Andy Dörner (Caliban)

  • 31.07.2009
Artikel teilen:
Andy Dörner (Caliban) - News
Klicken für Großansicht

Der Frontmann der deutschen Metalcore-Größe im Interview.

Andy Dörner, Frontmann der deutschen Metalcore-Größe Caliban, hängte sich für CDstarts ans Telefon und stand bei Fragen zu seiner Person und dem kommenden Caliban Album Rede und Antwort.

CDstarts.de: Erst mal die typische Telefon-Frage: Wo bist du eigentlich gerade und wie ist die Stimmung?

Andy: (lacht) Aggressiv! Ich bin gerade bei unserem Proberaum wo wir gerade noch geprobt haben, weil wir morgen auf eine kleine Tour fahren und zum ersten Mal ein paar neue Songs spielen werden.

CDstarts.de: Du als Shouter, wie machst du dich vor einem Auftritt warm? Schreist du den ganzen Backstage-Bereich zusammen oder was gibt es da für Tricks?

Andy: So in der Art. Es ist zwar kein Trick, aber ich hab mir da was abgeguckt von Robert Flynn, dem Sänger von Machine Head. Wenn der sich warm macht, dann schreit der auch, aber er packt sich ein Handtuch vor den Mund, damit das gedämpft wird und nicht so nervig ist für die anderen. Manchmal kann man sich auch in eine Ecke verziehen wo keiner ist und da auch ohne sowas rumschreien, aber im Grunde ist das mit dem Handtuch viel cooler. In dem Sinne mach ich mich dann halt warm… tiefe Töne, ein bisschen singen, die Stimme erst mal ein bisschen warm machen und dann steigere ich das bis hin zum Schreien. Ich mach das ungefähr ´ne halbe Stunde, dann noch ein bisschen Stretching und ein bisschen Warmlaufen… und dann geht’s auf die Bühne.

CDstarts.de: Früher hast du ja auch die Clean Vocals selber gesungen.

Andy: Das ist schon sehr lange her, ja.

CDstarts.de: Wie hat sich das ergeben, dass diese Aufgabe an Denis (einer der Gitarristen, Anm. d. Red.) abgegeben wurde?

Andy: Einfach aus dem Fakt heraus, dass sich das super schrecklich angehört hat. Ich hab ja nie auf den Platten selbst gesungen, das waren immer Gastsänger. Zum ersten Mal richtig melodische Stimmen hatten wir ja auf der „Shadow Hearts“, und als ich das dann auf der Bühne nachgemacht hab, war das immer todesschrecklich. Da hat sich jeder geschüttelt und ich wusste es im Grunde auch selber, dass das schrecklich ist. Ich hab es halt gemacht, weil es dahin gehört und weil es kein anderer gemacht hat bzw. machen wollte. Da war es dann einfach ein konsequenter Schritt, da mal jemand anderes dran zu lassen. Wir haben dann mal so einen Probelauf im Studio gemacht, jeder von uns hat sich mal in die Gesangskabine gestellt und was gesungen. Und Denis hatte damals die besten Voraussetzungen. Hat sich zwar anfangs auch schrecklich angehört, anfangs war er auch nicht gut, aber mit seinem Gesangsunterricht hat er sich dann recht gut gemausert. Mittlerweile macht er auf jeden Fall einen guten Job, find ich.

CDstarts.de: Was an dir immer auffällig war und dich von den anderen Bandmitgliedern abhebt, sind die geschminkten Augen und das Styling allgemein. Hat dich da irgendwas Bestimmtes inspiriert oder hat die Schminke sogar eine tiefere Bedeutung?

Andy: Als wir mit der Band angefangen haben, hab ich mich noch nicht geschminkt. Da war das noch gar kein Thema, von wegen bestimmte Kleidung bei Liveauftritten oder so. Aber ich hatte damals eine Phase, da hab ich ein bisschen Industrial und Gothic angehauchtes gehört, oder sowas wie Placebo… Ich war halt schon immer ein bisschen in diese Richtung orientiert. Und dann hab ich mal privat angefangen ein bisschen Makeup aufzutragen, wenn ich weg gegangen bin. Natürlich nicht so Drag-Queen-mäßig. Es hat sich einfach so entwickelt und ich hab es dann immer weiter gemacht. Viele hassen es ja, ich bin für viele der schwule Sänger, viele hassen mich. Das ist mir aber sowieso relativ scheißegal, was die Leute von mir denken. Ich war schon immer der Angriffspunkt, wenn die Band angegriffen wurde, weil ich nicht so wirklich ins Bild passe. Nach dem Motto Metalcore / Hardcore Sänger müssen ja tough sein, tätowiert ohne Ende… Bin ich nicht, war ich noch nie. Es ist halt für mich so ein Image-Ding, ich mach es mittlerweile sogar fast absichtlich um die Leute ein bisschen zu provozieren. Vielleicht werde ich irgendwann sagen „Jetzt ist gut, ich mach das nicht mehr“, aber der Punkt ist noch nicht erreicht.

CDstarts.de: Wenn du gerade mal Freizeit hast und so gar keine Lust auf Metal verspürst, welche CD legst du dann ein bzw. was läuft dann im mp3-Player?

Andy: Eigentlich alles quer durch den Garten. Wenn ich mal meinen iPod anschließe, geh ich in den Schuffle Mode und höre dann eher ruhigere Sachen, z.B. Dredg, Depeche Mode, Björk, Sigur Rós, Coheed and Cambria, Placebo, sowas in die Richtung halt. Sachen die zumindest nicht stressig sind, denn ich bin genug mit der Band unterwegs und höre da viel laute Musik, viel Metal, und wenn ich dann zu Hause bin, hör ich dann auf jeden Fall eher ruhigere Sachen. Wenn ich Bock drauf hab, natürlich auch mal Metal, aber wie gesagt, am liebsten eher was ruhigeres.

CDstarts.de: Ist Caliban eine Band, die generell nicht in irgendwelche Genre-Schubladen gesteckt werden will, oder steht ihr zu dem Begriff „Metalcore“, der meistens für euch verwendet wird?

Andy: Der Begriff Metalcore ist irgendwann mal vor vier Jahren oder so entstanden. Oder ist der noch älter? Ich hab keine Ahnung. Die Musik, die wir machen, machen wir ja schon seit ca. zehn Jahren. Es hat sich natürlich einiges geändert im Songwriting und den Songstrukturen, aber im Groben war es eigentlich schon immer ein Mix aus Hardcore und Metal. Das ist dann halt ein logischer Begriff, Metal +Hardcore = Metalcore. Uns ist es egal, wir scheren uns da nicht drum. Schubladen brauchen glaub ich auch die Leute um sich irgendwo zu orientieren, um irgendwo zugehörig zu sein. Von wegen „Ich kann sagen ich bin Metalcore / ich bin Hardcore / ich bin Emo“ oder sonst was. Es gibt so viele verschiedene Schubladen von verschiedenen Sachen und… es ist im Prinzip Wurscht.

CDstarts.de: Ihr wart ja schon mit verdammt vielen Bands auf Tour. Die ungewöhnlichste Combo meiner Meinung nach war da Caliban + Kreator. Kreator sind ja schon ewig bekannt als klassische Thrash Metal Band. Passt das denn zum modernen Metal von Caliban und wie kam das Ganze beim Publikum an?

Andy: Es war ein Experiment. Wir wollten schon immer mal eine richtige Metal-Tour machen. Wir haben zwar auch schon mit In Flames und Machine Head getourt, die auch mehr in den Metal-Bereich gehen, aber mit so einer richtigen Metalband aus den 80ern waren wir noch nicht unterwegs. Und wir wollten auch einfach mal gucken wie da so die Reaktionen der Leute sind. Es war interessant. Es waren halt schon sehr viele intolerante Leute dabei. Die Die-Hard Kreator Fans, die ja mittlerweile auch schon mindestens Anfang 40 sind, konnten mit uns natürlich nichts anfangen. Das war dann schon hart, aber wir wussten ja von vornherein, dass es für uns sehr schwer werden wird, Leute auf unsere Seite zu ziehen. Aber wie gesagt, es war ein Experiment, es war hart, es war eine Erfahrung. So schnell werden wir es wohl nicht wiederholen, denn man hat einfach gesehen, dass die Leute noch nicht so offen sind und in der nächsten Zeit auch nicht mehr offen werden, damit sowas funktioniert. Da sind die Barrieren bzw. die Unterschiede zu groß um einen gleichen Nenner zu finden, glaub ich. Wir waren auf jeden Fall die Paradiesvögel auf dieser Tour. Wir hatten natürlich auch Leute von uns dabei. Es war dann witzig anzusehen, wenn ein paar Leute einen Pit oder eine Wall of Death gemacht haben und die ganzen alten, eingeschworenen Kreator Fans dann dastanden und nur mit dem Kopf geschüttelt haben.

CDstarts.de: Jetzt kommt ja bald das neue Album „Say Hello To Tragedy“. Ich durfte es mir schon anhören und finde, es ist ein logischer Nachfolger von „The Awakening“. Aber wie sieht in deinen Worten die Entwicklung von „The Awakening“ zu „Say Hello To Tragedy“ aus?

Andy: Wir haben Wert drauf gelegt, noch mehr Zeit in Songwriting zu investieren, weil wir diesmal auch viel mehr Zeit hatten. Ich finde die Platte ist im Vergleich zu „The Awakening“ ein bisschen metallischer, geht mehr in die Tiefe. Es sind ein bisschen mehr Gitarren-Spielereien drin, z.B. was Metal-Melodien angeht, und so kleine versteckte Sachen wie Keyboards z.B. Und wir haben viel am Gesang gearbeitet und Wert drauf gelegt, dass Clean-Gesang und Schrei-Gesang besser ineinander übergehen und miteinander gut kooperieren. Ich denke die Platte ist eine der ausgereiftesten, die wir bisher gemacht haben, weil wir von vornherein schon mit unserem Produzenten Benny zusammen gearbeitet haben, was uns im Endeffekt viel Zeit erspart hat, z.B. was Änderungen angeht. Von daher ist es ein sehr ausgefeiltes Album geworden.

CDstarts.de: Es heißt ja, das neue Album hat das Konzept, von wegen „Tragedy“, dass in den Texten sowohl fiktive Themen wie vorher auch, als auch reale Tragödien aus dem wahren Leben behandelt werden. „24 Years“ beispielsweise soll ja auf diesen krassen Fall in Österreich anspielen. Was für reale Tragödien wurden denn noch auf dem Album verarbeitet?

Andy: Im Grunde ist das die einzige reale Tragödie, die man so aus den Medien kennt, diese Josef Fritzl Geschichte. Ich hab daraus zwei Texte gebaut. Zum einen „24 Years“ und der zweite ist „The Denegation of Humanity“. Das ist ja schon ein großes Thema und ich hatte zu viele Ideen um das in einen Text zu packen. Einmal hab ich das aus der Sicht der Tochter geschrieben, die eingesperrt und vergewaltigt wurde, das ist „24 Years“. Der zweite Abschnitt, „The Denegation Of Humanity“, befasst sich mehr mit der Sicht der Kinder, die da geboren wurden und dort quasi aufgewachsen sind. Ansonsten gibt es noch den Song „Coma“, der davon handelt, dass es Leute gibt, die in so einem Wachkoma liegen. Die liegen da, kriegen innerlich bewusst die Sachen mit, die um sie herum passieren, aber sind wie lebendig tot und können nichts machen. Wenn man sich das vorstellt, da zu liegen, du fühlst deinen Körper nicht, gar nichts, kannst nichts machen, kriegst dein Umfeld mit, wachst aber wahrscheinlich auch nie wieder auf und stirbst irgendwann. Das stell ich mir sehr schlimm vor und hab das deshalb auch als Thema aufgegriffen. „No One Is Safe“ ist dann noch so ein allgemeiner Tragödien-Song. Der handelt davon, dass jederzeit in deinem Leben ein Unfall passieren kann, z.B. du gehst über die Straße, wirst von einem Auto angefahren, bist gelähmt, dann ist dein schönes Leben vorbei… oder sonstige Sachen, die dir passieren könnten. Da ruf ich ein bisschen dazu auf, dass die Leute ihr Leben genießen und nicht alles als selbstverständlich hinnehmen sollen. Auf der anderen Seite sind natürlich auch wieder Herzschmerzsachen dabei. Das kann man auch immer als Tragödie auslegen, dass eine Liebe tragisch endete. Oder z.B. unsere Single „Caliban’s Revenge“ ist ein kleiner Abschnitt aus dem Leben des Charakters Caliban. Sein Leben ist quasi ein tragisches Liebesdrama, und das passt halt auch gut zum Thema der Platte.

CDstarts.de: Das kommende und das letzte Album wurden ja von Adam D. von Killswitch Engage gemixt. Saßt ihr da eigentlich noch zusammen oder hattet ihr da als Band keine große Beteiligung mehr?

Andy: Adam ist ja nun mal in den USA wohnhaft und deswegen ist es dann eher problematisch, mal eben so dabei zu sitzen. Auch weil wir nach den Aufnahmen direkt auf die Kreator Tour gefahren sind. Eigentlich war geplant, dass Mark und unser Produzent für ein, zwei Tage in die Staaten fliegen um beim Mischen ein bisschen dabei zu sein und ein paar Sachen zu besprechen oder zu ändern. Aber das war dann nicht möglich. Es lief dann so, dass Adam seinen Mix nach seinen Vorstellungen gemacht hat, wobei wir ihm natürlich auch unsere Vorstellungen und kleine Anweisungen geschickt haben, z.B. wo welcher Effekt hin soll. Adam ist für diese Musik momentan einer der besten und fähigsten Leute, er mixt und produziert ja auch Killswitch Engage selbst. Da musste man gar nicht mehr viel machen. Als er uns seinen Mix geschickt hat, war eigentlich alles gut. Da sagt man dann nur noch „hier muss das lauter, hier muss das leiser“ und das war‘s im Grunde. Vielleicht ist es bei der nächsten Platte möglich, falls wir da nochmal mit Adam zusammen arbeiten sollten, dass wir dabei sind. Wie gesagt, es war geplant, aber zeitlich nicht mehr machbar.

CDstarts.de: Wie kam es zu dem neuen Bandlogo und dem ungewöhnlichen Album Artwork?

Wir wollten schon länger was mit Basti machen, also Basti von Callejon. In der Vergangenheit hat er schon T-Shirts für uns gemacht und für die Platte wollten wir ihn auf jeden Fall auch haben. Wir finden seinen Stil halt ziemlich cool. Er hat einen großen Wiedererkennungswert. Wir haben ihm dann im Grunde freie Hand gelassen. Basti ist halt auch ein Künstler, der malt, nicht so wie viele Designer, die nur was am Rechner zusammenbasteln. Das soll jetzt nicht abwertend klingen, es gibt da ja auch genug Leute, die richtig geile Sachen machen. Aber ich finde es schon geiler, wenn ein Typ sich wirklich erst mal mit der Platte auseinandersetzt, die Texte liest und dann anfängt, Sachen zu malen. Das ist dann alles aus seiner Feder entstanden, auf die Musik und die Texte bezogen. Das ist ziemlich geil und wir finden das Artwork auf jeden Fall sehr gelungen.

CDstarts.de: Gibt es Caliban Songs, egal ob auf dem neuen Album oder allgemein, die dir besonders am Herzen liegen, deine Lieblingssongs quasi?

Da gibt’s einige. Ich mach das sehr davon abhängig, inwiefern ich da persönlich und emotional involviert bin. Also wenn ich Texte geschrieben hab, die mich zu der Zeit sehr berührt haben, sind das auch meistens meine Favoriten. Wenn ich den Song singe, spult sich der Text dann bei mir ab und ab und an kommen dann alte Emotionen, alte Gedanken auf, und die berühren mich dann halt immer noch sehr stark. Ein Beispiel ist „Forsaken Horizon“, oder „Goodbye“. Auf der neuen Platte ist auch ein Song, der mir textlich sehr nahe geht: „Love Song“. Ein Song für meine Freundin, der wird mich dann wahrscheinlich auch ein bisschen länger verfolgen.

CDstarts.de: Wann hattest du eigentlich zum letzten Mal Kontakt zu den Kollegen von Heaven Shall Burn und hast du schon deren neue DVD gesehen?

Die DVD hab ich mir angeguckt, wir sind ja jetzt Label-Kollegen bei Century Media und da hat man die freundlicherweise in die Hand gedrückt bekommen. Ist sehr witzig auf jeden Fall, sehr geil geworden. Gesehen hab ich die Leute… das ist schon länger her. Ich glaub ich hab die letztes Jahr zum letzten Mal gesehen, als wir mit ihnen auf Tour waren. Aber das nächste Mal werden wir sie spätestens sehen, wenn wir Ende des Jahres wieder die Christmas-Tour machen.

CDstarts.de: Du sagst ja ihr seid jetzt Label-Kollegen. Was waren denn die Gründe dafür, dass ihr von Roadrunner Records zu Century Media gewechselt seid?

Das waren mehr oder weniger interne Gründe. Der Deal hat sich einfach geändert. Das kam aus dem Haupt-Office aus den USA, nicht aus dem deutschen Office. Mit dem Angebot konnten wir nicht mehr leben. Finanziell wäre das quasi unser Untergang gewesen, dann hätten wir wieder anfangen müssen zu arbeiten. Das waren verschiedene Ansichten und deswegen hat man sich dann getrennt. Es war nichts Persönliches, wir haben gut mit Roadrunner zusammen gearbeitet, die haben einen guten Job gemacht, die waren auch mit uns zufrieden, aber mit dem neuen Deal hätte es nicht mehr funktioniert und deswegen mussten wir uns dann anderweitig umschauen.

CDstarts.de: Was steht nach den kommenden Konzerten an?

Wir sind dann kurz zu Hause und drehen das Video zur Single „Caliban’s Revenge“, dann haben wir noch ein paar Tage Pause und dann geht’s irgendwann auf Tour.

CDstarts.de: Da bin ich gespannt. Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Philipp Stroh

comments powered by Disqus
Weitere Artikel