Steven Wilson (Porcupine Tree)

  • 14.11.2011
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Steven Wilson (Porcupine Tree) - News
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Jazz, Serienmörder, Vinylkultur und glühende Luft.

CDstarts: Hi Steven, wie waren die ersten Konzerte in Polen?

Steven: Fantastisch. Es ist eine wirklich gute Show. Ich hatte eine ganz konkrete Vorstellung davon wie die Show aussehen soll, wie sie sich mit all den visuellen Effekten entfalten soll, aber es ist eine ganz andere Sache zu sehen, dass dies alles auch wirklich funktioniert. Insofern bin ich irgendwie darüber erleichtert, dass die Show wirklich funktioniert. In Poznan hatten wir ein Konzert zum Aufwärmen in einem kleinen Club, erst in Krakau war die erste richtige Show.

CDstarts: Lass uns über dein neues Album „Grace For Drowning“ sprechen. Wie würdest du den Charakter des Albums beschreiben?

Steven: Der Hauptunterschied zwischen diesem und dem ersten Soloalbum („Insurgentes“ – Anm. d. Red.) ist, dass das erste Soloalbum aus der Musik schöpfte, die mich umgab als ich aufgewachsen bin, speziell die Phase der 80er. Meine Freunde und ich hörten zu der Zeit Joy Division, Cocteau Twins, Bauhaus oder The Cure und ich liebe diese Musik. Das neue Album ist über die Musik der späten 60er und Anfang der 70er Jahre, die ich erst später für mich entdeckte, im speziellen die Fusion zwischen Jazz und Rock, aus der sich in einer gewissen Hinsicht das entwickelt hat, was wir heute als Progressive Rock bezeichnen. Aus meiner Sicht wurde der Progressive Rock geboren als sich Jazz- und Klassikmusiker dazu entschieden haben Popmusik zu spielen und das was wir heute als Rockmusik bezeichnen. Als sich diese zwei unterschiedlichen Welten vereinten, gab es diese Explosion an ambitionierter Musik und dies kennen wir heute als Progressive Rock. Meiner Meinung nach ist das Jazzelement verloren gegangen, es ist so, als ob es aus den letzten 30 Jahren Musik ausradiert wurde. Wenn du dir solche Bands wie Jethro Tull, Soft Machine, King Crimson, Van Der Graaf Generator oder Yes anhörst, wirst du feststellen wie wichtig Jazz in dieser Musik war, aber keine Band aus den letzten 30 Jahren hat das mehr gemacht und ich zähle meine eigene Band Porcupine Tree genauso dazu. Ich habe aber gemerkt, dass all die Musik, die ich wirklich liebe, dieses Jazzelement besitzt. Ich meine damit nicht nur die Seite der Rockmusik sondern ebenso die Jazzmusiker, die die Rockmusik erforschten, wie Miles Davis, Mahavishnu Orchestra oder Weather Report. Dieses Jazzelement ist etwas, dass ich in meiner eigenen Musik vermisst habe, daher ist „Grace For Drowning“ ein Versuch dieses organische, spirituelle Gefühl des Jazz wieder zu beleben. Es ist echt witzig wenn du das Wort „Jazz“ sagst, sind viele Menschen zunächst entsetzt und stellen sich meist Fahrstuhlmusik vor, Kenny G und ähnliches, dabei kann Jazz auch sehr düster sein und mein Album beinhaltet diese düstere Facette des Jazz.

CDstarts: Hörst du viel Jazz?

Steven: Ja, fast alles was ich dieser Tage höre ist Jazz. Ich werde wohl alt (lacht). Ich habe immer Jazz geliebt, aber jetzt in meinen Anfang Vierzigern merke ich, dass Jazz mich richtig anspricht, es ist so spirituell und es besitzt nicht diese klinische Seite, die ich in der zeitgenössischen Musik höre. Zeitgenössische Musik hört sich an, als ob sie auf dem Computer entstanden ist, wahrscheinlich ist sie das auch. Sogar bei echten Bands, deren Alben sind so abgestimmt, so verarbeitet, perfekt abgeglichen und abgemischt. Ich will das nicht, ich will Musiker, die sich so anhören, als ob sie gerade aufgekreuzt wären, sich ihre Instrumente geschnappt und angefangen haben zu spielen, organische Menschen mit einer organischen Qualität. Davon habe ich versucht mehr in meine Musik zu integrieren und es ist echt hart dies zu erlernen, wenn man es die letzten 20 Jahre nicht so gemacht hat. Es ist eine große Sache für mich anzufangen all diese Perfektionierung, Abstimmung und Abgleichung zu verlernen und zu vergessen. Daher haben wir uns entschieden den natürlichen Fluss, die Kanten und all den Charakter im Album zu behalten.

CDstarts: Offensichtlich hatte das Remixing der King Crimson Alben einen großen Einfluss auf dich, oder?

Steven: (Steven war wichtig, dass es ein Remixing und kein Remastering war – Anm. d. Red.) Klar, es hatte einen großen Einfluss. Übrigens mache ich jetzt auch den neuen Mix von Jethro Tull („Aqualung“ ist bereits erschienen – Anm. d. Red.). Es ist wunderbar in diesen Platten eintauchen zu können und zu hören wie die Musiker sie kreiert haben. 80% Prozent dessen, was man auf diesen Alben hört, ist eine Band die live spielt, keine „clicktracks“ (Zur Synchronisierung von Audiospuren – Anm. d. Red.) …einfach eine goldene Sinnesempfindung. Ja, ich glaube die Arbeit an den frühen King Crimson Werken war der Anfang dieses Prozesses bei mir, als ich realisiert habe, dass ich es nie wirklich erfassen konnte was ich an den Alben so liebte und nun anfing zu verstehen was die Alben für mich so besonders machte, es war der Jazz. Auf „Grace For Drowning“ habe ich viele Jazzmusiker mitwirken lassen, der Schlagzeuger (Nic France - Anm. d. Red.) ist zum Beispiel ein Jazzmusiker und die spielen natürlich nicht wie Rock-Schlagzeuger. Jazz-Schlagzeuger spielen so als ob sie die ganze Zeit solieren würden (Steven verdeutlicht den Unterschied indem er verschiedene Schlag- und Zischgeräusche vormacht), sie sind quasi überall und das ändert die ganze Eigendynamik. Als ich die King Crimson Alben hörte, habe ich angefangen zu verstehen, dass es genau dies ist was ich an dieser Musik liebe.

CDstarts: Die beiden Alben von „Grace For Drowning“ sind doch sehr unterschiedlich beim genauen Hinhören. Das erste endet sehr düster obwohl es viele Stimmungen bietet und das zweite hat eine eher düstere Stimmung endet aber auf eine leichte und ruhige Weise. Wieso hast du solch eine Anordnung der Songs gewählt?

Steven: Es fühlte sich einfach richtig an. Ich kann es nicht überintellektualisieren. Das zweite Album wird von einem sehr friedlichen Stück eröffnet, aber dann wird es mit „Index“ sehr klaustrophobisch und „Raider II“ ist natürlich am meisten für diese düstere Stimmung verantwortlich, aber ich kann es nicht wirklich erklären, es fühlte sich einfach richtig an.

CDstarts: Ich habe gelesen, dass du dich für die Psychologie von Serienmördern interessierst und bereits einige Songs darüber geschrieben hast. Welche Songs sind das und wovon handeln sie?

Steven: „Raider II“ und „Index“ sind Songs über Charaktere, die ernsthaft geschädigt sind. Ich war immer daran interessiert Songs über Dinge zu schreiben, die ich nicht verstehen und begreifen kann. Dies führt dazu, dass ich Songs über Drogenkultur (z.B. „Voyage 34“ – Anm. d. Red.), das Internet und die ganze iPod-Generation (das Album „Fear Of A Blank Planet“ – Anm. d. Red.), oder eben über Serienmörder schreibe, um wenigstens zu versuchen ein bisschen zu verstehen wie solche Individuen, so genannte menschliche Wesen, so losgelöst sein können vom Mitgefühl mit anderen Menschen, dass sie jene als Objekte nur für die eigene Befriedigung behandeln können und dabei nichts empfinden.

„Raider II“ ist ein Song über einen Kerl, der das Bedürfnis verspürt sich eine Familie anzueignen, weil er nie eine eigene Familie hatte. Er bricht in Familienhäuser ein, fesselt die Familienmitglieder, arrangiert sie im Wohnzimmer und sitzt zusammen mit Ihnen dort bei einer Mahlzeit oder guckt Fernsehen mit Ihnen, um sich zu fühlen als ob er ein Teil dieser Familie wäre, weil er in seiner Kindheit nie eine hatte. „Index“ ist über eine extreme Form der Sammlermentalität, wobei Menschen behandelt werden, als ob sie bloße Sammelobjekte wären. Es basiert auf einem Buch von John Fowles mit dem Namen „The Collector“ („Der Sammler“ – Anm. d. Red.), das in den 60er Jahren geschrieben wurde – eine wirklich faszinierende Geschichte. Die Idee des Sammlers ist, dass er eigentlich Schmetterlinge sammelt und sie unter Glas aufbewahrt, aber Frauen auf die gleiche Art und Weise behandelt. Sie sind nur dafür da gesammelt, analysiert und als Objekte konserviert zu werden. Auch dies ist sehr verstörend wie Menschen zu einer solchen Mentalität gelangen können, natürlich hat das mit Problemen in der Kindheit zu tun. Wie dem auch sei, die Songs sind ziemlich düster. Irgendwie sind meine Songs immer so düster, ich schreib nie fröhliche Songs.

CDstarts: Du kannst wirklich hervorragend einem Song oder sogar einem ganzen Album eine bestimmte Stimmung aufdrücken. Hast du je darüber nachgedacht Filmmusik zu komponieren?

Steven: Ich würde sehr gerne Filmmusik machen. Weißt du, ich höre mein ganzes Leben lang schon, dass sich meine Musik sehr gut für Filme eignen würde, aber ich wurde nie darum gebeten. Es ist ziemlich schwierig in diese Branche einzusteigen. Nur eine kleine Gruppe von Leuten macht Filmmusik, Hans Zimmer und John Williams machen zum Beispiel die großen Hollywoodfilme. Trent Reznor macht jetzt Musik für viele Filme. Du brauchst ein gutes Verhältnis zu einem Regisseur, Trent Reznor macht so viel Musik zu Filmen, weil David Fincher ihn für alles einsetzt das er macht. Ich hoffe eines Tages wird Lasse Hoile anfangen Filme zu drehen, denn er macht all die Videos für mich, und ich bin mir sicher in diesem Fall würde er wollen, dass ich die Musik mache. Ich warte also auf die richtige Gelegenheit.

CDstarts: Ich erinnere mich, dass du mal erwähnt hast, dass das „Deadwing“-Album eine Art Soundtrack zu einem Film ist den du machen wolltest?

Steven: Ich habe zusammen mit meinem Freund Mike Bennion, der ein Filmregisseur ist, ein Drehbuch geschrieben, welches er verfilmen sollte. Er hatte noch keine Filme gedreht, nur Werbespots und Videos, aber er wollte einen Film drehen. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns einfach an den Schreibtisch setzen und einen Film für ihn schreiben und so haben wir das ganze Drehbuch geschrieben. In den letzten sechs Jahren haben wir das Drehbuch jedem gezeigt, der sich bereit erklärt hat es zu lesen, Produzenten, Agenten, Schauspielern und Schauspielerinnen und wir versuchen es weiterhin. Es ist wirklich schwer jemanden zu finden der dir eine Million Dollar gibt um einen Film zu drehen. Dabei ist das noch ein sehr billiger Film, aber eben kein Film, den du nur in einem Raum aufnehmen kannst. Er braucht verschiedene Standorte, natürlich einige Schauspieler und somit ein minimales Budget. Wir versuchen es weiter und hoffen, dass es eines Tages klappt.

CDstarts: Ist das nicht seltsam: die Filmindustrie geht in die Richtung von hochauflösenden Filmen und die Musikindustrie in die entgegengesetzte Richtung?

Steven: Nein, eigentlich nicht. Viele Menschen laden sich auch Filme runter und gucken sie auf ihren iPhones, iPads oder Laptops. Ich denke da ist eine Parallele. Ich habe das neue Album auch auf Blu-ray veröffentlicht und ich bin nicht der einzige, Neil Young und Tom Petty haben beide ihre aktuellen Alben auch auf Blu-ray herausgebracht. Es gibt einen kleinen aber wachsenden Markt für hochauflösende Musik. Außerdem entdecken viele Jugendliche Vinyl wieder für sich. Als mein Album vor einigen Wochen in England erschienen ist, habe ich eine ganze Woche lang Signierstunden in kleinen Plattenläden gegeben und ich würde behaupten, dass die Hälfte der Jugendlichen, wahrscheinlich im Alter von 14 bis 20, Vinylplatten zum unterschreiben mitgebracht haben. Noch vor drei Jahren wäre das nicht so gewesen, in den letzten zwei oder drei Jahren haben sie also Vinylplatten für sich entdeckt. Ich war sehr glücklich darüber, weil es mir zeigt, dass die Jugendlichen auf ihre Weise rebellieren. Das ist schließlich was Jugendliche tun, sie rebellieren. Wenn du Ihnen sagst, dass etwas normal ist, dann rebellieren sie dagegen. Wenn du ihnen einredest, dass es normal ist Musik auf kleine Festplatten runter zu laden, dann werden sie auch dagegen rebellieren. Somit ist es schön zu sehen, dass sich diese Rebellion von den portablen Abspielgeräten weg bewegt. Es ist momentan eine kleine Bewegung, die wahrscheinlich mehr Bedeutung in der Welt des Rock hat, denn im Hip-Hop oder Drum and Base. Das liegt daran, dass in der Rockmusik neben der akustischen Qualität immer auch die vollständige Erfahrung dazu gehörte, also die Platte in den Händen zu halten, die Songtexte zu lesen und das Coverbild anzugucken, eine Art Verbindung mit den Musikern einzugehen. Ich sehe also ein leichtes Zurückschwingen in die Richtung von Vinylplatten und physischer Produkte. Keine Ahnung wohin das führen wird, aber ich denke die mp3s haben ihren Zenit überschritten. Ich glaube in diesem Jahr hat die Musikindustrie vom ersten Anstieg der Verkaufszahlen von physikalischen Produkten seit 10 Jahren berichtet. Es macht keinen Unterschied was Menschen wie ich machen, das hat keinen Einfluss, aber Jugendliche, die gerade Musik entdecken, die mp3s ablehnen, können einiges bewirken. Das ist ermutigend.

CDstarts: Als Mixer und Produzent bringst du alte Kenngrößen wie eine große dynamische Bandbreite in der Musik wieder zum Vorschein. Ist das eine Art Kampf von Steven Wilson gegen den Lautheitswahn der Musikindustrie?

Steven: Ich möchte keine Revolution oder ähnliches anzetteln aber insbesondere dieses Album ist so voller Dynamik, ich wollte es nicht zermanschen. Diese Lautheit der Alben wird hauptsächlich fürs Radio und die ganze iPod-Geschichte gemacht, denn die Leute wollten nicht, dass deren Song leiser klingt, dass die Musikhörer ihren iPod auf Zufallswiedergabe oder Wiedergabeliste einstellen und nach einem Song von Rage Against The Machine dein Song kommt und sich deutlich schwächer im Vergleich anhört. Also musste es so laut sein wie das neue Foo Fighters Album. Erst das Metallica Album („Death Magnetic“ – Anm. d. Red.) machte eine Menge Leute auf dieses Problem aufmerksam. Bis zu diesem Augenblick wusste keiner außerhalb des Musikgeschäfts was Mastering eigentlich ist, erst dann bemerkten die Leute, dass etwas wirklich falsch lief mit der Musik. Das Thema explodierte regelrecht in den Medien, fast wie ein Medienrummel, und die Menschen begannen sich darüber zu beschweren, was wirklich eine gute Sache ist. Mein Album ist sicherlich eins der leisesten Alben, das du kaufen kannst, aber es ist halt auch eins der dynamischsten. Es besitzt die größtmögliche Bandbreite zwischen den leisen und den lauten Abschnitten. Es gibt so viele Alben die absolut flach klingen, bei denen die leisen Passagen genauso laut sind wie lauten Passagen, das ist so ermüdend für die Ohren. In den ersten fünf Minuten klingt das alles noch sehr aufregend, aber dann kann dein Gehirn nicht noch mehr vertragen und das ist das Problem mit modernen Alben. Die meisten Metalalben sind für fünf Minuten okay, sie können noch so fantastisch sein, aber weitere fünf Minuten und deine Konzentration geht den Bach runter, noch weitere fünf Minuten und es ist nur noch ein Scheißlärm, dann kann ich es nicht mehr ertragen, aber ich glaube die Leute erkennen das mittlerweile.

CDstarts: Einen Schritt hast du noch nicht gemacht, nämlich deine Alben selbst zu veröffentlichen wie es Marillion oder Nine Inch Nails tun. Wieso eigentlich?

Steven: Na ja, das habe ich, aber eben nicht mit Porcupine Tree oder meinen Soloalben. Ich habe ja noch ein Ambientprojekt mit dem Namen Bass Communion und viele dieser Alben sind auf meinem eigenen Label erschienen (Headphone Dust – Anm. d. Red.). Außerdem habe ich eine Serie von Singles unter meinem eigenen Namen gemacht, die „Cover Versions“. Wie du siehst habe ich das also gemacht, nur das Problem damit ist, und ich bin mir sich Marillion und Trent Reznor wären die ersten um das zuzugeben, wenn du an diesem Punkt der Selbstveröffentlichung angelangt bist, dann verkaufst du deine Alben nur noch an deine existierenden Fans und hast die Chance aufgegeben neue Leute zu erreichen. Das ist absolut in Ordnung wenn du Trent Reznor heißt, weil du Millionen von Fans hast (lacht). Marillion verkaufen ihre Alben jedes Mal an dieselben 30 bis 40 Tausend Leute, was in Ordnung ist, sie sind jedenfalls damit glücklich. Ich bin nicht damit zufrieden, ich will, dass Plattenlabel weiter für mich arbeiten, meine Musik weiter voranschieben und versuchen neue Leute zu erreichen, denn bei Musik geht es ums Teilen mit so vielen Menschen wie möglich und nicht darum so viel Profit wie möglich daraus zu schlagen. Auf dieser Tournee werde ich zum Beispiel eine Menge Geld verlieren, es wird mir nichts einbringen, aber es macht einfach riesig Spaß. Ich bin nicht in der Musikindustrie gelandet, weil ich Geld machen wollte, sondern weil ich der Idee verfallen bin Musik zu machen. Mit Selbstveröffentlichungen verkaufst du deine Musik nur an Leute, die sie bereits mögen. Du gibst dir nicht mehr die Möglichkeit darüber hinaus zu gehen und dafür, also Promotion eines Albums, sind Plattenfirmen immer noch sehr gut, deshalb werde ich das auch weiterhin nutzen.

CDstarts: Ist der Direktvertrieb von Musiker zu Käufer das Modell der Zukunft oder doch nur eine Alternative?

Steven: Vielleicht wird es in Zukunft keine Plattenfirmen geben, aber es wird sicherlich Firmen geben, die sich in Promotion und Marketing spezialisieren. Ich möchte jedenfalls nicht in der Position sein, Interviews, Presse, Promo und all das planen zu müssen. Meine Aufgabe ist es Musik zu schreiben, ich möchte nicht noch zusätzlich damit beschäftigt werden. Könnte ich mir das also eines Tages vorstellen? Ich glaube nicht, ich werde immer daran interessiert sein neue Menschen zu erreichen.

CDstarts: Der nächste Schritt für dich ist die Veröffentlichung des Albums, das du mit Mikael Ackerfeldt (Opeth) aufgenommen hast. Was kannst du uns über die Musik und die Mitwirkenden erzählen?

Steven: Das Album ist fertig und es wird im April veröffentlicht, hoffentlich bei Roadrunner. Wenn du mir die Frage noch vor drei Monaten gestellt hättest, würde ich sagen es ist das, was man am wenigsten von uns erwarten konnte. Da aber zwischenzeitlich „Heritage“ und „Grace For Drowning“ erschienen sind, glaube ich, dass die Leute doch eine ganz gute Vorstellung davon haben was wir zusammen machen, obwohl unser Album noch orchestraler und minimaler ist als „Heritage“. Es beinhaltet viele Streicher und Holzblasinstrumente, natürlich auch Gitarren und Gesang, aber es ist eben mehr ein schönes orchestrales Album, trotzdem ziemlich düster und verdreht. Wir beide lieben es und können nicht erwarten bis es veröffentlicht wird. Wenn es darum geht wer alles darauf spielt, Mikael und ich, ein Orchester, einige Holzbläser, Gavin Harrison (Porcupine Tree) spielt einige Perkussionsinstrumente. Es ist eine kleine Gruppe, mit der wir alles zusammen gemacht haben, keine von diesen Schwachsinns Email-Kollaborationen. Wir saßen alle zusammen im Studio, tauschten ständig Gitarren und Keyboards, alles auf die altmodische Art. Wir wollten keinen Superstarhaufen-Scheiß, keine Supergroup. Das ist etwas worüber wir beide besorgt sind, dass die Leute glauben es wird eine Art von Progressive Metal Supergroup und das ist das letzte was wir machen wollten. Einige werden also enttäuscht sein.

CDstarts: Gibt es einen Trend zurück zu der Musik der 70er Jahre? Die Alben von Opeth, Pain Of Salvation und auch deins gehen in diese Richtung.

Steven: Ich glaube es findet eine Anerkennung dafür statt, dass es die goldene Ära der Rockmusik war. Kann das eigentlich irgendjemand bestreiten? Ich glaube niemand kann das bestreiten. Wenn du Metallica oder Slayer als Beispiel nimmst, dann nehme ich an waren die 80er Jahre die bessere Zeit für Metalmusik, aber in der allgemeinen Rockmusik ist es nicht schwierig ein Argument dafür zu liefern, dass die 70er die goldene Ära waren mit Led Zeppelin, The Who, Pink Floyd. Wir sprechen jetzt über die Zeit vor MTV, vor der Idee, dass ein dreiminütiger Song ein und alles ist. Diese Typen machten einfach grandiose Alben, sie waren richtige Bands, die ihre Musik live im Studio aufnahmen. Aber es sind nicht nur die Rockbands, man kann egal welches Genre nehmen und auf die 70er schauend feststellen, dass es eine goldene Ära der Musik war. Nehmen wir die Singer/Songwriter: Neil Young, Joni Mitchell, Bing Crosby oder Bob Dylan machten fantastische Musik. Dann betrachtest du die Soulmusik und hast Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Aretha Franklin, sie sind fantastische, einzigartige Künstler. Für mich erscheint das so als ob es jetzt eine Anerkennung dessen gibt und das dürfte an der heutigen Dominanz der Computerbasierten Musikaufnahmen liegen. Viele Musiker haben erkannt, unter anderem die die du genannt hast, dass die Alben heutzutage nicht diesen Charakter haben den sie einmal hatten, weil sie wegen der Computer so klinisch klingen.

Du hörst nicht mehr die Luft, die die Musiker umgibt, ich weiß nicht wie ich das erklären soll, es fehlt das Glühen in der Luft, alles was du hörst sind perfekt abgestimmte, zeitlich perfekte und bis zum geht nicht mehr gemasterte Alben und das ist einfach langweilig. Ich kann einfach keinen Charakter und keine Körnung in der zeitgenössischen Musik finden, ich höre nicht diese Art von goldenem Leuchten. Hör dir ein altes Led Zeppelin Album an und fühle diesen Fluss und alles was damit verbunden ist, oder eine alte King Crimson oder Pink Floyd Scheibe. Jetzt haben wir die bessere Technologie und auch besseres musikalisches Können, es gibt Musiker da draußen die können jeden vom Platz fegen in Sachen Technik, aber die Musik die sie machen ist einfach Scheiße. Jugendliche lernen Gitarre zu spielen wie John Petrucci oder Steve Vai, diese Typen sind toll, ich mag deren Musik, aber die Kids lernen eine Gitarre zu spielen als ob es eine olympische Sportart wäre. Das ist verdammt langweilig. Ich höre lieber wie David Gilmour nur eine einzige Note spielt und damit dein Herz bricht, als das Steve Vai hundert Noten spielt und damit nichts aussagt, obwohl das nicht stimmt, weil Vai ein toller Gitarrist ist, aber ich meine die Gitarristen, die aus dieser Schule stammen.

Eine der Fragen, die mir am öftesten von Jüngeren gestellt wird, ist ob ich Ihnen einen Ratschlag geben kann. Ich sage ihnen, dass sie alle möglichen Musikstile hören sollen, so viel wie sie nur können, und dass sie nicht den Fehler machen sollen, zu glauben, dass Technik irgendwas mit dem Kreieren guter Musik zu tun hat. Es hat rein gar nichts damit zu tun, absolut nichts (!), das ist bloß eine Reduktion der Musik auf das Level einer olympischen Sportart. Du kannst die Basedrum schneller spielen als jeder andere? Irrelevant! Das ist noch nicht einmal Musik, bloß eine technische Übung. Du kannst bei youtube 12-jährige sehen, die besser Gitarre spielen können als die meisten 50-jährigen, in Sachen Technik sind sie unglaublich, aber weißt du wieso ich voraussage, dass keiner von denen je einen guten Song schreiben wird? Sie haben sich nie Songwriter angehört, sie hören bloß die Typen, die frickeln (im Englischen wird gerne shred benutzt – Anm. d. Red.). Hört euch Leute an, die richtig gute Songs geschrieben haben wie Joni Mitchell, Neil Young, Bob Dylan, Paul McCartney, John Lennon, Brian Wilson, Todd Rundgren, Marvin Gaye und vor allem ABBA. Das sind die Leute, die man hören sollte und zusätzlich die technisch versierten Musiker. Hört zum Beispiel Jeff Beck, das ist einer der wusste wann eine Note ausreichend ist… Ich kann mich noch nicht mal erinnern was die Frage eigentlich war (lacht).

CDstarts: Macht nichts, kommen wir zur letzten Frage. Auf der Bühne und auch im Studio bist du immer barfuß unterwegs. Warum ist das so bedeutend für dich?

Steven: Das ist nichts worüber ich mir je viele Gedanken gemacht habe. Seitdem ich ein Kind war sind Schuhe immer etwas Unbequemes für mich, ich bin immer barfuß rumgelaufen und habe mir die Zehen aufgestochen, indem ich auf Nägel oder Glasscherben getreten bin. Ich habe meine Mutter in den Wahnsinn getrieben, weil ich ständig mit blutenden Füßen nach Hause gekommen bin. Für mich ist das vergleichbar damit auf die Bühne zu gehen und mit Handschuhen an den Händen versuchen Gitarre zu spielen. Kannst du dir das vorstellen? So ist das für mich, ich fühle mich dann irgendwie unverbunden mit dem ganzen Erlebnis auf der Bühne. Es ist also nichts worüber ich mir Gedanken mache, die Leute finden das vielleicht interessant, aber das ist es nicht wirklich.

Das Interview führte Korneliusz Kraus


Diashow mit der Musik vom Konzert aus London - "No Part Of Me" und "Index":


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