Samavayo Interviews

  • 17.11.2018
Kurzinterview mitSamavayo
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Samavayo - News
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Behrang Alavi, Andreas Voland und Stephan Voland über essentielle Probleme des Daseins.

CDstarts.de: Wie war euer erster Kontakt zur Musik und was war der Auslöser, dass ihr entschieden habt, selbst Musik zu machen?

Behrang Alavi: Es war einfach geil, selbst Gitarre zu spielen und zu singen, irgendwelche Ideen zusammenzufügen, so ging das los, aber irgendwie konnte man damals nicht abschätzen, dass zusammen zu spielen mit Drums und Bass noch geiler wird und dann der erste Gig, das war am Anfang nicht ganz abzusehen.

Andreas Voland: Der erste Kontakt mit der Gitarre kam durch Freunde, später bekam ich eine alte Wandergitarre von 1920 von meiner Oma geschenkt. Auf den Stahlsaiten habe ich mir im wahrsten Sinne des Wortes die Finger blutig gespielt. Parallel wollte ich gleich eine Band gründen und Songs schreiben. Anfangs war ich in einer Band als Gitarrist und Sänger unterwegs. So habe ich auch Behrang im Chor kennengelernt, um singen zu üben oder mal bei ‘nem Jam im Proberaum, auch mit Stephan am Schlagzeug. Als meine damalige Band dann auseinander ging, gründete sich Samavayo neu und ich landete am Bass.

Stephan Voland: der erste Kontakt kam über Andreas, meinem Bruder und Bassisten von Samavayo. Er fing mit ca. 14 Jahren an Gitarre zu spielen und im Alltag rhythmisch rumzuklopfen. Das habe ich als jüngerer Bruder imitiert. Als ich dann mal in der Schule eine Band live spielen sah, beeindruckte mich vor allem der Drummer. Mit 14 fing ich dann selbst an Schlagzeug zu spielen. Einen direkten Auslöser kann ich gar nicht benennen. Sobald ich anfing das Instrument zu spielen, ergaben sich die Möglichkeiten. Zum Beispiel hatten wir in der Schule einen Bandraum, wo ich mit einem Keyboarder in den Pausen spielen konnte und Andi lud mich zu der einen oder anderen Jam-Session ein, wenn der Drummer seiner damaligen Band nicht konnte. In die erste Band kam ich durch eine Zeitungsanzeige. Ich schätze, es war letztlich eine bewusste Entscheidung, dass ich in einer Band spielen wollte, wie eben auch mein Bruder.

CDstarts.de: Welches war das erste Album, das ihr von eurem eigenen Geld gekauft habt – und welches das letzte? Habt ihr die Käufe bereut oder wart ihr zufrieden?

Behrang Alavi: Clawfinger oder Body Counts „Cop Killer“. Klassiker bis jetzt, nie bereut!

Andreas Voland: Die ersten Alben bekam ich hauptsächlich geschenkt, entweder als Kassetten überspielt oder als Schallplatte, z.B. Johnny Cash, Jimi Hendrix, Terrorgruppe, The Beatles, Nirvana. Meist irgendwelche Best Ofs, aber auch schön Techno aus dem Radio überspielt, 90er Jahre halt. An meine erste gekaufte Platte kann ich mich nicht mehr erinnern, sorry.

Stephan Voland: Die erste CD hatte ich beim Karneval der Kulturen gekauft. Da spielte eine Reggae-Band im strömendem Regen im Sommer. Die Atmosphäre war extrem genial, hippiehaft im Regen tanzend und ich musste die CD kaufen. Natürlich nie bereut. Die Band hieß Jamaram und das Album „Kalahassi“.

CDstarts.de: Gibt es für euch bestimmte Orte, die euch beim Musikmachen besonders inspirieren oder ist es euch egal, wo ihr Songs schreibt?

Behrang Alavi: Ich denke, es ist nicht egal, wenn man z.B. in fremde Länder oder weit weg reist, kommen einem immer besondere Ideen, wenn man besonders viel Ruhe hat, manchmal ist es aber auch ein aufwühlendes Ereignis, so gesehen denke ich, sind Orte und Ereignisse sehr bestimmend für Kreativität. Aber die meisten Bands schreiben Songs im Proberaum. Wir auch. Alles andere ist Luxus und passiert nicht so oft.

Andreas Voland: Stimmt, passierte eigentlich nur einmal. Zum Beispiel entstanden einige Ideen für das „Dakota“-Album spontan in Brasilien in einem Studio in Recife, zwischen Pool und Studio, das war auf jeden Fall etwas Besonderes. Es kam auch schon mal vor, dass wir ein cooles Riff bei einem Soundcheck entdeckt haben. Ich glaube aber, davon hat es keins auf ein Album geschafft.

Stephan Voland: Genau, der Song „Dakota“ von unserem gleichnamigen letzten Album entstand in Brasilien bei einer Drum- and Bass-Jamsession. Ansonsten sind nicht die Orte, sondern die Einflüsse während der Songwriting-Phase entscheidend. In der Songwriting-Phase für das aktuelle Album „Vatan“ war ich auf sehr vielen Konzerten und habe viel unterschiedlich Musik gehört, die mich dann inspiriert und zu eigenen Ideen geführt hat.

CDstarts.de: Gibt es eine Art stilistisches Markenzeichen, mit dem ihr eure Musik beschreiben würdet?

Behrang Alavi: Unsere Musik ist progressiv, sie hat orientalische (persische) Elemente und sie lebt von Energie und fettem Sound, darüber liegt relativ klarer melodiöser Gesang.

Andreas Voland: Generell könnte man vielleicht noch sagen, dass wir alle drei die Songs schreiben. Es gibt also nicht den einen Songwriter. Das sorgt gern auch mal für Reibereien im Proberaum. Letztendlich will jeder mit dem Song zufrieden sein.

Stephan Voland: Unser vorstechendes Markenzeichen sind, neben den orientalischen Elementen, sicherlich auch einige Songs mit persischen Lyrics. Ungerade und auch Tom-lastige Rhythmen, die trotzdem nicht zu vertrackt wirken, könnten eventuell auch ein Markenzeichen geworden sein. Es ist nach wie vor nicht einfach so etwas neutral zu beantworten, wenn man Teil der Band ist.

CDstarts.de: Spürt ihr eine Verantwortung, euren Hörern gegenüber, auch politische Denkanstöße zu geben oder spielt Politik in eurer Musik keine Rolle?

Behrang Alavi: Unsere Musik ist durch und durch politisch. Dort, wo wir mit der „Dakota“ angefangen haben, fahren wir auf „Vatan“ fort. Es geht um Täuschung, blinde Gefolgschaft, Aufbau der Heimat, Traumata durch Krieg, die den Tod von unschuldigen Kindern und die knappe Lebenszeit, die wir haben.

CDstarts.de: Stellt euch vor, ein echter Superstar würde einen eurer Songs covern. Wer sollte das sein und warum?

Behrang Alavi: PJ Harvey könnte gerne mal einen Song von uns singen, weil sie es drauf hat, Björk wäre auch ganz nett.

Andreas Voland: Von Johnny Cash wäre auch ganz geil, geht nun leider nicht mehr. Oder ein Aphex Twin-Remix.

Stephan Voland: Michael Jackson wäre geil, haha.

CDstarts.de: In Zeiten von MP3, Streaming-Diensten und Downloads wirkt das klassische Album-Format, insbesondere in physischer Form (CD/Vinyl), wie ein Relikt aus grauen Vorzeiten. Warum haltet ihr daran fest und wie steht ihr generell zu den neuen Musikvertriebswegen?

Behrang Alavi: Für viele Bands - auch uns - sind digitale Plattformen eine Chance. Natürlich funktioniert das alles nur solange es da unsere geilen Fans gibt, die unsere Tonträger und Merch im Allgemeinen kaufen. Das Album als solches ist für mich wichtig, weil es ein Werk ist. Das ist bei einem oder wenigen einzelnen Songs schwierig. Es gibt auf einem Album die Möglichkeit für besonderes Artwork, für ein oder mehrere Themen, für einen roten Faden, für einen Guss usw.

Andreas Voland: Ja die neuen Vertriebswege bieten natürlich eine höhere Reichweite. Allerdings kann es auch zu einer Art Verwässerung kommen oder Beliebigkeit. Jeder kann ja heutzutage seinen Content, sei es Musik, Film, Foto schnell im Netz präsentieren und sie sind schnell für jede/n, die/der über einen freien uneingeschränkten Internetzugang verfügt, erhältlich. Da ist Quantität manchmal eher das Motto als Qualität. Wenn du aber einen Tonträger veröffentlichen willst, gehört mehr dazu, u.a. auch ein höheres finanzielles Risiko. Da überlegt man es sich zweimal, ob man diesen Old-School-Weg geht. Insgesamt ist es aber einfach ein geiles Gefühl, wenn ein Fan deine Platte kauft. Es ist halt etwas Materielles, was zum Anfassen. Das ist einfach nochmal was anderes, als Daten im Netz.

Stephan Voland: So viel ich weiß, ist auch das digitale Format MP3 bzw. dessen Verkäufe stark rückläufig, weil es durch Streaming abgelöst wird. So gesehen, vergleichen wir hier physische Tonträger mit Streaming. Das wiederum bedeutet, dass es hier nur in einem Fall einen tatsächlichen Besitz gibt. Denn sobald eine Streaming-Plattform Pleite geht oder das Abo ausgelaufen ist, hat man auch die Musik nicht mehr, vergisst sie vielleicht sogar. Da ist eine physische Bibliothek sicherlich überlegen, zumal physische Datenträger auch ein echtes Erinnerungsstück für Zuschauer darstellen. Auf einem gestreamten Song lassen sich Autogramme schwer platzieren, haha. Und ein Stöbern in einer physischen Bibliothek wird auch immer Erinnerungen an bestimmte Bilder, Momente und Ereignisse ins Gedächtnis rufen. Gleichzeitig steigt die Reichweite durch Streaming-Plattformen enorm. Wir haben beispielsweise sehr viele Hörer in den USA, ohne dasss wir je Konzerte dort hatten. Und das wir Hörer in Moldawien, Indonesien, Japan, also Hörer in Dutzenden von Ländern haben, die wir sonst nie erreichen würden, ist natürlich schon Wahnsinn und wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen.

CDstarts.de: Woran messt ihr euren Erfolg? Bedeuten euch persönlich Chart-Platzierungen etwas oder ist kommerzieller Erfolg kein Maßstab für eure Kunst?

Behrang Alavi: Für mich ist der Erfolg, dass wir eine Fanbase haben, die wir ausbauen können, Shows an Orten spielen, an denen wir noch nicht waren, auf Festivals, die groß oder klein sind, wenn wir Fans haben, die unsere Platten vorbestellen und kaufen. Kommerzieller Erfolg, wenn er sich einstellt, ist cool, aber wir richten unser Schaffen nicht danach aus. Das kann nicht gut gehen.

Andreas Voland: Erfolg ist für mich, wenn das Publikum möchte, dass wir wiederkommen oder darauf warten, dass wir ein neues Album machen oder uns dazu ermutigen. Wenn sie wertschätzen, was wir tun oder auch einfach nur abgehen und beim Konzert Spaß haben.

Stephan Voland: Samavayos Erfolg ist für mich, dass wir es geschafft haben, über all die Jahre nicht auseinanderzubrechen. Viele Bands, die wir kennengelernt haben, gibt es schon längst nicht mehr. Wenn man es als Band schafft, dass keine privaten finanziellen Mittel mehr in die Produktion eines Albums, Merchandise oder in eine Tour fließen müssen, die Band sich also selbst trägt, dann hat man schon viel geschafft. Erfolg ist auch, über all die Jahre unvergessliche Momente erlebt zu haben. Wir haben vor 100.000 Leuten gespielt aber auch vor null, also nur für die andere Band, mit der wir an dem Abend gespielt haben. Beides war auf seine Art und Weise unvergesslich. Wir haben durch die Band auch viele Freunde gewonnen. Die Band ist für uns ein großer Teil unseres Lebens und gibt uns die Möglichkeit, uns selbst zu verwirklichen und auszudrücken. Es gibt keine Schranken und wir können unserer Kreativität freien Lauf lassen. Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich selbst in der Form zu verwirklichen. Das kann man gar nicht hoch genug bewerten.

CDstarts.de: Erzählt uns etwas zur Entstehung des „Vatan“-Albums: Wie lange habt ihr an den Songs geschrieben? Wie verliefen die Aufnahmen? Seid ihr glücklich mit dem Ergebnis oder würdet ihr am liebsten noch weiter an bestimmten Dingen feilen?

Behrang Alavi: Das Album haben wir in einem halben Jahr geschrieben, zwischen Spätsommer 2017 und April 2018. Die Aufnahmen bei Richard Behrens (Soundmann bei Kadavar), waren cool wie schon 2016 („Dakota“), aber wir waren etwas mehr unter Druck, weil wir so knapp vorher erst fertig waren, dennoch sind wir sehr zufrieden mit dem Ergebnis, aber das heißt nicht, dass, wenn wir könnten, wir nicht noch ewig daran herumfeilen würden. Ich glaube, das wird immer so sein, solange man Musiker ist.

Andreas Voland: Ja genau, das ist aber auch das Gute, ein Limit zu haben. Ewiges Feilen ist zum Beispiel gar nicht so meins, deswegen mag ich auch Sessions und Improvisationen. Alles entsteht spontan, aus dem Flow heraus. Mir gefällt der Part der Schaffensphase am meisten, wo die ersten Riffs entstehen, im Jam oder dann später im Studio, wenn es darum geht beispielsweise mit einem Moog Atmosphäre zu schaffen, weil das auch spontan entsteht.

CDstarts.de: Erklärt uns bitte den Albumtitel und die Bedeutung des Cover-Artworks von „Vatan“.

Behrang Alavi: Der Titel „Vatan“ ist persisch und bedeutet Heimat. Der Song „Vatan“ von Simin Behbahani, ist ein persisches Gedicht über den Aufbau der Heimat mit Händen, Blut, Schweiß und Tränen. Sie ist leider verstorben, war aber eine großartige Frau und Dichterin und ihr Gedicht ist sehr stark und tief. Heimat umreißt aber auch die Themen des Albums gut: Flucht, Diktatur, Marionetten, Kriegstraumata, der Hass der Mobs usw. Alles Themen, die uns beschäftigen.

CDstarts.de: Wie würdet ihr jemandem euer Album/eure Musik beschreiben, der euch und eure Musik bis jetzt nicht kennt?

Behrang Alavi: Es ist kraftvolle melodiöse harte Rockmusik mit zum Teil epischen, psychedelischen, progressiven und post-rockigen Elementen und bisher vermutlich unbekannten Elementen wie z.B. die persische Sprache.

CDstarts.de: Schottet ihr euch zum Songschreiben von der Außenwelt ab oder lasst ihr aktuelle musikalische Trends an euch heran, die in euer Songwriting einfließen?

Behrang Alavi: Es wäre schön, mal abgeschieden vom Alltag Songs zu schreiben, das hieße für mich aber nicht, dass ich die Außenwelt und die Ereignisse außen vor lassen würde, denn Sie gehören zu uns und unserem Leben und die gegenwärtige Lage ist in diesem Album genauso festgehalten, wie essentielle Probleme unseres Daseins.

Andreas Voland: Spannend sind doch auch gerade die Einflüsse anderer Bands und das gegenseitige Befruchten. Kunst ist Projektion und wir projizieren unsere Umwelt in unsere Musik. Interessant wäre es vielleicht mal, drei Monate ein Album in einem komplett anderen Land zu schreiben und die dortigen musikalischen Einflüsse und Instrumente oder auch Musiker einzubeziehen. Also vielleicht eine Abschottung derart.

Stephan Voland: Was in unserer Vergangenheit wohl am meisten an eine Form der Abschottung herankam, war die Aufnahme des „Lost“-Albums bei Kurt Ebelhäuser in der Nähe von Koblenz. Wir waren zehn Tage in einer anderen Umgebung, abseits von unserem privaten Umfeld und haben in einer Ferienwohnung übernachtet. Das war schon cool und auch irgendwie Luxus. Was die Abschottung von aktuellen musikalischen Trends betrifft, steht man in einer Songwriting-Phase womöglich sogar mehr unter dem Einfluss von aktuellen Trends. Ich höre, wie schon erwähnt, mehr Musik, unterschiedliche Genres und bin während der „Vatan“-Entstehung sehr häufig zu Konzerten gegangen. Aber das empfinde ich nicht als negativ. Selbst Radio/Chart-Musik kann einen doch beeinflussen, selbst wenn man es nicht will, haha. Aber generell sollte es ja keine Grenzen geben. Es lebt doch eh schon jeder in seiner eigenen Glocke. Und mein Leben und seine Facetten oder mein Umfeld oder die Zeit in der ich lebe, sind doch gleichzeitig wichtige Einflussfaktoren, um etwas Neues entstehen zu lassen.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Photo-Credit: Samavayo

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