Die Apokalyptischen Reiter Interviews

  • 10.04.2011
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Die Apokalyptischen Reiter - News
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Wir trafen Sänger Fuchs und Gitarrist Ady in Köln zum Gespräch.

Kurz vor dem Tourstart zum aktuellen und in den Charts gut platzierten Album „Moral & Wahnsinn“ in Köln fanden Sänger Fuchs und Gitarrist Ady von „Die Apokalyptischen Reiter“ in der Live Music Hall noch Zeit für ein Interview mit CDstarts.de.

CDstarts.de: Wie seid ihr eigentlich damals auf euren Bandnamen gekommen? Stand der Holzschnitt „Die vier apokalyptischen Reiter“ von Albrecht Dürer Pate oder hat dies andere Gründe?

Fuchs: Der Holzschnitt steht nicht Pate. Die apokalyptischen Reiter sind die Rächer Gottes, die die Welt vernichten und die Menschheit für ihre Freveltaten bestrafen. Als wir angefangen haben war unsere Musik natürlich anders als heute. Die Extreme standen im Vordergrund und was wir ausdrücken wollten, konnten wir mit relativ wenigen Mitteln. Damals waren das Geschrei und Blastbeats, heute ist das wesentlich diffiziler und vielfältiger. Darum heißen wir so. Der erhobene Zeigefinger ist es eigentlich. Frei nach dem Motto: „Passt auf Leute, die Welt ist nur geborgt“.

CDstarts.de: Ende 2009 hat du in Bochum und Jena zwei Konzerte im Rollstuhl sitzend bestreiten und dabei an Mobilität Einbußen hinnehmen, zudem eine andere Perspektive einnehmen müssen. Wie würdest du diese Erfahrung im Nachhinein beschreiben?

Fuchs: Es war eine gute Erfahrung. Ich hatte unglaubliche Schmerzen im Knie und Angst das was schief geht. Natürlich wollte ich auch nicht kurzfristig absagen. Im Endeffekt muss ich sagen war es eigentlich leichter wie im Stehen. Die Mobilität war insofern nicht eingeschränkt, weil ich immer jemand hatte, der mich rumfuhr, ich hatte ja eine Art Bühnen-Zivi (Anm. d. Red. der Tourmanager). Meiner Meinung ist es übrigens leichter im Sitzen zu singen als im Stehen, selbst bei epischen Songs. Außerdem war ich am Ende weniger außer Atem als sonst.

CDstarts.de: Moral und Wahnsinn ist mit 37 Minuten ein vergleichsweise kurzes Album. Gab es zu der von euch gewählten Thematik nicht mehr zu sagen?

Fuchs: Das ist wie bei einem Maler. Das Bild muss sagen wann es fertig ist. So war es auch bei der Platte. Es gab noch zwei Lieder, eines davon bereits fertig aufgenommen, die wären fast noch auf die Platte gekommen, aber das hätte den Rahmen gesprengt. Allerdings war es eine kurzfristige Entscheidung. Beim Durch hören wurde klar: So ist es rund, so fließt es gut und fertig. Viele meiner Lieblingsplatten sind kurz, ich glaube man hört sie sich dann auch öfter an. Ich denke, dass die Leute für Qualität bezahlen, nicht für Länge. Es gibt Platten, die dürfen eine Stunde lang sein: Plätscherplatten, epische Platten, wo man nicht so konzentriert sein muss. Unsere Platte verfügt schon über viele Wechsel, da brauch man Aufmerksamkeit und 37 Minuten sind da ausreichend.

CDstarts.de: Wie definiert ihr die Begriffe Moral und Wahnsinn?

Fuchs: Moral ist immer etwas einendes, etwas regelndes. Wenn sich eine Gruppe von Menschen auf bestimmte Regeln und Formen einigt, dann ist das gängige Moral, egal ob das nun Staaten, Heavy Metal Fans oder die Kirchen sind. Wahnsinn ist etwas sehr freiheitliches, etwas neues, etwas anderes. Jesus z.B. ist ja auch gekreuzigt worden, weil er etwas dachte, was der Obrigkeit im Weg stand. In dem Moment waren die Gedanken Wahnsinn, paar Jahrhunderte später waren sie normal. Es sind Begriffe, welche untrennbar sind.

CDstarts.de: Auf dem Cover ist auf der einen Seite Jesus mit Maschinengewehr, auf der anderen Seite SS-Mann mit Hirtenstab zu sehen. Über Jesus hängt ein Apfel und eine Schlange, über dem SS-Mann ein Affe. Welche Kritik an Politik und Religion steckt hinter dem Motiv?

Fuchs: Der Affe gehört zum Wahnsinn. Das Grüne, also ich (Anm. d. Red. In der Mitte des Covers ist Sänger Zunge raus streckend als grüngesichtiger Baum zu sehen), soll die Natur darstellen. Die Freiheit, das sich selbst regelnde , nach der Natur lebende. Jesus mit der Knarre steht dort, weil die größten Schlächter der Weltgeschichte ihr Handeln immer mit Gott legitimieren. Die Bomben z.B., die auf Hiroshima und Nagasaki gefallen sind, sind gesegnet worden und das ist ein Beispiel für Moral und Wahnsinn. Der SS-Mann bzw. die ganze Nazizeit wirft die Frage nach Mitschuldigen auf oder wie konnte das passieren ? Der Hirtenstab stellt die Frage: Wie konnten die Nazis so viele Menschen einsammeln, so eine schreckliche Macht errichten?

Ady: Außerdem sind es zwei Charaktere, die auch wirklich gut erkennbar sind. Jesus wird man vermutlich auch in 1000 Jahren erkennen und die Nazizeit ist nicht allzu weit weg.

Fuchs: Zudem noch die Frage: Was ist mit unseren Großeltern gewesen? Mittlerweile kann man sich der Thematik in Deutschland humoristisch nähern, was ich auch gut finde, aber die Frage „Oma, wie war das denn jetzt ?“ oder „Der Opa war doch auch freiwillig bei der Flag?“ wird immer noch nicht beantwortet. Das soll kein Vorwurf sein, aber Antworten würden halt zum Verständnis beitragen.

CDstarts.de: Fuchs ist auf dem Cover als „Grüngesicht“ zu sehen, anstelle von Haaren scheint Laub auf dem Kopf zu sitzen und wie schon sagtest du stellt auf dem Cover die Natur dar. Aktueller Bezug: Japan. Wie seht ihr die aktuelle Situation?

Fuchs: Da passt das Album wie die Faust aufs Auge, es beweist das die Natur nicht beherrschbar ist. Selbst wenn man alles menschenmögliche macht, du kannst nicht alles absichern, das funktioniert nicht. So ein AKW ist eine Geldmaschine, ganz klar. Es kostet sauviel es aufzubauen. Wenn es einmal läuft und dann immer länger, desto mehr Geld kommt halt rein. Der Geldhunger ist groß und das Bewusstsein im Volk ist einfach noch nicht soweit, dass man in Mitteleuropa hingeht und sagt „Ab 18.00 Uhr gibt es kein Strom mehr“. Dann würde ab 18 Uhr auch keiner mehr arbeiten.

CDstarts.de: Dann gäbe es auch nur noch Akustikkonzerte...

Fuchs: Von mir aus gerne. Es wäre auf jeden Fall ein anderes Leben. Das Leben würde sich auf jeden Fall sehr verändern, es hätte alles seine positiven und negativen Seiten. Aber ich denke es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Ady: Denk ich auch, es wird wohl ein unvermeidlicher Schritt sein. Japan, eins der fortschrittlichsten Länder, wenn nicht sogar DAS fortschrittlichste Land, ist nicht davor gefeit gewesen. Ich habe Berichte aus Tokio gesehen, da wurden einfach diese riesigen Werbe-LED ausgeschaltet. Das war schon krass.

Fuchs: Da kann man schon fast von Schicksal sprechen.

CDstarts.de: „Hammer und Amboss“ stellt den Hörer vor die Wahl welche Rolle er im Weltgeschehen einnehmen will. Seht ihr das mehr als das Begriffspaar Knecht - Herr oder aktiver Mensch – passiver Mensch?

Fuchs: So ist es eher gemeint. Man kann auch sagen: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ich muss dazu sagen, ich bin in einer Kleinstadt groß geworden, wo nix passierte, da gab es eigentlich nur Nazis und Kleinkriminelle und die Bushaltestelle war der Sammelpunkt. Man hat geredet und geträumt wie das Leben aussehen sollte oder wie man aus der Stadt heraus kommt. Manche haben es gepackt, manche träumen immer noch und manche sind auf der Strecke geblieben, sind immer noch da. Bei Hammer und Amboss geht’s konkret um einen Freund, den ich durch Heroin verloren habe. Nach der Wende kamen erst Studenten, die Versicherungsvertreter, dann die Autohändler und schließlich die Drogen. Er ist drauf hängen geblieben und hat sich zugrunde gerichtet. Er war dann nur noch Amboss. Jeder bewegt sich in anderen sozialen Gruppen und ist mal Hammer, mal Amboss. Das muss auch so sein.

CDstarts.de: Die Auflehnung der Bevölkerung gegen den Staat hat in vielen Ländern Tradition. in Frankreich gehen die Leute sehr schnell, oft gewaltbereit, auf die Straßen, in Deutschland wird oftmals erst lange diskutiert (Ausnahme Stuttgart 21, Stichwort Wutbürger), in Libyen herrscht Krieg der Bevölkerung gegen Gaddafi, der in den Medien teilweise offen als wahnsinnig bezeichnet wird, und seine Truppen. „Erwache“ scheint auf diesen Themenkomplex wie die Faust aufs Auge zu passen. Schwebten euch diese Traditionen und Entwicklung vor?

Fuchs: Irgendwie ja und nein. Natürlich kriegt man immer mit was um einen herum passiert und beim Reise läuft das über die Medien und die stellen es so dar wie von oben gewollt. Die sagen jetzt Gaddafi ist wahnsinnig, das haben sie 30 Jahre lang nicht getan. Ich denke er ist vor 30 Jahren mit Sicherheit so wahnsinnig gewesen wie er es jetzt ist. Die Wahrheit wird immer von der Macht gemacht und wer grad regiert bestimmt die Regeln. Uns geht’s bei „Erwache“ darum die Bewusstheit der Leute zu aktivieren oder zu erweitern. Wenn viele Leute eine Einsicht haben, dann ist eigentlich jeder Politiker machtlos. Wenn die allgemeine Meinung ist „Wir wollen keinen Atomstrom“ dann müssen das halt auch alle sagen.

CDstarts.de: „Dr. Pest“ wird nun ein Lied gewidmet. Wer wird als nächstes Mitglied mit einer Ode bedacht ?

Fuchs: (lacht) Keine Ahnung. Ich sing eigentlich gerne Oden für jeden der sie hören mag oder auch nicht. Meistens nach der Show im Bus.

Ady: (verdreht lachend die Augen): Mir hat er auch schon ein Ständchen gesungen.

Fuchs: Der Dr. ist einfach eine starke Figur. Sowohl im privaten wie auch in eine ganze andere Richtung auf der Bühne. Irgendwie hat er es schlicht und einfach verdient.

CDstarts.de: Im Lauf der Jahre habt ihr euch mit jedem Album in den Charts verbessert, das neue „Moral & Wahnsinn“ ist sogar mit Platz 18 so gut wie keines zuvor von euch eingestiegen. Ist dieser Erfolg für euch die Moral von der Geschichte oder macht euch das wahnsinnig stolz?

Fuchs: Beides, es ist natürlich schön wenn du Anerkennung für deine Arbeit kriegst und in unserer Platte steckt wirklich viel Arbeit. Das wird vor allem von Kritikern in drei Sätzen abgetan, aber so ne Erarbeitung von einem Album dauert nun mal seine zwei Jahre. Das sehen die oft nicht als wichtig an, denen geht’s teilweise nur ums persönliche Gefallen. Aber wenn es dann auf 18 reinkommt, das freut natürlich. Wir sind ja Berufsmusiker, wenn du nicht jeden Monat dein festes Gehalt kriegst, ist das ein unstetes Leben. Dann ist so ein Chart-Einstieg schon schön.


Das Interview führte für CDstarts.de

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