Enno Bunger Interviews

  • 31.08.2019
Kurzinterview mitEnno Bunger
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Enno Bunger - News
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Warum „Die Amigos“ krass abgefeiert werden müssen.

CDstarts.de: Wer war in deiner Kindheit dein Vorbild/Idol und warum?

Enno Bunger: Ich hatte super viele Vorbilder, jeden Tag ein anderes, oft aber den Weihnachtsmann. Elf Monate Urlaub, geiler Bart, Schlitten fahren, und alle freuen sich, wenn Du vorbeikommst. Bestes Leben.

CDstarts.de: Wie und wo kommen dir Ideen für neue Songs in den Sinn?

Enno Bunger: Wie man so schön sagt: „literally“ – das kann überall, jederzeit passieren, in den unterschiedlichsten Stimmungslagen. Verkatert unter der Dusche, in der Bahn, bei langen Spaziergängen, nachts am Schreibtisch, morgens im Bett, beim Zeitung- oder Bücherlesen, wobei es hier dann mehr um die Textideen als um Musik geht. Musikideen meist im Proberaum oder im Wohnzimmer am Klavier und dann die schönsten Ideen kommen meistens nachts. Was Kreativität angeht, bin ich schon eher Eule als Lärche. Infolgedessen sehe ich auch inzwischen aus wie eine.

CDstarts.de: Es gibt sicher Musiker, die dich beeinflusst haben. Wir wollen natürlich wissen wer und warum?

Enno Bunger: Es gibt wesentliche Säulen, Musiker*innen, Bands und Songs, die mich musikalisch geprägt haben. Um ein paar zu nennen: Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“ war der erste Song, bei dem ich im Alter von acht Jahren erstmals so etwas wie Melancholie empfunden habe. Generell Künstler und Bands wie Oasis, Archive, Bon Iver, Bruce Hornsby, The National, Element Of Crime. Ich bin generell Fan von wahnsinnig vielen Künstlern, kann allen Musikrichtungen etwas abgewinnen, jede hat für mich ihre absolute Daseinsberechtigung. Guilty Pleasure zurzeit mal wieder: Die Amigos. Mach die an und ich habe sofort gute Laune. Und ganz im Ernst, ich find das so mega-gut, dass die sich auf die Seite der „Fridays For Future“-Bewegung bzw. auf die Seite der Wissenschaft stellen.

CDstarts.de: Du hast die freie Auswahl: Mit welchem Musiker oder Produzenten würdest du gerne ein Album aufnehmen? Begründe deine Wahl.

Enno Bunger: Will ich hier nicht verraten, wartet doch einfach mal meine nächste oder übernächste Platte ab, hab da so eine Idee.

CDstarts.de: CD, Vinyl, Tape oder digital – wie organisierst du deine (Sammel-)Leidenschaft für Musik?

Enno Bunger: Ich pflege und liebe meine recht große Vinylsammlung zuhause. Dadurch, dass ich sehr viel unterwegs bin, ist Streaming natürlich schon ein Segen für mich.

CDstarts.de: Welches („fremde“) Album aus deiner Sammlung würdest du unseren Lesern empfehlen und warum?

Enno Bunger: Max Richter - „Sleep“. fantastische Platte, um runter zu kommen, zum Schlafen, zum Spazieren.

CDstarts.de: Mal was ganz anderes: Beschreibe unseren Lesern, wie dein perfekter Urlaub aussieht. Hast du Tipps und Empfehlungen?

Enno Bunger: Ich bin in meinem Leben bisher nie viel gereist. Als Kind nicht, weil ich auf einem Bauernhof groß geworden bin und wir durch die Tiere an den Hof gebunden waren. Als Erwachsener nicht, weil ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe und in meinem Beruf ja schon sehr viel, zumindest im deutschsprachigen Raum, unterwegs bin und auch weitestgehend meinen ökologischen Fußabdruck klein halten möchte. Habe aber neulich zum ersten Mal Europa verlassen, für einen vierwöchigen Roadtrip von Las Vegas zum Grand Canyon, über Joshua Tree nach L.A. unterwegs, dann den Pacific Coast Highway hoch, über San Francisco und Portland nach Montana an die kanadische Grenze. Inspiriert von dieser Reise ist auch der Song „Kalifornien“ entstanden. Während der Reise habe ich mir in mühevoller Kleinarbeit dafür für jeden Tag und jeden Ort, durch den wir gefahren sind, eine Playlist zusammengestellt und an quasi den Originalschauplätzen die entsprechenden Songs zu hören, z.B. den „Twin Peaks“-Soundtrack in San Francisco usw. Das war toll. War auf jeden Fall die schönste Reise, die ich je gemacht habe, würde ich am liebsten jedes Jahr wieder machen, wenn das dreckige Fliegen nicht wäre. Ansonsten finde ich, kann auch ein Urlaub auf Balkonien zu Hause in Hamburg sehr entspannend sein, wenn man diese Zeit dann auch wirklich als Urlaub definiert und sich locker macht.

CDstarts.de: Welcher Song deines neuen Albums „Was berührt das bleibt“ war in der Entstehung bzw. bei den Aufnahmen der härteste Brocken und warum?

Enno Bunger: Das Album hat mehrere Brocken, einer davon ist sicherlich „Konfetti“, der Song, den ich für Lena, die verstorbene Frau meines Schlagzeugers, geschrieben hab. Gleichzeitig war das wichtige Seelenarbeit, ihr ein Denkmal zu setzen und Musik machen hilft da auf jeden Fall auch in der Bewältigung des Verlusts eines geliebten Menschen.

CDstarts.de: Mit Blick auf dein neues Album: Wie wichtig sind für dich im digitalen Zeitalter noch Dinge wie Cover-Artwork und Booklet-Gestaltung?

Enno Bunger: Sind für mich immer noch genauso wichtig wie früher. Ich bin Fan der Haptik und hab mir da mit meinem Fotografen Dennis Dirksen und meinem Artworker Stefan Mückner natürlich ausführliche Gedanken gemacht. Der Textanteil der Platte ist hoch wie nie zuvor, umso wichtiger war mir, dass wir die Texte ins Booklet bekommen und es gleichzeitig aber auch schön anzusehen ist. Das Cover sollte auch durch das positiv-warme Orange ein Gegenpol setzen zu den traurigen Elementen des Albums und bei aller Melancholie meiner Person zumindest farblich die positive Kernaussage und die darin mitschwingende „Arschtritt-Mentalität“ unterstreichen.

CDstarts.de: Welche Rolle spielen für dich die Texte des Albums? Willst du echte Inhalte vermitteln oder sollen die Worte nur gut zur Musik passen?

Enno Bunger: Ich arbeite an den Texten zeitlich dreimal länger als an der Musik. Wenn man auf Deutsch schreibt, sind die Texte unmittelbar für jeden hier verständlich. Ich singe zwar zum Teil über oft besungene Themen, vom Leben, Lieben und Sterben, aber bei all dem, was es schon an Songtexten gibt und auch bei all den Songtexten, die mir zu einfach und zu oberflächlich sind, steht man dann vor der Aufgabe, seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, besondere Worte zu finden, die noch nicht so abgenutzt sind, die inhaltlich, poetisch oder sprachlich auch mal überraschen und zunächst vor den Kopf stoßen. Mir ist es wichtig, dass ich in einem traurigen Lied auch mal anecke, die Traurigkeit mit einem Witz breche, und umgekehrt in den positivsten Songs auch über Melancholie und Ängste singe.

CDstarts.de: Warst du bei den Aufnahmen zu Was berührt das bleibt“ ein penibler Kontroll-Freak, der solange alles wiederholt, bis es perfekt ist oder hast du einfach spontan den Moment einfangen wollen?

Enno Bunger: Ich bin bei einer Produktion eigentlich absoluter Perfektionist, jeder Ton ist wohlüberlegt, jeder Sound muss an seinem Platz sein und ich habe jeden Song vor der Studiozeit schon zu Hause in allen Spuren vorproduziert. Aber manchmal gibt es Gesangstakes, bei denen ich absichtlich das vermeintlich schlechtere, kratzigere, manchmal auch schiefere Take genommen hab, damit der Song organischer, menschlicher und verletzlicher klingt.

CDstarts.de: Feuer frei! Was müssen unsere Leser unbedingt noch über dein neues Album Was berührt das bleibt“ wissen?

Enno Bunger: Ich freue mich über jeden, der reinhört. Es mag abgedroschen klingen, aber es ist ein sehr persönliches und emotionales Album, mit dem ich die zwei Krebserkrankungen und einen Tod von mir nahestehenden in meinem Umfeld verarbeitet hab, und trotzdem ist es ein Arschtrittalbum, zumindest für mich. Ein Highlight auf der Platte ist für mich immer noch der Song „Ponyhof“, der eine tatsächlich so gesungene Hochzeitsrede an meinen besten Kumpel ist. Was die eher traurigen Songs zu den Themen Krebsdiagnose, Verlust und Depression betrifft, können und wohlmöglich sollen traurige Songs auch erst einmal runterziehen, aber wenn man die Platte ganz hört, dann kann man glaube ich spüren, dass ich einen versöhnlichen Umgang mit dieser Zeit gefunden, abgeschlossen und losgelassen habe.

CDstarts.de: Zum Schluss möchten wir noch wissen, was du als deinen bisherigen Karrierehöhepunkt bezeichnen würdest und warum?

Enno Bunger: Ich war vergangenen Samstag auf der #unteilbar-Demo in Dresden und habe dort zwei Songs vor irgendwas zwischen 20.000 und 40.000 Menschen, unter anderem meinen 2015 veröffentlichten Song „Wo bleiben die Beschwerden“ gegen Rassismus gesungen. Diesen Song dort zu singen und zu sehen, diese Bestätigung zu erfahren, dass so viele Menschen gegen den Hass und die Verrohung auf die Straße gegangen sind, und zu wissen, hier in der Geschichte auf der richtigen Seite zu stehen, das hat mich sehr glücklich gemacht. Zu sehen, dass die ganzen vernunft-orientierten, empathischen Menschen, die eigentlich eher moderat, verhalten und leise sind, jetzt laut werden und auf das Unrecht aufmerksam machen, dass wir durch die Lautstärke wieder die sind, die die Themen setzen, die unmissverständlich auf die wissenschaftlich erwiesene Klimakrise hinweisen und dass das mehr und mehr endlich, und ich hoffe, nicht zu spät, in weiten Teilen der Bevölkerung und langsam auch in der Politik, ernst genommen wird, stimmt mich gerade endlich wieder optimistisch, was unsere Gesellschaft betrifft.

Bearbeitet von für CDstarts.de
Photo-Credit: Dennis Dirksen

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