Neil Mahony (Amplifier)

  • 02.02.2011
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Neil Mahony (Amplifier) - News
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Der Bassist der Prog-Rocker aus Manchester im Gespräch.

CDstarts: Ich gratuliere zur Fertigstellung eures Magnum Opus namens „The Octopus“. Es war eine schwierige Geburt, nicht wahr? Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?

Neil: Danke. Wir sind sehr erfreut! Es war ein hartes Stück Arbeit, aber für das Endergebnis können wir nur uns selbst danken, insofern ist das wie eine Rechtfertigung.

CDstarts: Nach der Pleite von Music For Nations und SPV musstet ihr einen neuen Weg einschlagen. Wie kam es dazu, dass ihr die Aufnahmen, die Produktion, den Mix und den Verkauf - eigentlich alles - im Alleingang gemacht habt?

Neil: Wir hatten gar keine andere Wahl! Aus der Pleite von Music For Nations haben wir gelernt, dass wir nur uns selbst vertrauen können. Egal wie hilfreich oder unterstützend einige Menschen mit denen man zusammenarbeitet auch sein mögen, keiner wird so viel von sich geben wie du selbst. Ich denke wir wussten das eigentlich schon immer. Seit Anfang an haben wir selbst aufgenommen, produziert und gemixt. Das einzige, was wir vorher nie gemacht haben, ist die Fertigung und der Verkauf. Mit der „Eternity“ EP sind wir versehentlich zu einer Plattenfirma geworden! Wir hatten schon immer diese Idee aber verfügten nicht über die nötigen Mittel dazu. Außerdem waren wir jung, wir wollten einen Plattenvertrag unterzeichnen!

CDstarts: Wir mussten sehr lange auf euer drittes Album warten. Hattet ihr Angst, dass die Leute euch in der Zwischenzeit vergessen haben und das euer selbst auf die Beine gestelltes Projekt euch möglicherweise in den Ruin treibt?

Neil: Haha! Na ja, wir haben in der Zwischenzeit zwei EPs veröffentlicht, die uns im Gespräch hielten, aber ich weiß was du meinst. Nein, wir haben eine kleine aber sehr loyale Fanbasis, einen Haufen Leute, die durch das kennen lernen auf unserer Webseite Freunde geworden sind. Die würden uns schon nicht sterben lassen! Die Begeisterung für das Album hat sich Schritt für Schritt gesteigert bis zu einem Punkt, an dem die Fans es sogar selbst für uns herausgebracht hätten, wenn wir nicht in der Lage dazu gewesen wären. Oder es wäre ausgeströmt…

CDstarts: Wie wollt ihr in Zukunft neue Musik veröffentlichen, hängt das vom Erfolg von „The Octopus“ ab?

Neil: Ich weiß es nicht. Ich glaube „The Octopus“ wird seinen Beitrag dazu leisten, wie die Dinge in der Zukunft angegangen werden, aber keine Ahnung wie das aussehen wird. Die Musiklandschaft hat sich so vielfältig geändert in letzter Zeit, nicht zuletzt in der Art wie Menschen Musik zu hören bekommen. Die Idee, dass Musik einfach nur „herauskommt“, ist viel puristischer und viel näher an dem, worum es eigentlich von Beginn an ging. Es wurden ja auch keine Eintrittskarten verkauft, als in Höhlen die erste Musik kreiert wurde!

CDstarts: Bands wie Marillion oder Nine Inch Nails machen ihre Alben auch im Alleingang. Ist der Direktvertrieb von Musiker zu Käufer das Modell der Zukunft oder doch nur eine Alternative?

Neil: Ich vermute, dass diese Bands es eher als ein Zeichen machen und weniger aus der Notwendigkeit heraus. Für Amplifier hat dies nichts mit Trend oder Mode zu tun, es ist genauso wie mit einer Band, die nach einem Konzert aus dem Kofferraum ihres Autos Kassetten mit eigener Musik verkauft. Wenn du etwas erschaffen hast, was gehört werden soll, dann ist es etwas Unumgängliches. Wenn aber die Alternative zur Norm wird, dann wird dir bewusst, dass sich die Welt wirklich verändert. Wie ich schon gesagt habe, es ist etwas völlig anderes für diese Bands. Ich glaube kaum, dass Trent Reznor CDs in Umschläge verpackt hat und ganze Säcke mit Postsendungen zur Post getragen hat.

CDstarts: Ist „The Octopus“ der eigentliche, der gewollte Nachfolger eures Debüt-Albums, ohne künstlerische oder sonstige Einschränkungen und Kompromisse?

Neil: Nein, überhaupt nicht. Alles ist ein Kompromiss, denn man hat nie genügend Geld, Zeit, Energie oder was auch immer. Kompromisse formen uns als Menschen und zeigen wozu wir imstande sind. Was wirklich zählt, ist wie du auf Probleme reagierst und was dir einfällt um sie zu bewältigen.

CDstarts: „The Octopus” klingt wie der Soundtrack zu etwas Mystischem (in gewisser Hinsicht wie „The Dark Side Of The Moon” von Pink Floyd aber mit der Länge von „The Wall“). Erzähl uns etwas mehr über das Konzept hinter eurem Werk und was ihr damit erreichen möchtet.

Neil: Die Musik oder das Album ist getrennt vom eigentlichen Konzept, denn „The Octopus“ ist riesig, um einiges größer als irgendeine Band oder Sammlung von Songs. Wir sind nur die Kommentatoren. Wir erleben das jetzige Geschehen und wissen auch was seit langer Zeit alles geschehen ist, dieses Album ist unsere Dokumentation darüber. Wir alle sind „The Octopus“, alles was wir tun, was wir erschaffen und zerstören, all das was von Bedeutung ist und auch nicht ist. Das Konzept ist „The Octopus“.

CDstarts: Euer Bandname ist nicht zufällig Amplifier (Verstärker) – was macht ihr mit den Verstärkern, dass ihr viel dichter und intensiver klingt als eine Drei-Mann Band, die einfach ihre Instrumente spielt?

Neil: Wir betrügen! Nein nicht wirklich, aber live machen wir das genauso wie auf Platte. Wir alle hören große Klänge in unserem Kopf und versuchen diese mithilfe der Verstärker nachzubilden. Matt haut hart genug auf sein Schlagzeug, um das Geräusch in seinem Kopf getreu wiederzugeben und wir fügen einfach mehr Verstärker hinzu, um mit ihm Schritt halten zu können. Vom technischen Standpunkt aus: Wir achten sehr auf Frequenzen.

CDstarts: (Die Standardfrage, die ich gerne jedem stelle:) Steven Wilson (Porcupine Tree) hat einmal gesagt, dass die Jugend heutzutage nur einzelne Songs aus dem Internet runterlädt und nicht mehr ein Album als Ganzes erforscht. Macht ihr euch über sowas Gedanken?

Neil: Hmmm. Menschen haben mal Musik empfangen indem sie jemandem zugehört haben, der die Musik direkt neben ihnen gespielt hat. Größere Gruppen haben sich zusammengeschlossen, um zusammen Musik zu hören. Irgendwann zogen organisierte Liederabende große Hörerkreise an und die Leute fingen an für den gemeinsamen Genuss eines Konzerts zu bezahlen. Dann haben wir gelernt Musik aufzunehmen und alles hat sich geändert. Veränderungen gab es schon immer und während einige Leute sie begrüßen, jammern andere darüber. Was soll das bezwecken? Man sollte einfach weiter machen. Es gibt größere Probleme auf der Welt über die man sich sorgen machen sollte, Steven! Auf der anderen Seite sag ich auch oft zu Leuten, dass sie einen bestimmen Song im Kontext hören sollten, um seine Bedeutung wirklich einschätzen zu können. Nicht jeder denkt auf diese Weise und wer sind wir schon, um jemandem aufzuzwingen, wie er Gefallen an etwas finden soll?

CDstarts: Könnte euer neues Album mit seinem großen Hintergrundkonzept diesem Trend entgegenwirken?

Neil: Klar, uns wird das gelingen wobei jeder andere zuvor gescheitert ist!

CDstarts: Wie steht ihr zu dem sogenannten Lautstärkekrieg (loudness war), der dazu führt das Alben immer lauter abgemischt werden und dadurch ihre Dynamik verlieren? Als Eigenproduzent hättet ihr bei „The Octopus“ auch mehr auf Dynamik setzen können und damit ein Zeichen setzen?

Neil: Einige der Alben, über die du wahrscheinlich sprichst, wirken sehr ermüdend beim Hören. Nach dem dritten oder vierten Lied braucht man eine Pause! Einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen ist das Eine, aber sich den Weg ins Bewusstsein von jemandem zu knüppeln ist etwas ganz anderes. Du hast zuvor „The Wall“ erwähnt. Mach ein Experiment, setzt dir deine Kopfhörer auf und dreh die Lautstärke so weit auf, dass du die „alte Aufnahme“ am Anfang des Albums perfekt hören kannst. Wenn es nun richtig losgeht, musst du die Lautstärke reduzieren, sonst explodiert dein Kopf! Das ist eine sehr gut ausgenutzte dynamische Bandbreite, fast wie in einem Film. Das ist heutzutage nicht mehr üblich und diese „alte Aufnahme“ wäre jetzt genauso laut wie alles andere auf dem Album und wenn du bei „Goodbye Blue Sky“ ankommst, willst du eine Pause. („Goodbye Blue Sky“ ist der siebte Track auf der ersten CD von „The Wall“ – Anm. d. Red.)

CDstarts: Vielen Dank für deine Zeit. Dir gehören die letzten Worte an unsere Leser.

Neil: Ein Bestandteil von etwas zu sein ist besser als ein Bestandteil von nichts zu sein…

Das Interview führte Korneliusz Kraus

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