen Boytronic-Albums "Dependence", sprach CDStarts mit Gründungsmitglied Holger Wobker.

Anlässlich der Veröffentlichung von „Dependence“, dem neuen Album von Boytronic, sprach CDStarts mit dem einzig verbliebenen Gründungsmitglied der Synthie-Pop-Formation, Holger Wobker, über Vergangenes und die gegenwärtige Aufbruchsstimmung.

CDstarts.de: Bei einer musikalisch so erfolgreichen wie auch tragischen Geschichte, fange ich einfach mal ganz vorn an. Wie hast Du damals den Erfolg von „You“ verarbeitet, der ja doch plötzlich über euch hereinbrach?

Ja, es kam wirklich aus heiterem Himmel. Niemand hatte damit gerechnet. Eigentlich war es ein Zufall. Wir verdanken unseren Erfolg Kim Wilde! Die wurde krank und machte damit Platz für uns bei "Formel Eins". "You" war damals schon drei Monate veröffentlicht und lag wie Blei in den Läden. Nach dem TV-Auftritt änderte sich das schlagartig. Wir waren jedenfalls überhaupt nicht darauf vorbereitet. Jung und dumm, hatten wir irgendwelche Verträge unterschrieben. Der Druck war dann enorm und uns machte die Sache überhaupt keinen Spaß mehr. Wir wollten da irgendwie wieder raus. Deshalb waren wir zu der Zeit ziemlich halbherzig bei der Sache. Der Erfolg hat uns nicht beflügelt und der Spuk sollte ein Ende haben. Wir wollten lieber unser altes Leben zurück. Aber das ist schon so lange her und erscheint mir wie Geschichten aus einer anderen Welt. Es hat mich ja auch nicht davon abgehalten weiter zu machen.

CDstarts.de: Wie kam es zum Ende der ursprünglichen Boytronic?

Unsere damalige Plattenfirma drängte uns in eine Richtung, die uns gar nicht gefiel. Natürlich erwarteten die jetzt "You" im zweiten Aufguss. Das haben wir nicht gemacht .
Peter (Sawatzki; Anm. d. Red.) warf als erster das Handtuch. Ich habe dann noch das zweite Album fertig gemacht und sagte dann auch „tschüß“. Eigentlich war das nicht als das Ende von Boytronic geplant, sondern als das Ende der Zusammenarbeit mit der damaligen Plattenfirma. Wir hatten damals schon ein sehr lukratives Angebot von EMI London und mehreren anderen Majors. Aber da ging das Drama erst richtig los.

Die Plattenfirma hatte sich den Bandamen ohne unser Wissen beim Patentamt schützen lassen und behauptete steif und fest ihr wäre das alles eingefallen, was definitiv eine Lüge war. Aber wir wussten damals nichts von Namenschutz und Patentamt. Somit konnten wir auch nicht das Gegenteil beweisen. Wie auch? Es gab dann zwei Jahre Rechtsstreit. Ein Albtraum. Jedenfalls waren wir dann frei, aber den Namen los.

Wie die Plattenfirma die ganze Band sah und was sie mit ihr wollte wurde dann überdeutlich. Sie holte sich einfach drei neue Leute, die bis dahin aber auch so gar nichts damit zu tun hatten und lies die leichtgewichtige Popsongs ganz nach ihrem Sinne vortragen. Ein bis dahin einmaliger Vorgang. Das gab es noch nie. Gott sei dank ging das in die Hose. Sonst hätte es noch Schule gemacht.

CDstarts.de: Mit Peter Sawatzki, der mit Dir Boytronic 1983 gegründet hatte, hast Du an einem Album unter dem Namen A Feather On The Breath Of God gearbeitet, dass nicht erschien. Peter erkrankte an Krebs und verstarb, so dass Du Dich aus dem Musikzirkus zurück gezogen hast und einige Zeit in einem thailändischen Kloster verbrachtest. Wie standen damals die Chancen, Dich jemals als Musiker wiederzusehen und was hast Du vom Aufenthalt in dem Kloster mitgenommen?

Ich hatte damals mit der Musik abgeschlossen. Ich dachte, das sei alles verflucht, ich sollte nichts mehr in dieser Richtung unternehmen und habe dann auch jahrelang nichts mehr gemacht. Nach Peters Tod war ich sehr durcheinander und musste mich wieder sammeln. Der Aufenthalt im Kloster hat mir ein inneres Refugium geschenkt, in das ich mich zurückziehen kann. Es war eine sehr wichtige Erfahrung.

CDstarts.de: Hayo Panarinfo, heute Chef von eurer Plattenfirma Major Records, stammt aus der gecasteten Fake-Besetzung von Boytronic und arbeitete mit Dir für das 2002´er Comeback-Album „Autotunes“ zusammen. Wie war Dein Verhältnis zu den Mitgliedern der „Fake-Boytronic“ und wie kam es, dass Du Hayo mit an Deine Seite nahmst?

Nach der ganzen Zeit hatte sich die Lage entspannt. Die Fakeband gab es nicht mehr und niemand hatte ein kommerzielles Interesse an Boytronic. In der Zwischenzeit hatte ich eine Menge Songs geschrieben und wollte ein neues Album machen, ein Boytronic-Album. Ich habe mich dann mit Hayo getroffen, weil er das Gleiche vorhatte und ich Unterstützung gut gebrauchen konnte. Persönlich hatte ich ja nie was gegen die Mitglieder der Zweitbesetzung. Die kannte ich gar nicht. Wir waren uns auch gleich sympathisch und die Arbeit an dem "Autotunes"-Album klappte gut. Mittlerweile sind wir gut befreundet. Er ist ja auch nach wie vor involviert. Allerdings jetzt auf der anderen Seite als Labelmanager .Ich habe großes Vertrauen und er lässt mich machen was ich will..

CDstarts.de: Während sich Hayo ab 2005 ganz seinem Label widmete, formtest Du mit Hans Johm das Projekt Beachhead, welches eine EP mit dem Namen „Drowning Tonight“ hervorbrachte. Da Hans nun auch zum festen Bestandteil von Boytronic gehört: Wie sieht es derzeit mit einer Fortsetzung von Beachhead aus?

Beachhead schläft jetzt erstmal. Wir würden gerne weitermachen, aber wir haben auch noch unsere Jobs und da bleibt nicht soviel Zeit. Auch das neue Boytronic-Album wäre viel eher fertig gewesen, wenn wir nicht noch arbeiten müssten. Aber so sind die Zeiten. Da haben wir viel gemeinsam mit anderen Bands.

CDstarts.de: Ich habe gelesen, dass auf eurem neuen Album „Dependence“ viele Elemente aus Beachhead-Sessions eingebaut wurden. Kann man sagen, dass es die heutigen Boytronic ohne Deine frischen Einflüsse bei Beachead nie in der Form gegeben hätte?

Es war so das Hans und ich an einem Beachhead-Album gearbeitet hatten .Mit der Zeit merkten wir, dass die Songs alle sehr in Richtung Boytronic gingen. Damals stellte sich schon heraus, dass Hayo keine Zeit mehr hatte, weil ihn sein Label ganz beanspruchte. Ich habe dann Hans gefragt ob er Lust hätte und wir nicht ein Boytronic-Album daraus machen wollten. Dann holte ich noch Ziffels dazu. Er ist ausgebildeter Musiker und hat uns geholfen wenn wir an unsere technischen und musikalischen Grenzen stießen. Das hat sehr gut geklappt. Jetzt haben wir ein Fundament um weiterzumachen.

CDstarts.de: Hans Johm, Michael Maria Ziffels und Du als Urgestein der ersten Formation gehören zum Line-Up, welches nach weiteren Alben und Tourneen schreit. Doch erst einmal steht der Release von „Dependence“ an. Wie groß ist die Erleichterung, endlich wieder ohne Tragödien und Rückschläge an eurer Vision von Musik zu arbeiten?

Es ist gar kein Vergleich zu früher. Niemand erwartet von uns einen Megaseller. Wir können tun und lassen was wir wollen. Das ist sehr angenehm und macht Spaß. Das ist das Wichtigste.

CDstarts.de: Auf „Dependence“ finden sich neben klassischen Synth Pop-Fundamenten der alten Schule auch moderne Dance-Strukturen und frische Sounds, die das Ganze sehr andersartig gestalten. Wie sieht Dein Bezug zur aktuellen Musik-Szene aus? Bist Du immer noch Fan und beschäftigst Dich mit aktuellen Releases?

Ich bin ganz normaler Konsument und kaufe was mir gefällt. Mit den Hintergründen oder den Bands beschäftige ich mich aber nicht.

CDstarts.de: Was kannst Du uns für die Zeit nach der Veröffentlichung des Longplayers verraten? Gibt es eine Single oder die lang ersehnte Tour?

Wir machen gerade ein Video zu "Little Italian Feeling". Ob es den Track als Single geben wird, ist noch nicht final entschieden. Live wird es uns geben, wenn es die Zeit zulässt. Wir würden gerne mehr live unterwegs sein, aber im Moment geht das nur am Wochenende und im Urlaub. Und da will man sich ja eher erholen.

CDstarts.de: Nochmals vielen Dank, dass Du Dir für uns Zeit genommen hast und alles erdenklich Gute für Deine Zukunft, privat und mit Boytronic!

Das Interview führte Daniel Leckert

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