Sarah Lesch Interviews

  • 09.08.2017
Kurzinterview mitSarah Lesch
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Sarah Lesch - News
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Die Liedermacherin aus Thüringen im Gespräch.

CDstarts: Welcher Film oder welches Buch hat dich im Leben am meisten inspiriert und wie lautet die Geschichte dahinter?

Sarah Lesch: Oh weia, bei Filmen schlafe ich einfach immer ein. Es gibt sicherlich einen Haufen schöne Filme, aber irgendwie bin ich da zu vergesslich oder hab nicht so das Filmhirn. Eher sind mir die Einflüsse oft zu krass, in Kombi mit der Geschichte und der dramatischen Musik. Danach fühl ich mich oft, wie durch den Fleischwolf gejagt, so emotional. Wahrscheinlich ist das auch der Grund dafür, dass ich immer einschlafe. Und jetzt wo ich schreibe merke ich, dass es da doch einen Film gab, den ich mit meinem Sohn angeschaut habe. „Der Fuchs und das Mädchen”. Er erzählt von einem Mädchen, welches sich mit einem Fuchs anfreundet und einmal nimmt sie ihn mit auf ihr Zimmer. Die Enge lässt ihn total ausflippen und er zerwütet das ganze Zimmer und verletzt sich am Ende dadurch, dass er durch das geschlossene Fenster springt. Als ich später einen dicken Liebeskummer hatte, fiel mir dieses Bild wieder ein. Daraufhin schrieb ich das Lied „Der Wolf”, weil ich mich durch die damalige Beziehung irgendwie domestiziert fühlte. Und das Buch, das mich am aller allermeisten (noch immer) inspiriert ist „Dr. Erich Kästners Lyrische Hausapotheke”. Da gibt es für jedes Seelenleid ein Kapitel. Sollte auch nicht in der Reise-Apotheke fehlen.

CDstarts: Auf welchem Album eines anderen Künstlers hättest du gerne mitgespielt?

Sarah Lesch: Am liebsten… äh… Reinhard Mey oder Hans Söllner (naja, da gibt es noch VIELE andere). Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Sowas muss sich auch einfach ergeben, finde ich. Das kann man so aus der Ferne nicht pauschal sagen. Ich durfte ja schon bei vielen tollen Künstlern mitmachen, auch das war für mich immer eine große Ehre.

CDstarts: Ist einer deiner Songs beim Publikum schon mal völlig anders angekommen, als du es erwartet hast? Welcher war es und was hat das mit dir gemacht?

Sarah Lesch: Haha! Oh Gott, ja klar. Oft ist das sehr lustig. Manchmal auch wieder für mich sehr inspirierend. Ich glaube nämlich nicht, allein alles zu wissen, was meine Lieder erzählen, bloß weil der Äther sie durch meine Feder gejagt hat. Oft schreibe ich und der Text erzählt mir dann etwas. Und ich höre ein Lied jedes Mal anders, je nachdem, wem ich es vorsinge oder wie ich selbst drauf bin. Das sind kleine Schatzkisten. Und jeder kann was anderes darin für sich entdecken, mich eingeschlossen.

CDstarts: Gab es schon mal einen Moment, in dem du die Musik am liebsten hingeworfen hättest? Wann war das und was hat dich motiviert, es doch nicht zu tun?

Sarah Lesch: Ja, es gab einen Moment. Da ging es mir echt beschissen, weil ich ein paar Schicksalsschläge erlebt hatte. Und es war schlimm für mich, dass mein Sohn zu seinem Papa gezogen ist, weil mein stressiges Tourleben sich nicht mit der Schulpflicht meines Kindes unter einen Hut bringen lässt. Das hat sehr wehgetan und ich hab mich gefragt, ob es das wert ist. Allerdings ging es da nicht um die Musik an sich, denn die würde ich immer machen, sondern eher um den Umfang und den vielen Stress, der sich dadurch ergibt, dass es eben hart ist, davon zu leben. Und es dauerte keine fünf Minuten, da fand ich mich mit der Gitarre in der Hand, einen neuen Song singen. Mit bandagierten Beinen, in Mitten verrotzter Taschentücher. Es war wie ein Geschenk, einfach da. Manchmal ist das so: „Und jetzt einen vor den andern Fuß. Noch ein Versuch, noch ein Entschluss. Noch ein Vorvorletzter, erster Kuss. Und einen vor den andern Fuß”. Aufgeben ist bei mir eigentlich keine Option, da muss schon viel passieren. Eins muss ich aber auch sagen: Würde ich die Musik nicht mehr mit Liebe machen können, dann würde ich es lassen. Wenn etwas Anderes mir irgendwann begegnet, das mir dann mehr gibt oder mich erfüllt, mich anzieht, dann würde ich mich nicht dazu zwingen. Das wäre ja Blödsinn.

CDstarts: Was war der übelste Job den du gemacht hast, um über die Runden zu kommen?

Sarah Lesch: Ich habe mal ein halbes Jahr in einer Spielhölle gearbeitet, als ich alleinerziehend war und es keinen anderen Job gab, der mit dem Kindergarten kompatibel war. Ich kam da über Kontakte ran. Das war echt schlimm. Also nicht für mich. Ich wusste ja immer, dass es für mich nur eine Durchgangsstation ist. Aber die Leute, die dort hingehen und langsam ihr Leben zerstören und man selbst dabei zuschaut, wie korrupt und scheiße das alles abläuft und man nichts sagen darf. Überall sind Kameras, man ist ständig unter Beobachtung, alle rauchen wie irre da drin. Das war krass! Trotzdem hatte ich dort ein tolles Team, hab viel gelernt und sehr schöne Menschen kennengelernt. Ihnen beim Verfall zuzusehen, war aber grenzwertig und mit meinem Gewissen nicht vereinbar.

CDstarts: Für welchen Spleen wirfst du privat am meisten Geld aus dem Fenster?

Sarah Lesch: Beeren! Und im Winter: Kürbisse. Im Ernst. Ich kann so viel davon essen, das glaubt mir keine Sau. Ansonsten liebe ich es hier in Leipzig durch die Second Hand Läden zu streunen und immer wieder etwas zu tauschen und neu zu haben. Das ist auch wie kreativ sein.

CDstarts: Mit welcher bekannten Persönlichkeit würdest du gerne mal im Riesenrad stecken bleiben wollen und warum?

Sarah Lesch: Hm. Mit Bibi Blocksberg. Sie ist der Held meiner Kindheit und sie könnte dann zum Beispiel den Dalai Lama dazu hexen oder Bob Dylan.

CDstarts: Welche Platte würdest du unbedingt als Pflichtkauf empfehlen und was ist das Besondere an ihr?

Sarah Lesch: Bob Marley: „African Herbsman”. Hilft gegen ALLES. Macht Sonne auf jeden Morgenkaffee.

CDstarts: Welche Wünsche oder Ziele verbindest du mit deinem „Da Draussen“-Album?

Sarah Lesch: Ich habe das Ziel, mit der Band die Songs noch zu entdecken. Und zwar während unserer Touren. Zu schauen, was die alles bieten und wie die Menschen darauf reagieren. Wie die Lieder wirken, wenn man sie anders kombiniert, Gedichte dazu liest. Das wird Riesenspaß machen. Dafür wäre es natürlich toll, wenn die Konzerte weiter so schön ausverkauft sind. Ein weiteres Ziel ist noch, dass ich wieder kleine Solo-Touren einbaue. So richtige Liedermacherkonzerte. Ganz klein. Das wünsch ich mir. Also alles. Mit Sahne und Streusel bitte.

CDstarts: Gab es bei den Aufnahmen des „Da Draussen“-Albums Missgeschicke, kleine Wunder oder große Tragödien?

Sarah Lesch: Missgeschicke? TAUSENDE! Die gibt es immer. Es ist so, wie wenn man ein Weihnachtsessen mit der Familie plant. Und dann passiert nen Haufen schräges Zeug und trotz der guten Vorbereitung, am Ende ist es für alle schön und anstrengend und alles auf einmal, aber vor allem geht alles nicht so, wie man dachte. Das ist ein Prozess. Missgeschicke ist vielleicht auch das falsche Wort. Man muss die Umstände nehmen und das mit einbinden. Aus der Not eine Tugend machen. Dadurch lebt das Album, finde ich. Ich bin zum Beispiel mitten in der Produktion durch einen Unfall ins Krankenhaus gekommen und hatte gleichzeitig krasse private Rückschläge. Aber dadurch sind wieder zwei neue Songs entstanden, die ich dann ganz unbedingt noch aufs Album machen wollte. „Einmal noch” (das mit dem Fuß von oben) und „September”. Es gehört also alles dazu. Beim letzten Album hatte der Produzent plötzlich einen Hörsturz. Tja, immer was los bei uns.

CDstarts: Wie lautet die Geschichte hinter dem „Da Draussen“-Plattencover?

Sarah Lesch: Ein sehr guter Freund von mir - Benni Hiller - ist Kriegsjournalist. Er macht wundervolle Portraits. Ich wollte, dass er mich fotografiert. Wir haben uns in einen Raum eingeschlossen und Bob Dylan gehört. Alles andere war rein intuitiv. So entstand das Cover. Die anderen Bilder erzählen zum Teil Dinge aus den Songs. Hier in Plagwitz am Kanal steht dieser Spruch: „Weniger ich, mehr wir.” Der kommt im Lied „September” vor. Wenn man es hört, weiß man den Zusammenhang. Und die Frau, die mich hält und hinten aus dem Fenster schaut, das ist meine geliebte Oma. Sie ist gestorben, bevor ich mein erstes Album gemacht hab. Das war der ausschlaggebende Punkt. Ich trauere noch immer. Und letztes Jahr war mir so einsam mit der vielen Arbeit, dass ich dachte, ich möchte sie wieder dabei haben. Mit mir herumtragen. Sie soll mir Halt und Kraft geben und darum ist sie auf dem Album verewigt. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken. Und ich habe gemerkt, wie wahnsinnig ähnlich ich ihr bin. Wie sie hinten auf dem Fenster in unserem Block nach draußen schaut, das kommt im ersten Album vor in einem Lied. Irgendwie ist sie so in meiner Erinnerung. Sie schaut und ich fange Grashüpfer und schramme mir die Knie blutig beim Rollschuhlaufen und merke nicht wie müde ich bin, bis sie mich zum Abendbrot ruft. Es ist gut, dass mittlerweile schätzen zu können. Aber meine Albumcover kann man erst verstehen, wenn man alles angehört hat und nochmal anschaut und dann wird man nie genau all die tausend Dinge sehen, die ich damit meine. Da säße ich morgen noch hier und würde schreiben.

CDstarts: Auf welchen Song des „Da Draussen“-Albums bist du besonders stolz und warum?

„Die Ballade von Frei Johnny”. Weil sie lyrisch so dicht ist und so unendlich viel erzählt, dass es Jahre dauern wird bis ich sie verstanden habe. Weil sie so „Brecht” ist und so ranzig klingt und einfach nur Akkordeon mit Gesang ist. Genauso wollte ich das. Sie birgt Geschichten, die ich erst erzählen werde, wenn ich eine Omi bin. Ganz sicher. Für wen sie tatsächlich geschrieben war zum Beispiel. Dafür ist noch nicht die Zeit.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Bildcredits: Markus Mlynek

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