Oliver Gottwald (Anajo)

  • 13.04.2007
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Oliver Gottwald (Anajo) - News
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Für das CDstarts-Interview nimmt sich Oliver Gottwald viel Zeit und lässt keine Frage unbeantwortet.

Mein lieber Herr Gesangsverein! 15 Minuten lässt Oliver Gottwald mich warten. Der Mann ist nicht nur Sänger, Texter und Gitarrist der deutschen Nachwuchshoffnung „ANAJO“ – er ist eben auch Student der Soziologie. Er sei im Auto eingeschlafen, bringt er entschuldigend an. Für das Interview nimmt er sich zum Ausgleich deutlich mehr Zeit als die abgesprochenen 20 Minuten und lässt, ausgeschlafen und ausnehmend sympathisch, keine Frage unbeantwortet.

CDstarts: Ihr seid gerade mitten in eurer Deutschlandtournee, auf der ihr fast 50 Konzerte in weniger als drei Monaten spielt! Ist das für euch noch ein uneingeschränktes Vergnügen?

Klar, es macht noch Spaß! Wir hatten in der letzten Woche immerhin zwei freie Tage. Der Block vorher war allerdings schon etwas anstrengend. Wir haben 17 Konzerte am Stück gegeben mit nur einem Tag Pause, da haben wir schon gemerkt, dass wir eine Pause brauchen, vor allem auch für meine Stimme.

CDstarts: Ihr macht ohne Frage „Gute-Laune“-Musik! Ist es manchmal schwierig, diese auf die Bühne zu transportieren, wenn ihr selbst mal nicht so gut aufgelegt seid?

Natürlich gibt es Tage, an denen mal einer von uns nicht so gut drauf ist, da ist es dann eine Frage der Professionalität, dass man dies während der 90 Minuten auf der Bühne nicht zeigt. Für mich selbst ist es aber bisher in den allermeisten Fällen so gewesen, dass in dem Moment, in dem ich die Bühne betrete, alles andere vergessen war.

CDstarts: Sind die Live-Auftritte für euch das Schönste am Musikbusiness?

Ja, denn das ist der Zeitpunkt, wo man den Leuten am allernächsten ist. Es macht natürlich auch Spaß, neue Songs zu schreiben und ich bin immer ganz euphorisch, wenn mal wieder ein Song fertig ist, aber diese Momente kann man mit anderen Leuten nicht wirklich teilen. Wir sind eine Live-Band, deshalb spielen wir auch so oft, das ist einfach das, was uns am meisten Spaß macht.

CDstarts: Im vergangenen Jahr wart ihr für das Goethe-Institut in Russland. Wie kam es dazu?

Wir wurden erst mehr oder weniger privat eingeladen von einer Deutschen, die in Omsk unterrichtet. Das ging dann finanziell nicht, weshalb sie hat uns dann an das Goethe-Institut empfohlen hat. Da hat’s gefallen und dann wurde ziemlich spontan diese Tour dort gebucht.

CDstarts: Wie hast du Russland erlebt?

Es ist ein absolut faszinierendes Land, das man zu wenig kennt und von dem man vielleicht auch ein falsches Bild hat. Unglaublich, nette, gastfreundliche Menschen, die auch sehr offen für unsere Musik waren. Es sprechen dort erstaunlich viele Menschen Deutsch, und auch die Leute, die die Texte nicht verstehen konnten, haben die Musik verstanden. Teilweise war es fast etwas absurd, wir haben in Novosibirsk eine Pressekonferenz gegeben, bei der MTV Russland, das Lokalfernsehen, fünf Zeitungen und verschiedene Radiosender anwesend waren. Unglaublich!

CDstarts: Welchen Eindruck hattest Du auf euren Konzerten? Waren die Menschen dort zurückhaltender als in Deutschland?

Eher im Gegenteil! Vor den Konzerten ging es sehr gesittet zu, bis das Konzert angefangen hat, dann sind die Leute echt durchgedreht. Teilweise sind da Menschen während des Konzerts auf die Bühne gekommen und wollten Autogramme haben.

CDstarts: In Deutschland seid ihr durch euren Auftritt beim „Bundesvision Song Contest um einiges bekannter geworden. Habt ihr eigentlich lang überlegt, ob ihr an Raabs Contest, den ja nicht wenige Kritiker eher als einen kommerziellen und weniger als einen künstlerischen Wettbewerb einstufen, teilnehmt?

[thumb:right| Wir haben ein bisschen überlegt, aber nicht lange. Wir haben das im letzten Jahr auch im Fernsehen gesehen und solche Dinge wie diese Live-Schaltungen in die verschiedenen Bundesländer finden wir auch eher grauenhaft. Andererseits hat Stefan Raab mit diesem Contest etwas aufgezogen, was der Musik wirklich etwas bringt Für Bands wie uns gibt es ja sonst kaum die Möglichkeit, im Fernsehen vorzukommen, Sender wie MTV und Viva senden ja so gut wie keine Musik mehr. Deswegen muss man Raab hoch anrechnen, dass er dieses Forum für deutsche Künstler geschaffen hat.

CDstarts: Der Contest ist ja sehr „lokalpatriotisch“ angelegt, jedes Bundesland bekommt eine eigene musikalische Identität. Habt ihr für euch das Gefühl gehabt, das Bundesland Bayern zu vertreten?

Ja, auf jeden Fall. Das haben wir auch ganz stark zu spüren bekommen. Als wir dort eingelaufen sind kamen direkt Sprechchöre, „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“. Und auch unser Song enthält ja einige bayernspezifische Inhalte wie z.B. den „Starnberger See“.

CDstarts: Ihr hattet die Möglichkeit, nach eurem Debüt „Nah Bei Mir“ zu einem Majorlabel zu wechseln. Warum seid ihr Tapete-Records treu geblieben?

Wir haben schon überlegt, ob wir mehr Leute erreichen können, wenn wir zu einem Majorlabel wechseln würden. Wir haben aber auch gemerkt, wie „Tapete“ sich für uns reinhängt, wie viel Geld – natürlich in Indie-Verhältnissen gesehen – „Tapete“ da auch ausgibt, wie viel Manpower sie da reinstecken, das war enorm. Das hat uns überzeugt, im Nachhinein glaube ich auch nicht, dass ein Majorlabel das hätte besser machen können. Außerdem glaube ich nicht, dass andere Labels die Verzögerungen, die bei unserem aktuellen Album entstanden sind, so mitgemacht hätten. Wir haben bei Tapete-Records absolute künstlerische Freiheit, die Zusammenarbeit ist sehr freundschaftlich. Deshalb bin ich mir sicher, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

CDstarts: Der Text des Titelsongs eures aktuellen Albums klingt für mich wie eine musikalische Absage an die großen Labels. Richtig verstanden?

Ja, das kann man aus dem Text durchaus raushören. Ich würde aber noch viel eher „Mein Lieber Herr Gesangsverein“ zu diesem Thema nennen, da verarbeiten wir das noch deutlicher. Da kommen auf einmal Leute daher und machen dir Angebote, die vor zwei Jahren noch nichts von einem wissen wollten.

CDstarts: Wie hat sich die Herangehensweise an eure Musik für das zweite Album verändert?

Es war klar, dass sich etwas ändern musste. Für unser Debüt „Nah Bei Mir“ hatten wir alle Zeit der Welt. Wir haben uns aus den Demos von fünf Jahren bedient und fertig war das Album. Für das zweite Album gab es zwar bereits ein paar Ideen, aber eigentlich mussten wir da innerhalb von zwei Jahren alle Songs schreiben. Es war dann nicht mehr so, dass wir wie früher einfach auf Ideen warten konnten, sondern es war wirkliche „Songwriting-Arbeit“, was für uns eine neue Erfahrung war. Deshalb hat sich auch einiges verschoben, die Songs wurden einfach nicht fertig.

CDstarts: Habt ihr Kontakte innerhalb der deutschen Musikszene, gibt es Künstler, die eure Songs probehören und kritisieren dürfen?

[thumb:left| Wir waren einmal mit Virginia Jetzt auf Tour, da besteht noch immer ein guter Kontakt. Mein Mitbewohner, Roman Fischer, macht selbst auch Musik. Wir spielen uns häufig neue Sachen vor und profitieren wohl auch beide davon. Auch zu Kai-Uwe Kolkhorst von Tapete haben wir guten Kontakt. Letztes Jahr hatte ich die Ehre, mit Bernd Begemann zusammenzuarbeiten. Ein Wahnsinnstyp! Ich hatte wohl so etwas wie eine Schreibblockade und habe ihn um Unterstützung gebeten. Ich habe in dieser Zusammenarbeit viel gelernt, es gibt wenige Künstler, vor denen ich so viel Respekt habe wie vor ihm.

CDstarts: Wie verteilen sich die Rollen bei euch in der Band beim Songwriting?

Meistens ist es so, dass ich mit einer "Skizze", d.h. einer Basismelodie und einer Textidee, in die Bandprobe komme und wir den Song dann gemeinsam vervollständigen. Nicht selten ist in dieser Phase auch schon unser "viertes Bandmitglied" und Produzent Alaska Winter mit am Start. Wir beide haben auf der aktuellen Platte auch einige Texte zusammen geschrieben.

CDstarts: Eure Stärke ist die Eingängigkeit eurer Musik, die einfachen Songstrukturen. Viele eurer Kollegen haben ähnlich begonnen und verschachteln und verkomplizieren mittlerweile ihre Songs, um eine vermeintliche Entwicklung zu dokumentieren. Könnte euch das auch passieren?

Wir wollen auf keinen Fall verkopft werden. Ein gewisser Anspruch sollte natürlich in jedem Song drinstecken, aber wir wollen keine Band nur für Studenten oder so werden.

CDstarts: Ihr wohnt in Augsburg, also quasi auf dem Dorf. Habt ihr schon einmal überlegt, auch für eure musikalische Entwicklung, in eine Großstadt umzuziehen?

Augsburg ist eine kleine Stadt, aber es geht gar nicht so wenig dort. Die Nähe zu München ist auch kein Nachteil. Wir fühlen uns schon sehr wohl in Augsburg, weil wir eine gute Infrastruktur, ein gutes Netzwerk dort haben. Sicherlich möchte ich nicht mein gesamtes Leben in Augsburg verbringen, aber zurzeit bin ich eh’ immer unterwegs, deshalb stellt sich die Frage aktuell nicht.

CDstarts: Könnt ihr von eurer Musik leben?

Geht so. Wenn wir solche Touren machen wie zurzeit, bleibt natürlich schon
etwas hängen. Mit Platten Geld zu verdienen ist aber kaum noch möglich, es
sei denn, man verkauft tatsächlich mal so viele, wie z.B. Juli.

CDstarts: Was glaubst Du in welche Richtung es für euch musikalisch in der Zukunft geht?

Gute Frage! Ich muss ehrlich sagen, wir sind bisher noch nicht dazu gekommen, uns Gedanken über die neuen Songs zu machen. Die Ereignisse haben sich im letzten Jahr ja wirklich überschlagen und auch auf der Tour kommt man nicht wirklich dazu, sich darüber Gedanken zu machen. Da brauchen wir dann einfach mal zwei Wochen Ruhe und lassen uns dann in erster Linie wieder vom Gefühl und der Intuition leiten.

CDstarts: Und wohin geht die Entwicklung von ANAJO als Band?

Wir waren nie eine Band – und sind es noch immer nicht – die Sprünge von 0 auf 100 macht. Wir haben jetzt wieder drei vier Schritte gemacht und ich glaube, das ist ein ganz gesunder Weg, auf dem wir sind. Es geht langsam, manchmal schwierig, aber es geht voran!

Verzichten mussten wir leider auf einen schmutzigen Witz von Oliver, der einer Imagekorrektur (schließlich wirken die Jungs stets wie „Schwiegermutters Lieblinge“…) dienen sollte. Für solche Dinge ist nämlich nicht er, sondern Schlagzeuger Ingolf zuständig. Vielleicht hätte ein solcher Witz aus seinem Munde auch seine Mutter verschreckt, die hat es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, sämtliche Online-Berichte über die Band zu katalogisieren. Dies wird sicherlich zunehmend schwierig werden, denn ANAJO haben ohne Frage das Potential, um noch viel größere Schlagzeilen zu schreiben, als dies mit „Hallo, Wer Kennt Hier Eigentlich Wen“ bereits jetzt der Fall ist!

Das Interview führte Andreas Beckschäfer

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